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Naturgewalt

Nittendorf: Vor 110 Jahren kam die Flut

Im Februar 1909 hieß es an der Schwarzen Laber plötzlich „Land unter“. Zwei Menschen kamen damals ums Leben.
von Paul Neuhoff

Auch 1956 stand Laaber unter Wasser. Das Hochwasser von 1909 war allerdings etwa doppelt so groß. Foto: Archiv/Knott
Auch 1956 stand Laaber unter Wasser. Das Hochwasser von 1909 war allerdings etwa doppelt so groß. Foto: Archiv/Knott

Nittendorf.Vor 110 Jahren, Anfang Februar 1909, hieß es für die Anwohner an der Schwarzen Laber, aber auch an weiteren Flüssen wie Naab und Vils „Land unter“. Das plötzlich einsetzende Hochwasser, dessen Scheitel am 6. Februar gemessen wurde, erreichte einen vorher nicht gekannten Umfang, forderte Menschenleben und richtete immense Schäden am Boden, an Gebäuden, Gerätschaften und Hausrat an. Auch Tiere kamen in den Fluten in großer Zahl um.

An der Schwarzen Laber traf es vor allem die Orte am Unterlauf des Flusses wie Deuerling, Schönhofen und Sinzing besonders hart. Aber auch Beratzhausen und Laaber hatten große Probleme. Die meisten Brücken wurden fortgerissen.

Flucht auf den Dachboden

In alten Unterlagen, die unserer Zeitung vom Wasserwirtschaftsamt Regensburg und von Hobby-Heimatforscher Max Knott aus Nittendorf zur Verfügung gestellt wurden, kann man das Ausmaß der Katastrophe und deren Werdegang nachvollziehen. So heißt es in einem Zeitungsbericht über die Auswirkungen in Schönhofen: „Von einigen Häusern sah man nur noch das Dach aus den Fluten ragen. Fensterstöcke, Türen, Scheunen, Schupfen, Tische, Stühle, ja ganze Wägen wurden eine Beute des Wassers. Sattler Staudigl musste mit seiner Familie zwei Tage und eine Nacht auf dem Dachboden ohne Wasser und Nahrung ausharren.“

Bäckermeister Konrad Altmann von Schönhofen zeigt die Wasserhöhe der Schwarzen Laber im Februar 1909 an. Hinten die Laberbrücke Foto: Neuhoff
Bäckermeister Konrad Altmann von Schönhofen zeigt die Wasserhöhe der Schwarzen Laber im Februar 1909 an. Hinten die Laberbrücke Foto: Neuhoff

Weiter erfuhr der Leser, dass es dem Obermeier sämtliches Brennholz weggeschwemmt und dem Bäcker Altmann alle Waren vernichtet hatte. Die Bäckerei besteht heute noch. Konrad Altmann, der jetzige Seniorchef, weiß von seinem Vater, dass das Wasser fast das Obergeschoss des Hauses erreichte. Der Wasserspiegel des Flusses liegt aber noch etwa zwei Meter tiefer als das Bäckergrundstück.

Schwer traf es auch den Fabrikarbeiter Hornek aus Hart bei Schönhofen. Dieser hatte sich jahrelang von seinem kargen Lohn etwas zurückgelegt, um sich 1908 einen kleinen Acker und eine Wiese für die Selbstversorgung zu kaufen. Nach dem Hochwasser waren die Parzellen verschwunden. Die Laber hatte sich diese dauerhaft einverleibt.

Von der ehemaligen Pappenfabrik in Untereinbuch zwischen Schönhofen und Eichhofen nahmen die Fluten „mehrere tausend Zentner Rohstoffvorräte“ mit. In Bruckdorf bei Sinzing kamen ein Fabrikdirektor und ein Kutscher samt seinem Fuhrwerk im Wasser um. In der Polstermühle oberhalb von Beratzhausen ertranken viele Tiere. In der Endorfmühle bei Laaber waren es 30 Schweine und 20 Rinder.

