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Erziehung

Orchester mögen keine Linkshänder

Der Neutraublinger Kulturreferent Heribert Ackermann und andere Dirigenten sehen das Gesamtbild gestört. Auch im Alltag kämpfen viele noch mit verschiedenen Handicaps.
Von Kerstin Hafner, mz

  • Keiner achtet darauf, aber alle Mädchen halten den Bogen rechts. Eine Linkshänderin würde auffallen. Archivfoto: MZ
  • In der Schule darf jetzt auch mit links geschrieben werden. Foto: Hafner

Neutraubling. Linkshänder kämpfen oft mit Handicaps, weil fast alle Produkte, Abläufe, Strukturen und Geräte auf Rechtshänder ausgelegt sind. Zwar werden sie seit den 70er Jahren nicht mehr gezwungen, das Schreiben mit Rechts zu erlernen, trotzdem müssen sie sich von klein auf in vielen Dingen umstellen, um mit der Welt um sich herum zurecht zu kommen. Alljährlich erinnert der Internationale Linkshändertag an die Benachteiligung von Linkshändern.

Die Neutraublinger Kinderärztin Dr. Gisela Gehrmann, selbst Rechtshänderin, aber Tochter eines Linkshänders und Mutter von linkshändigen Zwillingen, erklärt: „Linkshänder würden lieber von rechts nach links lesen und schreiben. Sie würden beim Auto lieber mit links schalten. Ihre natürliche Blickrichtung verläuft von rechts nach links. Bei allen Tätigkeiten, die auf Rechtshänder ausgelegt sind, findet in ihrem Kopf ein permanenter Umdenkprozess statt. Zahlendreher und spiegelverkehrt geschriebene Buchstaben sind in den ersten Schulklassen nicht selten.“

Die Händigkeit, also die Bevorzugung der rechten oder linken Hand, wird durch die Dominanz der jeweils gegenseitigen Hirnhälfte erklärt. Die dominante Hand kann schneller, exakter und mit mehr Kraft agieren; ihre Nutzung verleiht Sicherheit. Ärzte und Psychologen sind sich einig, dass die Umerziehung auf Rechts einen massiven Eingriff in das Gehirn eines Linkshänders darstellt und zu zahlreichen Folgeproblemen führen kann. Dementsprechend besagen die Schulrichtlinien inzwischen, dass die Präferenz der linken Hand bei Schülern nicht mehr verändert werden darf.

Die Händigkeit zeige sich meist schon im Kleinkindalter, manchmal gebe es zwar Lateralisationsstörungen, aber dieses Phänomen sei selten, so Dr. Gehrmann. „Durch die Anstrengung beim Umdenken treten bei Kindern oft Lernprobleme auf. Sie müssen Energie auf etwas verwenden, was für einen Rechtshänder selbstverständlich ist. Statt automatische Abläufe zu nutzen, müssen sie sich ständig konzentrieren.“ Eine Erleichterung bieten spezielle Schulutensilien und Gegenstände für Linkshänder, die es mittlerweile im Handel zu kaufen gibt.

Im ’Spitzensport und in den schönen Künsten ist der Anteil von Linkshändern höher als in der Gesamtbevölkerung. Wenn es im Kindes- und Jugendalter nicht zu Blockaden und Problemen kommt, ist das permanente Training durch Umdenkprozesse eine gute Schulung für Kopf und Körper.

Besonders in Zweikampf- und Schlägersportarten, aber auch im Handball oder Basketball, sind Linkshänder erfolgreich. Hauptursache dafür ist, dass ihre Gegner deutlich häufiger mit Rechtshändern zu tun haben. Im Wettkampf mit Linkshändern müssen sie plötzlich umdenken – ein großer Nachteil. Beim Handball und Basketball haben Linkshänder im Angriff auf den rechten Spielpositionen gegenüber Rechtshändern signifikante Vorteile, weil deutlich günstigere Wurfwinkel.

Auch Musiker haben es zu großer Virtuosität gebracht, obgleich zu ihrer Zeit noch keine Linkshänder-Instrumente verfügbar waren. ’Jimi Hendrix spielte ein umgedrehtes Rechtshändermodell. ’Bob Geldof lernte als Kind, auf der Gitarre seines rechtshändigen Freundes seitenverkehrt zu spielen.

In Orchestern dagegen sind nicht auf rechts umgelernte linkshändige Musiker oft nicht gern gesehen. Das bestätigt auch Neutraublings Kulturreferent Heribert Ackermann, Leiter der Sing- und Musikschule, relativiert es aber: „Es kommt einfach auf das Fach an. Bei einem Bläser oder Schlagzeuger fällt die Händigkeit wenig auf, bei einem Streicher allerdings schon, weil der linkshändige Geiger mit dem Bogen seinem rechten Nachbarn ins Gehege kommt oder dem linken Nachbarn den Ellbogen an den Kopf haut.“

Neben dem Platzproblem auf der Bühne störe ein Linkshänder das harmonische Gesamtbild, das idealerweise die Musik eines Orchesters unterstreiche. „Die Strich-Optik soll ein gleichmäßiges Bild ergeben. Stellen Sie sich vor, Sie haben zehn Streicher und einer schießt quer.“ Deshalb würden die meisten Linkshänder auf Rechtshänderinstrumenten lernen. Manche Instrumente lassen sich relativ unkompliziert durch Umspannen der Saiten (Gitarre), Umlegen der Tasten (Keyboard) oder Aufbau (Schlagzeug) auf Linkshänder umstellen.

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