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Handwerk

Warum Schneidern ein Traumberuf ist

Brigitte West aus Donaustauf will Kindern das Nähen vermitteln. Dann müssen Kleider ohne Knopf nicht weggeworfen werden.
Von Petra Schmid, MZ

  • Endlich an der Nähmaschine. Gar nicht so einfach – aber mit Hilfe von Schneidermeisterin Brigitte West macht es Spaß. Foto: Petra Schmid
  • Bevor es ans Nähen geht, muss erst einmal zugeschnitten werden Foto: Kindergarten St. Christopheros
  • Mal kurz beraten, wie es mit der Schürze weitergeht Foto: Schmid
  • Vorsicht heiß! Aber mit Hilfe von Schneidermeisterin Brigitte West kamen auch die Kindern beim Bügeln gut zurecht. Foto: Schmid
  • Endlich an der Nähmaschine. Gar nicht so einfach - aber mit Hilfe von Schneidermeisterin Brigitte West macht es Spaß! Foto: Schmid

Donaustauf.Das tapfere Schneiderlein oder Schneider Böck aus Max und Moritz kennt ein jeder. Schnell entsteht ein Bild im Kopf. Ein schmächtiger Mann thront im Schneidersitz mitten auf dem Tisch. Emsig zieht er Stich für Stich Nadel und Faden durch den Stoff. Wer nun meint, dies sei nur eine Schilderung aus dem Märchen oder dies stamme nur aus der Feder von Wilhelm Busch und habe mit der Handwerkskunst des Schneiderns nichts zu tun, der irrt gewaltig.

Nein, auch heute noch sitzt eine Schneidermeisterin, wie eben Brigitte West, für Handnäharbeiten auf dem Tisch. Zugegeben nicht im sogenannten Schneidersitz. Einfach bequem, wie sie sich gerade wohlfühlt, aber dennoch auf dem Tisch. Diese Angewohnheit habe sie aus ihrer Lehrzeit beibehalten, erzählt sie. In ihrem Atelier schaute nicht nur die MZ vorbei. Auch Vorschulkinder eines Regensburger Kindergartens kamen mit ihren Erzieherinnen, um einmal einer Schneidermeisterin über die Schulter zu schauen. Und was es da alles zu entdecken gab, war nicht nur für die Kinder, sondern auch für die MZ-Reporterin interessant.

Einmal zusehen, wie aus einem Stück Stoff ein Kleidungsstück wird. Ihre hohe Kunst musste West nicht auspacken, denn mit den Kindern zusammen nähte sie eine kleine Schürze für das Kindergarten-Café. Aber mehr wäre für ihren jungen Besuch wohl zu anstrengend geworden. Da heutzutage viele nicht einmal mehr einen fehlenden Knopf annähen können, sondern das Kleidungsstück aussortieren und zur nächsten Billigware greifen, möchte West wieder auf ihren Berufsstand aufmerksam machen. Deshalb versucht sie, bereits bei den Kindern das Interesse für ihr Handwerk zu wecken – mit Erfolg.

Eine große Schneiderschere

Die Vorschulkinder drängen sich dicht um die Schneiderin, als sie mit flinken Fingern den Schnitt auf den Stoff legt und mit dem Zuschneiden beginnt. Die Schere huscht durch den leichten Stoff und schon sind die Teile fertig. Freilich durften auch die jungen Besucher Hand anlegen. Die große Schneiderschere ist nur eines der Handwerkszeuge einer Schneiderin.

Viel älter als die Vorschulkinder wird Brigitte West wohl auch nicht gewesen sein, als sie zum ersten Mal mit der Näherei in Berührung kam. Bereits als Mädchen habe sie mit der Tante für ihre Puppen Kleidchen genäht. Ein Erbstück jener Tante, eine alte Nähmaschine, ist übrigens auch in Wests Atelier zu finden. Vor dem großen Bügeleisen hatten die Kinder dann doch etwas Respekt. Mit Unterstützung der Fachfrau wurden fleißig Säume und Kanten umgebügelt.

Die surrende Nähmaschine hatte es allen angetan. Freilich nicht die „Große“ der sogenannte Industrienäher, sondern quasi die kleine Schwester mit den vielen Sonderprogrammen und Stichmöglichkeiten hatte West für die Kinder vorbereitet. In der Nähautomatik mussten sich die „Nachwuchsschneider“ auch nicht mit dem Fußpedal plagen, sondern konnten bequem mit „Knopfdruck“ nähen. Ganz langsam, unter dem prüfenden Blick der Schneidermeisterin. Die Warteschlange, wer noch einmal an die Nähmaschine darf, wollte nicht kürzer werden. Mädchen und Jungen waren gleichermaßen begeistert. „Meine Mama hat auch schon mal was genäht“ oder „wow, ist das cool“ wurden die Arbeiten von den Kindern kommentiert. Schürzenbänder umdrehen, Tasche drauf und schon war sie fertig, die Schürze im Kleinformat. Begeistert wurde sie anprobiert. Wieder einmal ein „Designer-Stück“ fertig. Denn Design ist alles, was unter den Händen der Schneiderin entsteht. Freilich ansonsten eher aufwendigere Stücke.

„Es war immer mein Traum, Modedesignerin zu werden“, schwärmt die Schneiderin. Es ist ihren glänzenden Augen anzusehen, dass sie in diesem Beruf nicht nur den Broterwerb, sondern auch die Berufung gefunden hat. Allerdings habe das Leben die Weichen anfangs ganz anders gestellt. Nach dem Abitur habe sie Mathematik und Informatik studiert. Dann bildete die Familie den Mittelpunkt ihres Lebens. Mit 27 Jahren habe sie sich neu orientiert und der Zufall habe ihr eine Ausbildungsstelle als Herrenschneiderin beschert. „Ein Glücksfall, ich habe meine Ausbildung halbtags und samstags absolviert“, blickt West zurück. Nach ihren Gesellenjahren habe sie die Meisterprüfung im Damenschneiderhandwerk in Angriff genommen – so nebenher zur Familie.

Den Meisterpreis erhalten

Ehrgeiz steckt Brigitte West wohl schon immer im Blut, vor lauter Angst, schlecht abzuschneiden, habe sie so viel geübt, dass sie am Ende einen Meisterpreis für ihr Prüfungsergebnis als Beste erhalten habe, blickt sie zurück. Und damit nicht genug, schob sie den Meister als Herrenschneiderin noch hinterher.

Zu der Zeit, als sie ihre Ausbildung begann, sei Regensburg noch eine Hochburg der Bekleidungsverarbeitung in Handwerk und Industrie gewesen. Bedauerlicherweise habe sich das in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Große Betriebe seien in Regensburg nicht mehr zu finden, bedauert West. Umso wichtiger sei es, für die Schneiderkunst zu werben und diese wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rufen, fasst West zusammen.

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