MyMz
Anzeige

Pädagogik

Die Waldkinder wurzeln in der Natur

Seit März gibt es in Alteglofsheim einen alternativen Kindergarten. Das Motto: Auch mit Tannenzapfen kann man zählen lernen
Von Kerstin Hafner, MZ

  • Neues entdecken, ihre Grenzen austesten und mit allen Sinnen begreifen – das können diese Kinder im Wald bei Alteglofsheim. Foto: Hafner
  • Die beiden Betreuerinnen Susanne Grünwald-Schierlinger (re.) und Véronique Rösch. Foto: Hafner

Alteglofsheim.Sieben fröhliche „Wurzelkinder“ toben durch ihr „Spielzimmer“, ein Waldstück zwischen Alteglofsheim und Thalmassing. Seit März 2015 gibt es diesen Kindergarten des Vereins Waldeglofsheimer Natur- und Waldpädagogik (www.waldeglofsheimer.de). Neben der Trägerschaft für den Kindergarten organisiert man dort auch eine Waldspielgruppe für Eltern mit Kleinkindern sowie regionale Aktionen in der Natur für alle Altersgruppen.

Vorsitzende ist Katharina Offen, deren Tochter ein „Wurzelkind“ ist. Sie erklärt das Credo des Vereins ‚In der Natur wurzeln‘: „Die Entschleunigung in der Natur, der achtsame Umgang mit sich selbst und anderen Menschen, trägt maßgeblich dazu bei, dass Kinder tiefe und feste Wurzeln ausbilden, die sie ein Leben lang tragen.“ Und was man zu schätzen lerne, das schütze man später – also den Wald und die Natur generell. Ein weiteres Ziel des Vereins.

„Viele Kinder gelten heute als verhaltensauffällig, nur weil sie sich altersgemäß benehmen“, gibt Offen zu bedenken. „Bei uns im Wald dürfen sie rumtoben, in Pfützen springen und im Matsch spielen. Schließlich wollen sich Kinder ausprobieren, Neues entdecken, ihre eigenen Grenzen austesten, mit allen Sinnen begreifen – da ist der Wald die geeignete Umgebung.“ Aber natürlich sei das nicht alles. „Auch Waldkindergärten orientieren sich selbstverständlich an den allgemeinen Bildungszielen des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans, dessen Maßstäbe für alle Kindergärten gelten“, betont Susanne Grünwald-Schierlinger, die Leiterin des Kindergartenteams, die viel Erfahrung in Waldpädagogik mitbringt. „Nur der Weg zu den Zielen ist halt ein anderer als im Hauskindergarten.“ Vereinfacht gesagt: Auch mit Tannenzapfen kann man zählen lernen.

Gruppe hat noch Plätze frei

„Im Waldkindergarten wird sehr viel Wert auf das freie Spiel gelegt, das aus der Fantasie der Kinder heraus entsteht und nicht von außen gelenkt wird. So entsteht lösungsorientiertes Handeln und situatives Lernen. Die Kinder werden zu aktiven Gestaltern und konsumieren nicht nur passiv, was ihnen an Ideen bereits vorgegeben wird.“ Dass es im Waldkindergarten kein vorgefertigtes Spielzeug gebe, sei eine sinnvolle Ergänzung zu den meist gut gefüllten Kinderzimmern.

„Es ist wirklich schön, zu sehen, wie die Kleinen im Wald kreativ werden und eine ungeahnte Fantasie entwickeln,“ schwärmt auch Véronique Rösch, die zweite Fachkraft, früher Erzieherin in einem Hauskindergarten und oft gestresst vom Job. „Heute merke ich, dass ich viel ruhiger und ausgeglichener nach Hause komme.“ Das liege zum einen wohl am Aufenthalt im Freien, zum anderen auch am generell besseren Betreuungsschlüssel von Waldkindergärten (1:7 statt 1:11). „Momentan ist es mit zwei Erzieherinnen für sieben bzw. demnächst neun Kinder absolut super.“ Doch Zuwachs dürfe ruhig noch kommen. Angestrebt sei eine Gruppe von maximal 20 Kindern, dann werde aber auch eine dritte Fachkraft eingestellt, so Katharina Offen.

Neben dem freien Spiel gibt es auch gezieltere Aktionen und Ausflüge, zum Beispiel zu einem Erdbeerfeld in der Nähe, wo die Kinder erst zupfen und später das gesammelte Obst zu Marmelade verarbeiten durften. Fußläufig sind Gärtnereien, Gemüsebauern und ein Pferdehof zu erreichen. Viele Ausflüge können also kurzfristig gemacht werden, die passende Ausrüstung mit wetterfester Kleidung, Rucksack und Brotzeit ist ja ohnehin immer dabei.

Und was ist mit Zecken, Unfallgefahr, Wind und Wetter? Katharina Offen entkräftet derlei Bedenken: „Nachweislich passieren im Wald viel weniger Unfälle als in einem Hauskindergarten. Die Kinder lernen von Anfang an, achtsam miteinander umzugehen, weil sie die Notwendigkeit sehen.“

Weil der Träger seiner Verkehrssicherungspflicht nachkommen müsse, seien regelmäßige Rundgänge mit Baumgutachtern vorgeschrieben, damit gefährliche Äste entfernt werden können. „Obwohl die Kinder mit Stöcken spielen, Zapfen werfen, Klettern und Balancieren gab es bisher keine nennenswerten Verletzungen.

Wer will Waldpate werden?

Eine Erste-Hilfe-Ausrüstung wird natürlich trotzdem immer mitgeführt und Rettungswege werden regelmäßig mit den zuständigen Leitstellen besprochen und abgegangen.“ Eine Zeckenimpfung werde empfohlen. Für Schlechtwetterphasen und Kälte im Winter stehe ein beheizbarer Bauwagen zur Verfügung, den die Bund Naturschutz-Ortsgruppe gestiftet habe. „Und wenn es mal wirklich einen ganzen Tag Sauwetter hat, dann haben wir noch einen sicheren Raum in Schloss Haus.“

Gesucht werden übrigens auch immer „Waldpaten“, also Menschen mit interessanten Berufen oder Hobbys, wie Schreiner oder Imker, die ihre Tätigkeit den Kindern vorstellen. Selber ausprobieren ist für die Kinder dabei natürlich am Schönsten.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht