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Wirtschaft

Das „Kaufhaus Fechter“ macht zu

Irmgard und Ludwig Scheuerer gehen in Ruhestand. Einen Nachfolger gibt es bisher nicht. Am Sonntag beginnt der Ausverkauf.
Von Ingrid Kroboth, MZ

  • Nach reiflicher Überlegung haben sich Irmtraud und Ludwig Scheuerer entschlossen, ihr „Kaufhaus Fechter“ in Beratzhausen im Laufe dieses Jahres zu schließen. Fotos und Repros: Kroboth
  • Ein historisches Schatzkästchen tut sich in den Lagerräumen des Traditionsunternehmens auf – hier kombiniert mit modernen Angeboten: BHs, Gläser, Tassen, Töpfe.
  • „Kaufhaus“ steht seit fast 100 Jahren an der Fassade des Anwesens Bischof-Weig-Straße 42 – erst mit dem Namenszusatz „Josef Pechl“, später ohne Vornamen und schließlich ergänzt mit „Inh. J. Fechter“.

Beratzhausen.Wenn die Mauern des hellgrünen Hauses am Ende der Bischof-Weig-Straße sprechen könnten, was würden sie wohl erzählen? Eine Frage, die schon vor sieben Jahren nicht zu beantworten war. Jetzt stellt sie sich erneut: Was würden die Mauern heute sagen, 92 Jahre nach Eröffnung des Kramerladens von Anna und Josef Perchl im Erdgeschoss ihres Wohnhauses? Sie glauben es vermutlich genauso wenig, wie die meisten Beratzhausener: Das einzige Kaufhaus im Ort gibt es bald nicht mehr, es schließt noch heuer.

Auch, wenn in den zurückliegenden Jahren schon mehrmals über die Ruhestandsgedanken von Irmtraud und Ludwig Scheuerer, den heutigen Besitzern des Kaufhauses Fechter, spekuliert wurde, jetzt wird es ernst. Den Anfang vom Ende haben die engagierten Kaufleute auf den kommenden Sonntag gelegt, und damit auf ihren letzten „verkaufsoffenen Sonntag“, den sie alljährlich aktiv mitorganisiert und -gestaltet haben. Und so endet mit dem Ruhestand des Ehepaars Scheuerer womöglich auch die Tradition der Beratzhausener Verkaufsaktionen.

Waren für den täglich Bedarf

Das Ende einer Ära bedeutet es allemal. Immerhin versorgten die Großeltern von Irmtraud Scheuerer mit ihrem Kramerladen die kleine Gemeinde mit Waren für den täglich Bedarf: offene Lebensmittel wie Butter, Mehl und Hefe, Haushaltswaren wie Pfannen und Töpfe, Bekleidung von Kittelschürzen bis zu Strümpfen und Unterwäsche.

In zweiter Generation übernahm 1951 Tochter Cäcilia mit Ehemann Josef Fechter den elterlichen Laden. Schon 1975 erweiterte das Paar die bislang 100 Quadratmeter große Verkaufsfläche auf dem Nachbargrundstück um weitere 200 Quadratmeter. Damit hatten sie Platz geschaffen für über 50000 Artikel, zu denen dann auch schon Vorhänge und offene Süßigkeiten in großen Gläsern gehörten – was sich bei Kindern schnell herumgesprochen hatte. Auch Bratheringe wurden noch aus großen Dosen einzeln in die mitgebrachten Gefäße der Kunden verkauft.

Daran kann sich Irmtraud Scheuerer noch gut erinnern. Schließlich steht sie seit 1967 im Geschäft ihrer Eltern, in dem sie ihre Einzelhandelslehre abgeschlossen hat und das sie 1988 zusammen mit ihrem Ehemann Ludwig in dritter Generation übernahm. Erneut stand eine Erweiterung der Verkaufsräume auf nunmehr 500 Quadratmeter an. Denn Ludwig Scheuerer hängte seinen Beruf als Kfz-Techniker an den Nagel und sattelte um zum Sonnenschutz-Experten und Raumausstatter. Damit hatte er das wichtigste Standbein des Unternehmens geschaffen und bis heute betrieben. „Offene Aufträge werden auf jeden Fall noch erledigt“, verspricht der Chef.

Der Gedanke ans Aufhören macht dem engagierten Geschäftsmann sichtlich zu schaffen. Er könnte sich gut vorstellen, sein Unternehmen in jüngere Hände zu legen und selbst noch „ein bissl“ mitzuarbeiten, seine Erfahrung ins Unternehmen einzubringen. Auch Irmtraud Scheuerer fällt der Abschied schwer: „Falls wir im August aufhören, war ich 50 Jahre im Geschäft.“ Sie sieht der geschlossenen Ladentüre mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen, denn sie sieht auch die positiven Seiten ihres neuen Lebensabschnitts: „Jetzt sind wir gesund und können das Leben noch genießen.“

Das sehen auch die drei Kinder des Ehepaars Scheuerer so: Andrea, Markus und Sabine wollen den elterlichen Betrieb nicht weiterführen. Sie haben alle ihre Berufe, kennen die positiven und negativen Seiten eines eigenen Geschäfts und wünschen den Eltern einfach mehr Freiheit und Zeit für ausgedehnte Reisen.

Beinah ein familiäres Verhältnis

Trotz allem würden sie die vertrauten Geschäftsräume im Erdgeschoss des Wohnhauses nicht gerne leer stehen sehen. Die Familie Scheuerer wüsste auch die – teils langjährigen – Mitarbeiter gerne „versorgt“. Schließlich habe zu allen eine enge Bindung bestanden, schon beinah ein familiäres Verhältnis. Als „Dienstälteste“ im Beraterteam hinterm Ladentisch und beim Kunden zählt Resi Eichenseher seit rund 30 Jahren zum festen Mitarbeiterstab. So wie sie wurden im „Kaufhaus Fechter“ rund ein Dutzend Einzelhandels-Lehrlinge ausgebildet – und alle übernommen.

Doch all das soll bald Geschichte sein. Erinnerungen und kleine Anekdoten können Kunden und Besucher in ein Buch eintragen, das ab Sonntag auf einem separaten Ständer im Geschäft aufgeschlagen sein wird. Am Sonntag beginnt dann auch der „Räumungsverkauf“ von allem, was im Geschäft und im Lager zu finden ist. Selbst die Ladeneinrichtung wird verkauft.

Räumungsverkauf

  • Termin:

    Der Räumungsverkauf im Kaufhaus Fechter beginnt am Sonntag beim Frühlingsfest der Beratzhausener Ladengeschäfte ab 10 Uhr.

  • Angebot:

    Neben der gesamten Ware (aus Geschäft und Lager) auch die komplette Geschäftseinrichtung. Neue Ware wird nicht mehr eingekauft.

  • Suche:

    Parallel zum Ausverkauf läuft die Suche nach einem oder mehreren Geschäfts-Nachfolgern, aber auch Mietinteressenten für die flexibel abtrennbaren Verkaufsräume.

  • Waren:

    Die Warenpalette in dem gut sortierten Kaufhaus deckt ein breites Spektrum ab: Haushaltswaren, Geschenkartikel, Spiel- und Schreibwaren, Gartenmöbel und -werkzeug, Regionaltheke, Foto-Shop, Kopierservice, Reinigungsannahme, DPD-Annahme, RVV-Kartenverkauf, Ticketverkauf und Vieles mehr.

  • Kontaktdaten:

    Interessenten können unter Telefon (0 94 93) 90 20 50 oder per E-Mail an: fechter.kaufhaus@t-online.de Kontakt aufnehmen. (lik)

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