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Soziales

Trotz Handicap mitten im Berufsleben

Die Lebenshilfe Regensburg will Menschen mit geistiger Behinderung in die freie Wirtschaft bringen. Die Erfahrungen sind gut.
Von Martina Groh-Schad

Helfer im Getränkemarkt: Matthias Pöppel (r.) arbeitet auf einem Außenarbeitsplatz der Lebenshilfe-Werkstatt.  Foto: Martina Groh-Schad
Helfer im Getränkemarkt: Matthias Pöppel (r.) arbeitet auf einem Außenarbeitsplatz der Lebenshilfe-Werkstatt. Foto: Martina Groh-Schad

Regensburg.Auf den ersten Blick sieht man Matthias Pöppel nicht an, dass er eine geistige Beeinträchtigung hat. In den ersten Wochen bekam er daher von Integrationsberater Martin Reitinger von der Lebenshilfe einen Button angesteckt, der die Kunden des Getränkemarkts auf sein Handicap aufmerksam machte und ihn schützen sollte. „Die Menschen reagieren mal so, mal so“, sagt der 38-Jährige. „Die meisten Leute sind nett, aber manche sind ungeduldig.“

Anfänglich sei er schüchtern gewesen, erinnert sich sein Chef Johann Weiß. Nun geht die Zusammenarbeit ins vierte Jahr und Weiß ist voller Lob. „Er hat sich in unserem Betrieb richtig gut gemacht.“ Natürlich gibt es Bereiche, die Pöppel nicht übernehmen kann. Zum Beispiel ist der Umgang mit Geld ein Problem für ihn – und er wird nicht an der Kasse eingesetzt.

Beschäftigung zahlt sich für Unternehmen aus

Im Kindergarten St. Konrad in Obertraubling begleitet Reitinger Sylvia Schymik (l.), die seit fünf Jahren als hauswirtschaftliche Helferin dort eingesetzt wird. Sie ist in der Küche tätig, übernimmt Reinigungsarbeiten und unterstützt die Erzieher beim Spielen mit den Kindern. Foto: Martina Groh-Schad
Im Kindergarten St. Konrad in Obertraubling begleitet Reitinger Sylvia Schymik (l.), die seit fünf Jahren als hauswirtschaftliche Helferin dort eingesetzt wird. Sie ist in der Küche tätig, übernimmt Reinigungsarbeiten und unterstützt die Erzieher beim Spielen mit den Kindern. Foto: Martina Groh-Schad

Stattdessen sortiert er verstärkt Leergut. „Man muss gegenseitig Rücksicht nehmen“, sagt Weiß. Da ihm als Unternehmer der Mitarbeiter in Vollzeit nur einen Teil dessen kostet, was er für einen Helfer ohne Behinderung bezahlen müsste, gleicht es sich für ihn wirtschaftlich betrachtet aus. Für Pöppel ist der Arbeitsplatz viel wert. Vorher hat er mehrere Jahre in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet. „Ich wollte raus“, sagt er. „Ich wollte einen ganz normalen Arbeitsplatz.“

Besonders wichtig ist bei einer Arbeitsstelle, dass die Kollegen über die Behinderung des Mitarbeiters am Außenarbeitsplatz einer Werkstatt aufgeklärt sind. Martin Reitinger ist hier im Einsatz, um über Behinderungen und ihre Ausprägungen im Alltag aufzuklären. Foto: Martina Groh-Schad
Besonders wichtig ist bei einer Arbeitsstelle, dass die Kollegen über die Behinderung des Mitarbeiters am Außenarbeitsplatz einer Werkstatt aufgeklärt sind. Martin Reitinger ist hier im Einsatz, um über Behinderungen und ihre Ausprägungen im Alltag aufzuklären. Foto: Martina Groh-Schad

Menschen wie er sind Grenzfälle, um die sich der Integrationsberater Reitinger kümmert und sich nach Außenarbeitsstellen auf dem freien Markt umsieht. „Sie bringen nicht die volle Leistung eines gesunden Mitarbeiters, aber ihre Fähigkeiten gehen über die Notwendigkeit einer beschützten Tätigkeit in einer Werkstatt hinaus“, erklärt er. Vereinfacht wird die Beschäftigung auf dem allgemeinen Markt durch das aktuelle Bundesteilhabegesetz, das sich der Inklusion verschrieben hat und dafür sorgen soll, dass mehr Menschen mit Behinderung auf dem freien Markt beschäftigen werden.

