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Sie sind in den Bergen zu Hause

Einzelne Personen haben den Alpenverein Regensburg geprägt und stehen generationenübergreifend für gemeinsame Leidenschaften.
Von Andrea Leopold

Berge-Liebhaber Toni Putz auf einer seiner Touren Foto: Winter
Berge-Liebhaber Toni Putz auf einer seiner Touren Foto: Winter

Regensburg.Gleißend strahlt die Sonne auf den Schnee und wirft ihre Netze auf den einsamen Menschen, der sich völlig abseits von Pisten, Häusern und Seilbahnen seinen Weg zum Gipfel erkämpft. „Nach oben“ ist immer das Ziel von Alpinisten wie Toni Putz, Max Brauneis oder Albert Pleyer. Obwohl sie fast 70 Jahre Altersunterschied trennen, vereint sie die Leidenschaft für Abenteuer, Herausforderung und Erlebnis in den Bergen.

Ob mit Tourenski, mit Steigeisen, Pickel und Seil oder Kletterausrüstung: Es geht immer bergwärts, sommers wie winters, bei Schnee, Griesel, Sturm oder strahlendem Sonnenschein. Doch das Treiben in den Bergen ist nicht immer ein Kinderspiel. Großes Wissen über Wetterkunde, Lawinen und Navigation ist ebenso erforderlich wie Leidensfähigkeit und Ausdauer. Was treibt die Bergsteiger an?

Berge haben Suchtpotenzial

„Es ist eine Sucht“, sagt Toni Putz, der lange Jahre Vorsitzender der DAV-Sektion Regensburg war und Träger des Bundesverdienstkreuzes ist. „Man kann nicht davon lassen, wenn es einmal angefangen hat.“ Angefangen hatte es bei ihm durch seinen Vater. Völlig ohne Zwang durfte er sich in den Bergen tummeln. Über das Wandern kam er dann zum Alpenverein. Das war 1966. Früh schon fuhr er mit dem Zug in die Alpen und machte anspruchsvolle Touren, wie etwa eine Dachsteindurchquerung.

Expedition nach Bolivien gemacht

Klettern kam dann dazu, Skitouren und Hochtouren. Später wurden es hauptsächlich Eis- und Gletschertouren, Eiswände waren sein Revier. „Ich hatte immer ein Faible für Eis und Schnee“, sagt Putz. 1971 machte er eine Expedition nach Bolivien. 1976 folgte die Ausbildung zum Hochtourenführer und Skihochtourenführer.

Für die Sportbegeisterung musste Putz einen hohen Preis zahlen. Seine beiden Knie sind kaputt, kürzlich musste er sich einer aufwendigen OP unterziehen. Vor der hatte er sich lange gedrückt. Denn das hätte ja einen längeren Ausfall bedeutet.

Sein Vereinskollege Albert Pleyer ist 97 Jahre alt und braucht keine Brille und kein Hörgerät. 20 Jahre lang war er in den 60er-Jahren Schatzmeister der Sektion. Seine Augen blitzen vor Lebensfreude, „nicht zu gesund leben“ ist sein Motto. „Ich habe 55 Jahre geraucht wie eine Schlot, bis zu meinem 70. Lebensjahr. Dann hab ich über Nacht aufgehört, wegen meiner ersten Hüftoperation“.

Eigentlich fehle ihm nichts, nur die Hüfte zwicke und zwacke, deswegen musste er die Bergtouren 1991 aufgeben. Auch Pleyer kam über den Vater zum Bergsteigen. 1947 war er bei der Neugründung des Alpenvereins im Kneitinger dabei, mit 24 Jahren. 1949 ist er mit seinem Vater die Watzmann-Ostwand hinauf. „In meiner Jugend war viel Schnee in unserer Gegend, wir konnten überall Skifahren, in Falkenstein und Brennber.“ Doch plattgewalzte Pisten sind nicht sein Ding.

Albert Pleyer, ehemaliger Schatzmeister des DAV Foto: Winter
Albert Pleyer, ehemaliger Schatzmeister des DAV Foto: Winter

Pleyer schwelgt in Erinnerungen. Lange Zeit führte er die Geschäftsstelle in seinem Juwelierladen am Neupfarrplatz. Der Laden war Anlaufstelle, Ausrüstungslager und Geschäftsstelle zugleich. Im Zweiten Weltkrieg, bei der Jägerdivision in Griechenland, wurde er verwundet. Ein Granatsplitter in der Milz. Wer das übersteht, den schockt kein Berg mehr.

