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Diskussion

Nicht nur im Netz wird gehetzt

In Hemau mühten sich Podiumsteilnehmer daran ab, wie Hass, Hetze und Lügen im Internet eingedämmt werden können.
Von Michael Scheiner

Podiumsdiskussion „Hass, Hetze, Lügenbotschaften weltweit – Heimat: Werte, Worte, Wirklichkeit“ mit Bernhard Setzwein, Sophia Weigert, Peter Geiger, Dr. Vera Bachmann und Mathias Wagner (v.l.)  Foto: MICHAEL Scheiner
Podiumsdiskussion „Hass, Hetze, Lügenbotschaften weltweit – Heimat: Werte, Worte, Wirklichkeit“ mit Bernhard Setzwein, Sophia Weigert, Peter Geiger, Dr. Vera Bachmann und Mathias Wagner (v.l.) Foto: MICHAEL Scheiner

Hemau.Warum man denn Facebook nicht einfach den Hahn abdrehe, wollte ein Zuhörer am Ende der Podiumsdiskussion wissen. Angesicht von über zwei Milliarden Mitgliedern – nach eigenen Angaben des Unternehmens – und unternehmerischen Freiheiten erübrigte sich eine Antwort auf diese Frage, die letztlich auch die Hilflosigkeit von Politik und gesellschaftlichen Institutionen widerspiegelte.

Im Rahmen der Literaturtage im Oberpfälzer Jura veranstaltete die Hans-Seidel-Stiftung eine Ausstellung und eine Podiumsdiskussion zum Thema „Hass, Hetze, Lügenbotschaften weltweit“. Damit verbunden die Frage, ob dem mit „Heimat: Werte, Worte, Wirklichkeit“ etwas entgegengesetzt werden könne. Unter Leitung des MZ-Autors und Pädagogen Peter Geiger diskutierten die Medienwissenschaftlerin Dr. Vera Bachmann, Sophia Weigert, Studentin und Fridays-for-Future-Aktivistin, Mathias Wagner, Produktleiter Social Media vom Medienhaus der Mittelbayerischen, und der Schriftsteller Bernhard Setzwein über Strategien gegen die üblen Auswüchse in den sozialen Medien, allen vorweg Facebook.

Mit einem Impulsreferat setzte Setzwein einige Duftmarken und stellte die – nicht nur rhetorische – Frage: „Taugt Heimat als Bollwerk gegen die Welt?“ Dazu berief er sich tapfer auf den urbayerischen Filmemacher und Künstler Herbert Achternbusch, der in seinem Film „Servus Bayern“ (1978) gesagt hat: „Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe solange, bis man ihr das anmerkt.“

„Heimat“ ist kein Gegenmittel

Aber selbst dieses trotzige verbale Statement, musste Setzwein konstatieren, verpufft angesichts der realen Verhältnisse völlig wirkungslos. Ähnlich, wie auch politische Bemühungen, die Social-Media-Unternehmen zu verpflichten, gegen die menschenverachtenden Auswüchse vorzugehen, bislang weitgehend ins Leere gelaufen sind.

Freilich hängt das auch damit zusammen, dass „Hass, Hetze und Verleumdung keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der bösen Welt da draußen ist“, nimmt Setzwein seine direkte, letztlich unser aller Umgebung, wach in den Blick. Eine Heimat, die „nur all zu gerne zum Rückzugsrefugium fürs Gute“ stilisiert werde, sei „leider ganz genauso in der Lage“, Kübel verbalen Drecks und übler Beleidigungen hervorzubringen, lautet sein nüchternes Fazit.

Heutige Heimat

  • Idee:

    „Heutige Heimat muss anders sein. So wie es Stadtteil-Kooperativen vormachen, genossenschaftliche Versorger-Ringe und private Waldkindergärten, Alten-WGs. Dort wird jenes Gesprächs- und Umgangsklima vorherrschen müssen, das ich mit Mäßigung, Vermittlung, Ausgleich beschrieben habe, sonst kann das nicht funktionieren. Und es klappt ja auch, wie viele Beispiele zeigen.

Ins gleiche Horn bläst auch Weigert, wenn sie fragt, ob es reicht, Medienkompetenz in den Lehrplänen der Schulen zu verankern, und die Antwort gleich mitliefert: „Nein, es reicht nicht!“ Dennoch sieht sie Bildung als „wissenschaftstheoretische Grundausbildung, einen gesunden Skeptizismus“ und keineswegs zuletzt „eine Portion Humor“ als richtiges und notwendiges Handwerkszeug, um besser mit den Herausforderungen des Internets umzugehen.

Wagner angesprochen darauf, wie er mit solchen Kommentaren umgehe, berichtete von einer Software, die seit kurzem eingesetzt werde und „erstaunlich zuverlässig“ derartige Posts herausfiltere. Diese würden dann gelöscht oder der Staatsanwaltschaft weitergeleitet, mit der man kooperiere. Er habe allerdings feststellen müssen, dass „selbst übelste Ausfälle oft unter die Meinungsfreiheit“ fielen und nur in seltenen Fällen juristisch dagegen vorgegangen werde. Er berichtete von einem Hater, den er kenne und der persönlich „ein netter Kerl“ sei, mit dem man sich gut unterhalten könne. Wenn der sich aber an den Computer setze, werde er zu einem „anderen Menschen“, was Setzwein in einem Einwurf stark bezweifelte.

Stimme und Gesicht fehlen

Heute würden auch Menschen unter ihren richtigen Namen Beleidigungen und Hassbotschaften verbreiten, wies Bachmann auf aktuelle Entwicklungen hin. Im Netz fehlten einfach „das Gesicht, die Stimme und Geschichte“ eines Gegenübers. Weitgehend Ratlosigkeit herrschte bei den Überlegungen, wie diese negativen Auswüchse eingedämmt werden könnten. „Wenn nicht einmal der Staat seine Politiker schützt“, verwies Bachman auf den Fall von Renate Künast. Deren Anzeigen wegen besonders übler Schmähungen wurden kürzlich von einem Gericht mit dem Verweis abgeschmettert, das müssten sich Politiker gefallen lassen.

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