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Urteil

Kindesmissbrauch: Mann muss in Haft

Ohne die Anzeige einer Frau (25) wäre die Tat nie geklärt worden. Ein „quälend langes Video“ überführte dann aber auch sie.
Von André Baumgarten

An zwei Tagen verhandelte das Amtsgericht in Schwandorf – bis auf die Anklageverlesung und das Urteil aber nichtöffentlich.
An zwei Tagen verhandelte das Amtsgericht in Schwandorf – bis auf die Anklageverlesung und das Urteil aber nichtöffentlich. Foto: Baumgarten

Schwandorf. Unumstößlicher Beweis für den sexuellen Missbrauch eines gerade drei Monate alten Säuglings war ein „quälend langes Video von neun Minuten“, wie Amtsgerichtsdirektor Ewald Ebensperger sagte. Darüber, was im Oktober 2012 in der Wohnung eines heute 29-Jährigen in Maxhütte-Haidhof passiert ist, hat das Amtsgericht am Mittwoch geurteilt: Zwei Jahre und drei Monate muss Michael S. in Haft; die mit ihm angeklagte Christina M. (beide Namen geändert) ist zu 21 Monaten auf Bewährung verurteilt worden.

Zwei Tage hatte das Schöffengericht – mit Ausnahme der Anklageverlesung und des Urteils – ausschließlich nichtöffentlich verhandelt. Den Anträgen der beiden Rechtsanwälte Thomas Winkelmeier und Michael Haizmann gab das Gericht am 22. Februar statt und weitete die Nichtöffentlichkeit auch zum Schutz der Intimsphäre aller Zeugen, die in Sitzungssaal 6 im Amtsgericht in Schwandorf gehört wurden, dann nochmals aus. Vier Bekannte der Angeklagten und dazu zwei Beamte der Amberger Kriminalpolizei waren geladen; zudem sagte eine Sachverständige aus.

29-Jähriger filmte neun Minuten lang

Letztlich war das Schöffengericht davon überzeugt, dass es am 13. Oktober 2012 in der Wohnung von Michael S. zu einem sexuellen Übergriff des damaligen Paares auf den kleinen Sohn der Angeklagten kam. Bei einer von nur zwei Übernachtungen der jungen Frau in Maxhütte-Haidhof forderte der 29-Jährige sie zu dem sexuellen Missbrauch auf – während er ihre oralen Handlungen an dem Säugling filmte, stimulierte der Angeklagte die junge Frau zudem. Kennengelernt hatten sich beide in einem Internetchat und über einige Monate eine sexuelle Beziehung gepflegt. Mittlerweile leben sie im Raum Regensburg.

Sechs Zeugen wurden vom Schöffengericht gehört; zudem eine Sachverständige.
Sechs Zeugen wurden vom Schöffengericht gehört; zudem eine Sachverständige. Foto: ba

Ans Licht kam der sexuelle Missbrauch letztlich, weil Christina M. ihren Ex im Juni 2014 mit ihrem Betreuer bei der Polizei anzeigte. Aber mit falschen Angaben: Er habe kinder- und tierpornografische Daten auf seinem Computer. Im Lauf der Ermittlungen verstrickte sich die 25-Jährige in Widersprüche und räumte die Tat letztlich doch ein. Dass der 29-Jährige sie mit Messer oder Pistole bedrohte, „das glauben wir nicht“, sagte Ebensberger in der Urteilsbegründung. Sie habe sich die Bedrohung ausgedacht, aus Scham für die Tat, um es vor sich selbst zu entschuldigen. Das Gericht war allerdings davon überzeugt, dass das Ganze kein eigener Gedanke der Mutter war, so der Vorsitzende.

Michael S. hatte dagegen behauptet, die 25-Jährige habe den Säugling missbraucht, was er zunächst nicht mitbekommen haben wollte. Spätestens nach Sichtung des Videos war laut Gericht jedoch klar, dass seine Aussage, er habe nicht gewusst, was er filmte, nicht aufrechtzuerhalten war. Das Video hatten Ermittler bei der Wohnungsdurchsuchung des Mannes von einer SD-Karte wiederhergestellt – diese war schon gelöscht. Auf dem PC des Angeklagten fanden sich laut Ebensberger keine weiteren Bilder oder Videos.

„Man hat wirklich gesehen, dass der Angeklagte ein Interesse hatte, dazu ganze zu filmen und er auch gesehen hat, was er gefilmt hat.“

Vorsitzender Richter Ebensberger, Amtsgericht Schwandorf

Der Nachweis für einen angeklagten schweren sexuellen Missbrauch wegen der gemeinschaftlich begangenen Tat war laut Gericht nicht zu führen. Michael S. wurde wegen Anstiftung zum sexuellen Missbrauch von Kindern und sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit dem Beschaffen kinderpornografischer Schriften zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Christina M. wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung.

Angeklagte ist leicht beeinflussbar

Zugunsten der Angeklagten wurde gewertet, dass beide nicht vorbestraft waren. Trotz niedriger Intelligenz „im Ausmaß einer Lernschwäche“ sei die 25-Jährige leicht beeinflussbar, aber schuldfähig. Da sie das dritte Kind erwartet, wurde von Geld- oder Arbeitsauflagen abgesehen. Als besondere Umstände wertete das Gericht die Beeinflussung durch Michael S. – zudem wäre die Tat ohne sie „nie aufgeklärt worden“. Der Strafrahmen von sechs Monaten bis zehn Jahren (siehe Info) gelte beim 29-Jährigen „als Anstifter wie für einen Täter“. Der Unrechtsgehalt sei bei ihm höher.

Das Gericht gehe dennoch davon aus, dass der drei Monate alte Säugling keine psychischen Schäden davontrug, sondern „gar nicht mitbekommen hat, was eigentlich passiert ist.“

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Das besagt das Gesetz

  • § 176 StGB:

    Sexueller Missbrauch von Kindern unter 14 Jahren wird laut Gesetz mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet. Als solches gilt auch, wenn Opfer gezwungen werden, sexuelle Handlungen an Dritten vorzunehmen oder sie an sich vornehmen lässt, besagt der Text des Strafgesetzbuches. Dabei ist schon der Versuch strafbar.

  • § 174a StGB:

    Von schwerem sexuellen Missbrauch geht man im Gesetz unter anderem aus, wenn „die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen“ wird. Das, so ergab die Hauptverhandlung, war im vorliegenden Fall nicht so. Der Angeklagte hatte – das belegt auch das Video – keinerlei sexuelle Handlungen am nur drei Monate alten Säugling vorgenommen. (ba)

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