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Artenschutz

Natur: Brennberg denkt um

Mit einem intensiven Abend startete der „Marktplatz der biologischen Vielfalt“. Er brachte bestürzende Erkenntnisse.
Von Resi Beiderbeck

Exkursionen mit Franz Löffl dienen der Bewusstseinsbildung für wertvolle Lebensräume. Foto: Beiderbeck
Exkursionen mit Franz Löffl dienen der Bewusstseinsbildung für wertvolle Lebensräume. Foto: Beiderbeck

Brennberg.100 Bürger – Jagdgenossen, Landwirte, Vertreter von Schule, Kirche und Vereinen – kamen zum ersten offiziellen Treffen des „Marktplatzes der biologischen Vielfalt“. Darunter waren „Neulinge“, aber auch erfahrene Artenschützer wie Reinhard Schiegl, der das Gelände seiner IRS GmbH als naturnahen Firmengarten gestaltet hat und mit dieser Symbiose aus Wirtschaft, Natur und Technik internationale Aufmerksamkeit erfährt.

Warum es bitter notwendig und keinen Tag zu früh ist, unser aller Lebensweise gewaltig zu verändern, erklärte Dr. Andreas Segerer in einem leidenschaftlichen Plädoyer. „Das globale Massenaussterben ist wissenschaftlich eindeutig belegte Realität, seine Geschwindigkeit steigert sich sogar noch permanent und die Ursache dafür ist der Mensch“, so der Tenor seines aufwühlenden Vortrages. „Die Arten sterben mit ihren Lebensräumen“.

Fehler im System

Das habe schon mit der industriellen Revolution und der Intensivierung des Landbaus vor 150 Jahren begonnen, so Segerer. „Schuld an der Misere ist nicht der Bauernstand, sondern die Politik“, betonte er. Das Schlagwort „Wachsen oder Weichen“ hätten sich schließlich nicht die Landwirte ausgedacht, sondern jene Politiker, die billigste Lebensmittel als Ziel propagieren. So würden die Gewinne privatisiert und die daraus resultierenden Umweltschäden sozialisiert. Die Zeche zahle die Allgemeinheit.

Zwingend notwendig sei ein systemischer Wandel, eine echte Agrarwende mit Subventionierung umweltfreundlicher Maßnahmen. Leider fehle die gesetzliche Handhabe, aber es sei unumgänglich, weniger Pestizide auszubringen, den Öko-Landbau zu fördern und Biotope zu vernetzen.

Beim Klimawandel habe man dessen Brisanz jetzt erkannt. „Aber leider ist der Artenschwund eine noch weitaus größere ökologische Bedrohung“, so Segerer. Die Befundlage sei dramatisch und dazu komme die grassierende, enorme Nährstoffbelastung, ausgelöst durch Dünger, Umweltgifte, Ausdünstungen aus Straßenverkehr und Industrieanlagen.

So beklemmend war das, was Dr. Segerer bei seiner Zustandsanalyse berichtete, dass mancher Zuhörer dabei fast den Atem anhielt. Aufschnaufen tat Not und so kam Aufmunterung „stromfrei“ in Form von schneidiger Musik des „Bio Trios“.

„Bewahren wir uns die positive Einstellung und die Freude am Schützen der biologischen Vielfalt“, empfahl Bürgermeisterin Irmgard Sauerer.

Je weniger Fleischkonsum, desto besser für die Welt, so lautete eine Erkenntnis des Abends. Also ließ man sich Schnittlauchbrote, Radieserl und Bio-Eier schmecken.

Projektleiter Florian Lang erklärte, wie eine gemeindliche Strategie aussehen könne. Die Möglichkeiten reichen von wegbegleitenden Säumen bis zu Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen. Basierend auf vielen guten Ansätzen ist nun ein Ideenkatalog zu erarbeiten. Dazu findet am 16. Mai der erste Workshop statt. Wie sehr das Thema den Menschen auf den Nägeln brennt, zeigten die vielen Wortmeldungen. Alois Fichtl, der sein Rindfleisch selbst vermarktet und artgerechte Weideschlachtung praktiziert, nannte die Regionalität des Einkaufs als wichtigen Parameter. Ein gemeindliches Schlachthaus könne ein lohnendes Ziel sein, meinte er.

Ein seltener Schmetterling

„Muss man den Leuten nicht erst mal einhämmern, auf Flugreisen zu verzichten?“, fragte Uli Meyer in der Diskussionsrunde. Das „Einhämmern“ werde nicht funktionieren, stattdessen müsse man die Menschen „mitnehmen“, sagte Florian Lang.

Jeder solle überlegen, was er bei sich selber verbessern könne und nicht bei jemand anderem, sagte 2. Bürgermeister Franz Löffl, der sich maßgeblich für die Bewerbung Brennbergs als Biodiversitätsgemeinde eingesetzt hatte. „Die Ernennung ist ein Kompliment für alle, die seit Jahrzehnten dafür arbeiten, dass unser Lebensraum noch so gut beieinander ist“.

Dr. Segerer ermunterte zu „gschlamperten Gärten“ und zur Verbannung der Mähroboter, zu „Palmkätzchen statt Platanen“. Vor der Veranstaltung hatte er bei einem Rundgang durch die Fluren einen Schmetterling entdeckt, den er schon 20 Jahre lang vergeblich suchte. „Die kleine graue Motte, die nicht mal einen deutschen Namen hat, hab ich heute wiedergefunden“. Warum freut ihn das so? Weil Insekten fürchterlich wichtig sind und weil es ohne sie gar nicht mehr lustig wäre auf der Erde. „Ich durfte hier absolut positive Dinge sehen, kleinteilige Landbewirtschaftung, intakte Strukturen. Ich bin beeindruckt von dem Engagement und sehe Sie auf einem guten Weg“.

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