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Kultur

Ein Denkmal als guter Ort zum Sterben

Die Schriftstellerinnen Karin Holz und Gerda Stauner lasen in der Gemeindebücherei Donaustauf aus ihren Werken.

Karin Holz und Gerda Stauner in der Gemeindebücherei
Karin Holz und Gerda Stauner in der Gemeindebücherei Foto: Eckert

Donaustauf.Reale Ereignisse werden an erfundene Orte verpflanzt, erfundene Personen agieren an realen Orten und manchmal ist nichts real und alles echt. So könnte zwar auch ein Artikel über die schräge Parallelrealität „alternativer Fakten“ beginnen, aber viel besser als Donald Trump versorgt Kulturintereessierte die gute alte Schriftstellerei mit Geschichten, die zugleich echt und erfunden sind. Dies zeigten auch die Schriftstellerinnen Karin Holz und Gerda Stauner bei ihrer Lesung in der Donaustaufer Gemeindebücherei.

Karin Holz, von Büchereileiterin Waltraud Hintermeier als „Donaustaufer Urgewächs“ vorgestellt, ist bekannt als Autorin von Kriminalromanen, Erzählungen und Mundartgedichten. Sie ist Mitherausgeberin z.B. der Lebenserinnerungen von Ludwig Fichtelscherer, des „Wiggerl vom Arnulfplatz“, und sie bietet als Mitinitiatorin des „Regensburger Literaturbrettels“ bislang unbekannten Autoren eine Plattform für Lesungen.Mit „Herbstfinsternis“ präsentierte sie in der ersten Hälfte des Abends einen Kriminalroman ohne Kommissare, wie sie selbst betonte.

Und tatsächlich konzentriert sich die rund um den Arber angesiedelte Handlung auf den sich zuspitzenden Konflikt innerhalb einer Gruppe von Jagdfreunden, die sich zwecks Vertuschung einer tödlichen Alkoholfahrt eine niederbayerische Version der sizilianischen Omertà auferlegt haben. Aber es gibt einen Zeugen, der nicht zögert, seine Mitwisserschaft erpresserisch einzusetzen. Der Druck im Kessel steigt unaufhörlich. Bald droht das Schweigegelübde Risse zu bekommen.

Inspirationsquelle im Bayerischen Wald

Auch wenn der Krimiplot frei erfunden ist – die Orte der Handlung und die Charaktere und Eigenarten der Personen hat sich Karin Holz sehr genau aus der Wirklichkeit abgeschaut. So gibt es das hinkelsteinartige Zwieseler Weißwurstäquator-Denkmal tatsächlich, das Inspirationsquelle für „Herbstfinsternis“ war: „Ich bin da auf einer Fahrt durch meinen geliebten Bayerischen Wald vorbeigefahren und hab mir gedacht, das ist ein guter Ort zum Sterben“, erzählt Karin Holz bei der Lesung.

Auch die präzise Darstellung des Jägermilieus fußt auf ausführlicher Recherche, bei der ihr der Donaustaufer Jäger und Gastronom Christian Blümel zur Seite stand.

Ein „Regionalkrimi“ im herkömmlichen Sinn ist „Herbstfinsternis“ dennoch nicht: Viel mehr als das Einflechten von wiedererkennbaren Orten und Personen der Heimatregion steht bei Karin Holz’ neuem Buch das fein herausgearbeitete Psychodrama zwischen Vertrauen und Verrat im Mittelpunkt.

Die zweite Hälfte des Leseabends gestaltete die in Seubersdorf im Landkreis Regensburg aufgewachsene und in Regensburg lebende Autorin Gerda Stauner las aus ihrem vielbeachtetes Erstlingswerk „Grasmond“. Zwei geschickt verwobene Erzählstränge prägen das Buch: Ungeklärte Geschehnisse in einem oberpfälzer Dorf in der Endphase des Zweiten Weltkrieges finden ihren Nachhall und ihre Aufklärung in den Erlebnissen eines jungen Studenten zu den Zeiten des ersten Regensburger Bürgerfestes im Jahr 1973. Wohl das erste Mal wurde mit „Grasmond“ diese, für den Erhalt der Altstadt so entscheidende Zeit des Aufbruchs der Regensburger Bürgergesellschaft literarisch verarbeitet.

Gespräche mit Zeitzeugen

Das fiktive Dorf Fichtenried in der Endphase des Krieges und auch die Ereignisse im Regensburg der 70er Jahre sind das verdichtete Ergebnis umfangreicher Recherchen und zahlreicher Gespräche mit Zeitzeugen. Auch die Erlebnisse des Donaustaufers Heiner Fichtner, gebürtiger Berliner mit Sulzbacher Kindheit, flossen nach Auskunft von Gerda Stauner in den Roman ein: Der heute 81 jährige Fichtner war im April 1945 Augenzeuge schrecklicher Szenen, als eine Kolonne von KZ-Häftlingen auf ihrem Todesmarsch in Richtung Süden in Sulzbach halt machte.

Derzeit schreibt Gerda Stauner an einer Forstsetzung der Familiensaga. Sie nimmt nun nach eigener Auskunft die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts in den Blick, als es auch zu großen Auswanderungswellen nach Amerika kam.

Waltraud Hintermeier und ihr Team haben mit der Einladung von Karin Holz und Gerda Stauner wieder mal ihr gutes Händchen bei der Auswahl von Autoren für eine Lesung in der Gemeindebücherei bewiesen. Das Publikum bedankte sich mit reichlich Applaus für zwei schöne Stunden und eine wie immer köstliche Pausenbewirtung. (mz)

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