Behinderte können zwischen Werkstatt und freier Wirtschaft wechseln

Bevor ein Außenarbeitsplatz entsteht, durchlaufen viele Menschen mit Behinderung zunächst verschiedene Praktika. Im Café Hahn in Lappersdorf arbeitet derzeit Florian Glaser (r.) einmal pro Woche als Servicekraft. „Viele Gäste finden das gut“, sagt seine Chefin. Foto: Martina Groh-Schad
Bevor ein Außenarbeitsplatz entsteht, durchlaufen viele Menschen mit Behinderung zunächst verschiedene Praktika. Im Café Hahn in Lappersdorf arbeitet derzeit Florian Glaser (r.) einmal pro Woche als Servicekraft. „Viele Gäste finden das gut“, sagt seine Chefin. Foto: Martina Groh-Schad

Seit 2015 bemühen sich daher auch Einrichtungen wie die Lebenshilfe verstärkt darum, Menschen außerhalb der Werkstätten zu beschäftigen. „Wir erkennen das inzwischen als unsere Aufgabe an“, sagt der Förderstättenleiter Christian Reinwald und verdeutlicht damit, dass bei den Werkstätten ein Wandel im Selbstverständnis stattfindet. Während man früher das Betätigungsfeld rein innerhalb der Werkstatt sah, öffnet man sich nun dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Für die Menschen mit Handicap wurden die Bedingungen vereinfacht, zwischen den Bereichen zu wechseln und auch einmal etwas auszuprobieren.

Stiftung

Kneitinger engagiert sich sozial

Regensburger Werkstätten packen seit Mai die Sixpacks mit „Kneitinger Edelpils“. Sie hat sich als starker Partner bewährt.

Aktuell beschäftigt die Lebenshilfe Regensburg 24 ihrer 566 Mitarbeiter auf Außenarbeitsplätzen. „Es könnten doppelt so viele sein“, erklärt Reitinger und hat schon den einen oder anderen Mitarbeiter vor Augen, der bald wechseln könnte. Das Einsatzgebiet auf Außenarbeitsplätzen ist breit. So arbeitet beispielsweise ein Mitarbeiter im Bauhof in Lappersdorf. „Die Stelle wurde extra für ihn geschaffen und an seine Fähigkeiten angepasst“, erklärt Reinwald. Auch beim Malerbetrieb „Farben Bauer“ im Ort ist ein Mitarbeiter eingesetzt. „Wir bekamen gesagt, dass er sich positiv auf das Team auswirkt.“, Rücksicht werde gestärkt.

Zusammenarbeit im Team gelingt

 Martin Reitinger von der Lebenshilfe ist viel unterwegs. „Mir liegt es, mit den Leuten persönlich zu sprechen“, erklärt der Metallbau-Meister mit pädagogischer Zusatzausbildung seine Aufgabe, Außenarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu finden. Foto: Martina Groh-Schad
Martin Reitinger von der Lebenshilfe ist viel unterwegs. „Mir liegt es, mit den Leuten persönlich zu sprechen“, erklärt der Metallbau-Meister mit pädagogischer Zusatzausbildung seine Aufgabe, Außenarbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu finden. Foto: Martina Groh-Schad

Im Kindergarten St. Konrad in Obertraubling arbeitet seit 2014 Sylvia Schymik. Zu ihren Aufgaben gehört die Hauswirtschaft, aber auch spielen, wenn es die Zeit erlaubt. „Den jüngeren Kindern fällt die Behinderung nicht auf“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Veronika Groß. In der Hauswirtschaft arbeitet sie mit Johanna Duscher zusammen. „Es klappt gut“, sagt sie. Im Mitarbeiter-Team aufzuklären und zu vermitteln, zählt auch zu den Aufgaben des Integrationsberaters Reitinger. „Es ist wichtig, den Kollegen zu erklären, was mit dem Mitarbeiter los ist“, sagt er.

Bevor ein Außenarbeitsplatz zustande kommt, durchlaufen die Mitarbeiter mit Behinderung daher oft Praktika zur Berufsfindung. Im Café Hahn in Lappersdorf ist seit November der 20-jährige Florian Glaser einmal pro Woche als Praktikant im Service tätig. Für seine Chefin Krystle Andonovski ist es die erste Beschäftigung eines Menschen mit Handicap. „Es ist eine interessante Erfahrung für alle“, sagt sie.

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