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Felssicherung

Staubige Schwerstarbeit im Steilhang

Zwischen Mariaort und Etterzhausen werkeln Berufskletterer in den Kalksteinhängen. Die Sicherheit auf der Bahnstrecke steigt.
Von Dietmar Krenz, MZ

Steil am Seil: Die Arbeit der Felskletterer ist ein Knochenjob. Fotos: Krenz
Steil am Seil: Die Arbeit der Felskletterer ist ein Knochenjob. Fotos: Krenz

Sinzing.Ein leises Singen der Gleise kündigt es an: Ein Intercity-Express rauscht um die Kurve und donnert in Richtung Sinzinger Eisenbahnbrücke davon. Die drei Berufskletterer nehmen davon keine Notiz. Mit einer Seelenruhe hängt das Trio in den Sitzgurten, rund zehn Meter über der Stelle, wo der Hochgeschwindigkeitszug eben noch vorbeigeflitzt ist. Die Arbeiter der österreichischen Firma HBT sind mit Felssicherung beschäftigt.

„Man braucht Vertrauen ins Material“, erklärt Bauleiter Ralf Voeks von der Kufsteiner Baugesellschaft. Seit Tagen werkelt der Trupp zwischen Mariaort und Etterzhausen. Im Auftrag der Deutschen Bahn werden auf der 3,5 Kilometer langen zweigleisigen Bahnstrecke die steil aufragenden Kalksandsteinwände von losem Gestein befreit und gefährliche Teilstücke komplett neu gesichert.

Einsätze längst Routine

Im März 2016 liefen im Naabtal Felssicherungsarbeiten entlang der Staatsstraße 2165. Foto: Krenz
Im März 2016 liefen im Naabtal Felssicherungsarbeiten entlang der Staatsstraße 2165. Foto: Krenz

„Keine leichte Aufgabe“, erzählt Voeks, der zweimal die Woche auf der Baustelle nach dem Rechten sieht. Die Arbeit für die Kletterer ist kräftezehrend. Der Körper wird zwar durch den festen Sitzgurt am Felsen gehalten, dennoch brennen die Muskeln nach ein paar Stunden Arbeit. „Nur wer körperlich fit ist und alljährlich seinen Seilkurs absolviert, darf in die Wand“, sagt der Experte.

Für die Höhe von maximal 25 Metern auf der Bahnstrecke Nürnberg--Regensburg haben die Kraxler nur ein müdes Lächeln über. Solche Einsätze sind längst zur Routine geworden. Die Mitarbeiter der Spezialfirma sind andere Dimensionen gewöhnt. Im Gebirge geht es schon mal mehrere Hunderte Meter in die Tiefe.

Unmittelbar hinter der viel besuchte Wallfahrtskirche Mariaort vor den Toren Regensburgs hat die HBT zwei Baucontainer und einen provisorischen Unterstand aufgestellt. Dort verbringen die Arbeiter schichtweise zehn Tage lang, bis die Ablösung aus Österreich kommt. Laut Diplom-Ingenieur Voeks wird rund um die Uhr gearbeitet – also auch nachts.

Weitere Hangsicherungen

  • Burg Loch:

    Im Frühjahr 2015 putzten Berufskletterer die Felswände der herrenlose Ruine hoch über dem Tal der Schwarzen Laber aus, um mit Drahtseilen, Netzen und Felsankern die abbröckelnden Gesteinsmassen abzusichern.

  • Laaber:

    Um das Risiko von Steinschlag auf der Staatsstraße zwischen Schrammlhof und Laaber bei Hartlmühle zu minimieren, führte Anfang 2017 eine Spezialfirma eine aufwendige Räumung in diesem Bereich durch.

  • Naabtal:

    Im März 2016 liefen im Naabtal Felssicherungsarbeiten entlang der Staatsstraße 2165. Zwischen Penk und Pielenhofen wurden im Auftrag des Markts Laaber die Steinschlaggefahr der Jurafelsen weitgehend beseitigt.

  • Matting:

    Mehrere Tonnen Fels räumte eine Spezialfirma händisch mit Brecheisen und Pickel zwischen Regensburg und Matting vor vier Jahren. Die Gemeinde hatte ein Gutachten erstellen lassen.