Wie konnte es zu der Katastrophe kommen? In den Unterlagen des Wasserwirtschaftsamts findet sich ein Bericht des „Königlich Hydrotechnischen Büros“ in München vom Dezember 1910. Das Dokument schildert den genauen Hergang. So erfährt man, dass im Januar 1909 lange Frost herrschte. Gegen Ende des Monats war der Boden bis zu einem halben Meter tief gefroren. Vom 31. an schneite es immer wieder. Die Schneedecke betrug zuletzt etwa 35 Zentimeter.

Plötzliches Tauwetter

Am 3. Februar nachmittags setzte dann urplötzlich Tauwetter ein. Ein stürmischer Südwestwind brachte warme Luft und Regen in die Region. Wie der Bericht weiter ausführt, hatte es über 40 Stunden ununterbrochen geregnet. Knapp 100 Liter Niederschläge trafen auf den Schnee und verwandelten diesen ebenfalls in Wasser. Schmelz- und Regenwasser flossen aufgrund des gefrorenen Bodens ungehindert und vor allem sehr schnell ab.

Abflussdaten an der Schwarzen Laber

  • Abflussmengen:

    Die Schwarze Laber führt am Pegel Deuerling bei Normalwasserstand etwa drei Kubikmeter Wasser/sek. Beim Hochwasser im Februar 1909 waren es 150 Kubikmeter. Bildlich gesehen rauschte damals pro Sekunde eine Wasserwand von einem Meter Dicke, vier Metern Höhe und knapp vierzig Metern Breite an einem Betrachter vorbei.

  • Wasserstände:

    Am genannten Pegel stieg das Wasser um über vier Meter gegenüber dem Niedrigwasserstand. Es lag ein „Hundertjährliches Hochwasser“ vor.

  • Jährlichkeiten:

    Hochwasserabflüsse mit einer gewissen Wiederkehrwahrscheinlichkeit werden in „Jährlichkeiten“ eingeteilt und mit dem Kürzel „HQ“ benannt.

  • Größen:

    Ein Hochwasserereignis, das an der Schwarzen Laber statistisch gesehen jährlich auftreten kann, weist einen Abfluss von zehn Kubikmeter Wasser/sek auf und wird als HQ 1 bezeichnet. Bei einem 50-jährlichen Hochwasser (HQ 50) fließen 60 Kubikmeter/sek ab. Von einem HQ 100 spricht man bei eine

Wie der damalige Fachmann ausgerechnet hatte, ergossen sich aus dem Einzugsbereich der Schwarzen Laber innerhalb weniger Stunden 43 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Jura in den Fluss. In der Darstellung finden sich auch Aufzeichnungen des damaligen Besitzers der Pappenfabrik Eichhofen. Dieser schildert, dass der Fluss stetig und immer schneller stieg. Am 4. Februar um „vier Uhr nachmittags“ sei der Wasserspiegel innerhalb einer Viertelstunde um 42 Zentimeter angewachsen. Der Höchststand wurde am „6. Februar um 4 Uhr Früh“ erreicht. Danach fiel der Pegel wieder, es setzte dann auch gleich wieder Frost ein und der Spuk war wieder vorbei.

Wie Josef Homeier, Leiter des Sachgebiets „Wasserbau und Gewässerentwicklung“ beim Wasserwirtschaftsamt, uns erklärte, hat es seit diesem Ereignis kein solches Hochwasser an der Schwarzen Laber mehr gegeben und mindestens 100 Jahre davor auch nicht. Die Geschädigten mussten aber auch damals nicht gänzlich auf Hilfe verzichten. Der bayerische Prinz-Regent Luitpold spendete 50 000 Mark. Auch der Fürst von Thurn und Taxis zeigte sich großherzig und „ein hiesiger Frauenverein vom Roten Kreuz richtete einen Glückshafen zugunsten der Betroffenen ein“.

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