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Geschichte

Mahnung wider das Vergessen

Eine Tafel soll am Kulturhaus in Sinzing an Ungerechtigkeiten in der NS-Zeit erinnern. Der Gemeinderat entscheidet.
Von Elisabeth Angenvoort

Die Initiatoren des Antrags Bernhard Ostermeier, Klaus Nebl und Josef Fischer vor der ehemaligen Gaststätte Pommer Foto: Angenvoort
Die Initiatoren des Antrags Bernhard Ostermeier, Klaus Nebl und Josef Fischer vor der ehemaligen Gaststätte Pommer Foto: Angenvoort

Sinzing.Seit dem Jahr 1933 mag viel Zeit vergangen sein, doch niemals wird eine Zeitspanne lange genug andauern, um zu vergessen, was nicht vergessen werden darf. In Rudolf Ottlingers Ortschronik von Sinzing, herausgegeben durch die Gemeindeverwaltung Sinzing im Jahr 2005, wird berichtet, dass der damalige Bürgermeister Georg Pommer laut Gemeideratsprotokoll vom 22. März 1933 auf Anordnung des kommissarischen Innenministers, Gauleiter Adolf Wagner seines Amtes enthoben wurde und „das Gemeindesiegel, Schlüssel z. Gemeindekanzlei und 215 Mark anfallende Gebühren auf den Tisch“ legte. Wie es dazu kommen konnte, schildert der Chronist ausführlich anhand entsprechender Dokumente, die in den Archivräumen der Gemeinde Sinzing eingesehen werden können.

Das „rote Dorf“

Ausschnitt aus dem Protokoll des Sinzinger Gemeinderats vom 22. März 1933 Foto: Klaus Nebl
Ausschnitt aus dem Protokoll des Sinzinger Gemeinderats vom 22. März 1933 Foto: Klaus Nebl

Die Bevölkerung Sinzings war bereits vor dem Ersten Weltkrieg durch die Arbeiterklasse geprägt. Spätestens im Revolutionsjahr 1848 gewann der Begriff „Freiheit“ auch für die in Sinzing lebenden Menschen entscheidend an Bedeutung. Damals waren es insbesondere junge Leute, die sich mit den Arbeitern der Tabakfabrik und Mühlen zusammenschlossen und für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten. Für das Jahr 1906 lässt sich in Sinzing eine sozialdemokratische Ortsgruppe nachweisen, deren Mitglieder in erster Linie die durch die Industrialisierung benachteiligten Arbeiter waren. In der Folgezeit verschlechterten sich die Zustände für die hier lebenden Menschen immer mehr; „die Arbeiterschaft wurde unruhig und die Politiker aktiv“, heißt es in der Ortschronik. Die Gaststätte Pommer wurde zum Versammlungsort der „Roten“, der stärksten Partei im Ort bis zur Machtergreifung der NSDAP. Georg Pommer wehrte sich gegen den zunehmenden Einfluss der Nationalsozialisten und ließ keine Veranstaltungen der SA und NSDAP in seinem Wirtshaus zu. Nach 1933 unterband im Gegenzug die SA den Sinzinger Bürgern jeden Besuch in der Gaststätte Georg Pommers; der wirtschaftliche Schaden war enorm. Letztlich war Pommer gezwungen, seinen gesamten Besitz weit unter Wert zu verkaufen und Sinzing zu verlassen.

Die nun für das Jugend- und Kulturhaus (vormals Gaststätte Pommer) geplante Gedenktafel möchte an diese Geschehnisse erinnern und zugleich Mahnung dafür sein, dass die nach dem Krieg errungene freiheitlich-demokratische Grundordnung zu jeder Zeit kompromisslos erhalten werden muss. Dafür setzen sich die Sinzinger Bürger Klaus Nebl, Josef Fischer und Bernhard Ostermeier mit der Initiative eines Bürgerantrags ein. Unterstützt wird der Antrag von Mitgliedern der SPD, der Linken, der Grünen sowie der Freien Wähler. Auch der Regensburger Fotograf Stefan Hanke („KZ-Überlebt“, Photoprojekt 2016) hat unterzeichnet. „Warum ausgerechnet die CSU sich verweigert, ist mir ein Rätsel“, sagt Nebl nach der Mitteilung des Sinzinger Arbeitskreises Kultur im Juni, die Beteiligung endgültig abzulehnen. Sinzing sei eine christlich geprägte Gemeinde: gerade „aus christlicher Pflicht heraus“ müsse man alles unternehmen, um „die gewonnene Freiheit zu verteidigen“.

Anbringung einer Gedenktafel

  • Text:

    „Dieses Haus beherbergte bis zum Jahr 1933 die Gaststätte Pommer (...). Mit der Machtergreifung der NSDAP wurde Georg Pommer seines Amtes als Bürgermeister enthoben (...). Alle kirchlichen und linken Bewegungen wurden von den Nazis verboten (...). Diese Inschrift soll als Erinnerung und Mahnung dienen, alles zu unternehmen, unsere gewonnene Freiheit zu verteidigen.“ (in Auszügen)

  • Geplanter Ort:

    Jugend- und Kulturhaus Sinzing, Fährenweg (vormals Gasthaus Pommer)

  • Bürgerantrag:

    Es ist der erste Bürgerantrag in der Amtszeit des Sinzinger Bürgermeisters Patrick Grossmann.

  • Voraussetzung:

    Mit 68 gültigen Stimmen (das entspricht einem Prozent der wahlberechtigten Bürger in Sinzing) kann der Antrag formal angenommen werden.

  • Entscheidung:

    Ist die Zulässigkeit des Antrags dann festgestellt, hat ihn der Gemeinderat innerhalb von drei Monaten zu behandeln. In der September-Sitzung will der Gemeinderat darüber diskutieren.

Erster Bürgerantrag

Sinzings erster Bürgermeister Patrick Grossmann, der nach eigener Aussage zum ersten Mal in seiner Amtszeit mit einem Bürgerantrag zu tun hat, äußert sich bisher zurückhaltend und verweist auf die „nicht korrekte Darstellung des Sachverhaltes“. Es sei zwar eine Tatsache, dass Georg Pommer von 1929 bis 1933 das Amt des ersten Bürgermeisters von Sinzing innehatte und im Besitz der damaligen Gaststätte Pommer war; doch ob man von „Vertreibung durch die Nationalsozialisten“ sprechen könne, sei zumindest fraglich.

„Wir brauchen auch in Sinzing eine aktive Erinnerungskultur.“

Bürger Klaus Nebl

Da der Antrag die formalen Voraussetzungen erfüllt, das heißt von mindestens einem Prozent der wahlberechtigten Bürger unterschrieben wurde, werde man nach der Sommerpause im September darüber im Gemeinderat diskutieren. Sollte der Antrag angenommen werden, haben die Entscheidungsbefugten drei Monate Zeit, um über eine Anbringung der Gedenktafel am Kulturhaus in Sinzing abzustimmen. Als ein Mittelpunkt des sozialen und kulturellen Lebens in Sinzing wäre die ehemalige Gaststätte Pommer gerade in der Gegenwart ein prädestinierter Ort für eine Inschrift, als Botschaft und Mahnung, die Freiheit immer zu bewahren und zu verteidigen. „Wir brauchen auch in Sinzing eine aktive Erinnerungskultur“, betont Nebl. Darum sei es gerade an diesem „historisch belasteten Ort“ wichtig, an das Unrecht zu erinnern, das vielen Menschen durch die Nationalsozialisten widerfahren ist. „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt“ (Esther Bejarano, eine der letzten Überlebenden von Auschwitz).

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