Rund 800 metertiefe Bohrungen

Anfang 2017 führte eine Spezialfirma eine aufwendige Räumung in Laaber durch. Foto: Krenz
Anfang 2017 führte eine Spezialfirma eine aufwendige Räumung in Laaber durch. Foto: Krenz

Schließlich müssen mehr als 800 Löcher unterschiedlichster Größe gebohrt werden. Während tagsüber nur im bereits gesicherten Bereichen gewerkelt wird, kommt es nachts immer wieder mal zu Sperrpausen. Die Züge fahren nur auf einem Gleis und die Bohrungen können – soweit es die Höhe zulässt – maschinell erfolgen. Ansonsten muss alles per Hand und im Seil hängend erledigt werden.

Den Grünschnitt, sprich die Entbuschung und Entfernung von Gestrüpp, Wurzeln und kleinen Bäumen im Gefahrenbereich, ist bereits erledigt. Jetzt wird nur noch gebohrt, verpresst und das Schutznetz verankert. Die Kletterer seilen sich mitsamt dem Werkzeug zu den markierten Stellen in der Steilwand ab und setzen mit einem Bohrhammer bis zu vier Meter tiefe Löcher in die grau-weiße Felswand. Die langen Stahlanker werden eingeschoben und anschließend mit Zement verpresst.

Mehrere Tonnen Fels räumte eine Spezialfirma händisch mit Brecheisen und Pickel zwischen Regensburg und Matting vor vier Jahren. Foto: Eder
Mehrere Tonnen Fels räumte eine Spezialfirma händisch mit Brecheisen und Pickel zwischen Regensburg und Matting vor vier Jahren. Foto: Eder

Während auf der Bahnstrecke ein Güterzug in Richtung Nürnberg rattert, hat das Trio im Seil bereits ein weiteres Bohrloch in Angriff genommen. Ziel der ausgebildeten Fachkräfte ist es, ein stabiles Schutznetz aus verzinktem Drahtgeflecht über die steinschlaggefährdeten Abhänge oder Böschungen zu spannen. Grundsätzlich gibt es dafür zwei Konstruktionsmöglichkeiten: die distanzierte und die aufliegende Variante.

Im Fall Sinzing wird die aufliegende Bauweise bevorzugt. Sie hat den Vorteil, Steine und Felskörper direkt am zu sichernden Ort zurückzuhalten. Das Drahtgeflecht wird bodennah auf dem Stein installiert. Der Fels soll dadurch langfristig wieder selbst zu Stabilität finden. Zudem soll verhindert werden, dass sich Steine und Blöcke lösen und Schäden verursachen. Auch Schutzzäune werden aufgestellt.

Der Wanderweg ist gesperrt.

Viele Anforderungen an die Kletterer

Im Frühjahr 2015 putzten Berufskletterer bei Burg Loch die Felswände der herrenlose Ruine hoch über dem Tal der Schwarzen Laber aus. Foto: Krenz
Im Frühjahr 2015 putzten Berufskletterer bei Burg Loch die Felswände der herrenlose Ruine hoch über dem Tal der Schwarzen Laber aus. Foto: Krenz

Die Montage eines solchen Netzes stellt höchste Anforderungen an Körperbeherrschung und Kondition, erfordert langjährige Erfahrung mit Boden- und Felsmechanik, sowie weitreichende Kenntnisse bei der Bohrtechnik, weiß Ralf Voeks. Und wer den Kletterern in der Steilwand zusieht, kann dem nur zustimmen.

„Rund 10 bis 15 Personen sind täglich auf der Baustelle beschäftigt“, teilt Andreas Pollag auf Anfrage unseres Medienhauses mit. „Ein Knochenjob“, sagt der Experte vom Ingenieurbüro GBL aus Buch am Erlbach. Er ist für die Bauüberwachung zuständig. Neben den Klettermaxen aus Österreich ist auch eine Baufirma aus Sachsen vor Ort. Die Arbeiter richten die Baustelle ein. Ab Oktober sollen zusätzlich zwei der meterhohen Stützmauern erneuert werden. Eine Wand oberhalb der Wallfahrtskirche und die zweite zwischen Waltenhofen und Etterzhausen.

„Wir waren in die Felssicherungsmaßnahmen frühzeitig eingebunden“, teilt Bürgermeister Patrick Grossmann aus dem Sinzinger Rathaus mit. Von Beschwerden über den Baulärm – insbesondere nachts – ist ihm nichts bekannt.

Leider kommt es laut Grossmann dadurch zu Sperrungen der Fuß- und Wanderwege im Bereich des Bahngeländes bei der Mariaorter Brücke. „Aber die Sicherheit geht einfach vor.“ Die Mariaorter Eisenbahnbrücke ist über den westlichen Auf- und Abstieg für Fußgänger passierbar. Aufgrund der Behinderungen für Radfahrer, wird bereits ab Regensburg eine Umleitung ausgeschildert.

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