Lederstiefel mit Zeitungspapier ausgestopft

Pleyer war auf dem Olymp. Seine Leidenschaft war das Skitourengehen im Winter, ohne Lift, nur mit Klebefellen. „Die Lederstiefel haben wir über Nacht zum Trocknen mit Zeitungspapier ausgestopft“, sagt der Senior. „Sorgen über Lawinen hab ich mir überhaupt nicht gemacht. Beim Aufstieg auf die Hütte mussten wir manchmal über die Lawine drüber gehen.“

150 Jahre: Der Deutsche Alpenverein (DAV)

  • Geschichte:

    2019 wurde der DAV 150 Jahre alt. Er wurde 1869 von 36 Herren in München zur Erforschung und Erschließung der Alpen gegründet. 1873 schloss sich der DAV mit dem Österreichischen Alpenverein zusammen, ab 1918 standen verstärkt leistungsbezogenes Bergsteigen und der Naturschutz im Alpenraum im Fokus. In Kriegszeiten gab es eine enge Zusammenarbeit mit dem nationalsozialistischen Regime. Das wurde und wird seit der 1990er Jahre aufgearbeitet.

  • Heute: Aktuell umfasst der DAV circa 1,2 Millionen Mitglieder und 356 Sektionen. Damit ist er jetzt der fünftgrößte Sport- und der größte Naturschutzverband Deutschlands. Zur Leistung des DAV zählen die Organisation des Bergführerwesens, der Hütten- und Wegebau, die Vermittlung von Kenntnissen über die Alpen, die Erforschung von Glaziologie und Meteorologie, die Bewahrung der Bergwelt sowie eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus und der Artenschutz.

Früher sei man alles mit der Bahn gefahren. Von der Station im Tal aus ging er dann den Weg zur Franz-Senn-Hütte. Mit einem „Greicherten“ im Gepäck war er gut versorgt, oben gab es dann Bergsteigeressen – Kartoffeln mit Fleisch und Ei schmeckte immer. Bei der 25-Jahr-Feier der Neuen Regensburger Hütte im Jahr 1956 waren doppelt so viele Leute oben wie Platz in der Hütte. „Da wurden wir in Schlafzeiten eingeteilt, die einen von 21 Uhr bis 2 Uhr in der Früh, die zweite Schicht bis 8 Uhr früh“, sagt Pleyer.

80 Jahre Mitglied beim DAV

„Bei mir werden es dieses Jahr 80 Jahre, dass ich beim Alpenverein bin“, sagt der 97-Jährige. Ein Wunsch blieb unerfüllt: „Ich wäre gerne noch aufs Matterhorn rauf.“ Und noch etwas reut ihn ein bisschen: „Nach dem Krieg hätte ich eine Riesenchance gehabt, nach Südamerika zu gehen. Ein Edelsteinfachmann hat mir angeboten, mit ihm zusammen in Argentinien einen Betrieb aufzubauen.“ Wegen seiner Frau hat er das nicht gemacht. „Gejuckt hätte mich das schon“.

Max Brauneis, Jugendreferent und Klettertrainer Foto: Winter
Max Brauneis, Jugendreferent und Klettertrainer Foto: Winter

Generationensprung: Max Brauneis, Jugendreferent der DAV-Sektion Regensburg, geht gerne Hochtouren und klettert. Angefangen hat er mit 20 Jahren, dann kam die Jugendleiterausbildung. Zum Klettern zieht es ihn nach Arco, in die Dolomiten oder die Fränkische Schweiz. „Das Schöne in den Bergen ist es, Erfahrungen zu sammeln. Jeder kann da sein, wie er ist, ohne Bewertung. Man ist Teil der Natur, das Wetter erlebt man hautnah und macht krasse Erfahrungen“.

Tourismus

Was wird aus dem Bergsommer?

Der Sommer lockt. Doch viele Urlaubsträume werden unerfüllt bleiben. Selbst Ausflüge sind nicht gern gesehen in Coronazeiten.

Vor allem die Erfahrung der Kleinheit auf der Welt. „Ein lautes Gewitter in der Schlucht, die Luft fängt zum Knistern an. Ich suche schon das Abenteuer und will Gebiete erforschen, es ist ein Nervenkitzel“, sagt Brauneis. Raus aus der Komfortzone und bei sich selber sein, das ist für ihn das Berggefühl. „Ein Erlebnis zum Fürchten hatte ich, als wir plötzlich mitten im Berg vom Nebel umschlossen wurden. Am Gipfel oben haben wir nicht mehr die Hand vor Augen gesehen, es wurde eiskalt. Die Abstiegsroute haben wir nicht gefunden. Nur eine Scharte im Nebel.“ Aber zum Schluss ging alles gut.

Besonders war für ihn auch die Aktion mit einer russischen Bergsteigergruppe im Kaukasus. „Ziel war eine Erstbegehung. Wir flogen nach Valle Mineralnye, das ist eine andere Welt. Die Menschen haben wirklich gar kein Geld, es ist total abgelegen“. Seine Gruppe machte bei einer Bergsteigerausbildung mit. Im Gegenzug lehrten die Besucher das Klettern. Brauneis würde dort gerne einen Kletterpark errichten – und hofft, dass es klappt.

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