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Inklusion

Der etwas andere Kollege auf dem Bau

Autisten haben oft Probleme, einen Job zu finden. Lukas Wild aus Hemau ist ein Paradebeispiel für berufliche Inklusion.
Von Dietmar Krenz, MZ

Lukas Wild aus Hemau ist Autist. Der 18-Jährige hat das Asperger-Syndrom und eine Ausbildung als Mauerer begonnen.
Lukas Wild aus Hemau ist Autist. Der 18-Jährige hat das Asperger-Syndrom und eine Ausbildung als Mauerer begonnen. Foto: Dietmar Krenz

Hemau.„Luke, hilf mir mal“, ruft Wolfram Lindner. Der Chef der gleichnamigen Sanierungsbaufirma steht auf der Kellerdecke eines noch zu errichtenden Einfamilienhauses in Hohenschambach und plagt sich mit einem meterlangen Schalbrett ab. Lukas Wild legt den Akkuschrauber aus der Hand und packt mit an. „Passt, gut gemacht“, sagt Lindner und zwinkert dem 18-Jährigen zu. Der dreht aber nur seinen Kopf zur Seite und widmet sich wieder seinen bisherigen Arbeit. Lukas Wild ist autistisch behindert.

Kann ein Autist Mauerer werden? Während vermutlich eine große Mehrheit die Frage mit „Nein“ beantworten würde, sieht die Realität anders aus. Wild hat im September vergangenen Jahres die Lehre begonnen und er kommt „sehr gut zurecht“. Sein Lehrherr stellt dem eher schweigsamen und zurückhaltenden jungen Mann ebenfalls ein gutes Zeugnis aus: „Er ist bestens organisiert und teils selbstständiger als andere Auszubildende in seinem Alter.“

Betriebe für die Inklusion gewinnen

„Wenn es darum geht, ob und wie behinderte Menschen arbeiten können, liegt das Hauptaugenmerk oft darauf, was sie nicht können – statt nach Lösungen zu suchen und sich darauf zu konzentrieren, was sie können. Was es aber braucht, um berufliche Inklusion möglich zu machen, sind Unternehmen, die über ihren eigenen Tellerrand schauen und behinderte Menschen einstellen“, sagt Richard Nürnberger, Vorsitzender des Vorstandes der Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation e. V.

Er ist froh, dass das Bundesministerium für Arbeit und Soziales seine Gemeinschaft beauftragt hat, mit dem Projekt „Wirtschaft inklusiv“ genau an dieser Stelle anzusetzen, um mehr Betriebe für Inklusion zu gewinnen.

In der Stadt und dem Landkreis Regensburg setzen dies die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) um. „Unser Ziel ist es, gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen zu helfen, durch den Behördendschungel zu kommen“, teilt bfz-Mitarbeiterin Daniela Zeiler aus Undorf unserer Zeitung mit. Viele Arbeitgeber seien selbst von morgens bis abends auf der Baustelle bzw. in der Produktion und hätten gar keine Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, ob und wo es Hilfe für sie gibt, wenn sie einen Mitarbeiter mit Handicap beschäftigen oder einstellen wollen.

Fördermittel und viel Beratung

Dazu komme laut Zeiler noch, dass immer noch zahlreiche Vorurteile kursieren – nach dem Motto: „Den wirst du nie wieder los, wegen dem besonderen Kündigungsschutz“ oder „Menschen mit Behinderung seien öfter krank als Menschen ohne Behinderung“.

Hier will das Projekt ansetzen, indem sie den Arbeitgebern die Informationen bringen, die sie brauchen.

Sie nennen die Ansprechpartner bei den jeweiligen Behörden (Integrationsamt, Agentur für Arbeit, Rentenversicherung etc.) und geben Kontaktdaten weiter. Äußerst erfolgreich verlief diese Unterstützung auch im Fall des 18-jährigen Hemauers. „Wolfram Lindner wollte neben einem bereits beschäftigten Azubi auch noch Lukas mit Asperger-Autismus ausbilden“, erinnert sich Zeiler. Mit den möglichen Förderungen und Unterstützungsleistungen kannte er sich nicht aus, so dass die Berater ihn entsprechend informierten und unterstützten.

Dadurch erhielt er aus der Initiative Inklusion eine finanzielle Förderung. Zusätzlich erhält er einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung von der Agentur für Arbeit. Maurermeister Wolfram Lindner, der es nach eigenen Angaben „mit den Behörden und dem Schreibkram nicht so hat“, war sehr dankbar und erfreut, dass er durch das Projekt „Wirtschaft inklusiv“ so effektiv beraten und unterstützt wurde.

UN-Behindertenrechtskonvention

Ein inklusives Bildungssystem im Sinne der seit 2009 in Deutschland gültigen UN-Behindertenrechtskonvention bedeutet den gleichberechtigten Zugang für alle Menschen auch zu beruflicher Bildung. „Künftig sollten mehr Jugendliche mit Behinderung – aber auch andere sozial benachteiligte Gruppen – direkt nach Abschluss der allgemeinbildenden Schule den Weg in eine duale Ausbildung finden können“, sagt Daniela Zeiler.

Auf der Baustelle in Hohenschambach geht alles seinen gewohnten Gang. Lukas ist bestens in der Mannschaft integriert und steht tagtäglich seinen Mann. „Er ist extrem gebildet und an seinem Beruf stark interessiert. Er hat sich mittlerweile ein großes Fachwissen angeeignet“, sagt sein Chef Wolfram Lindner, „da muss sogar ich manchesmal passen“.

Unterstützung für Arbeitgeber

  • Behinderung:

    Bei der Agentur für Arbeit in Regensburg waren 3,2 Prozent der Menschen arbeitslos gemeldet. Von diesen 10 657 haben 908 eine Schwerbehinderung (8,5 Prozent). Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung hat sich seit Dezember 2015 von 812 auf 908 im Februar 2016 erhöht.

  • Berufliche Inklusion:

    Träger des Projekts „Wirtschaft inklusiv“ ist die Bundesarbeitsgemeinschaft ambulante berufliche Rehabilitation (BAG abR), ein Zusammenschluss von Bildungseinrichtungen der deutschen Wirtschaft. Sie führt in acht Bundesländern eigenständige Teilprojekte durch.

  • Veranstaltungen:

    11. Mai 2016: Runder Tisch „Arbeiten mit Epilepsie – so geht’s!“ bei der Krones AG, Neutraubling;

  • 27. Juli 2016: „Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber“ (Ort wird noch noch bekannt gegeben). Eine Anmeldung ist nötig.Die Veranstaltungen richten sich an Arbeitgeber/Unternehmensvertreter.

  • Beratung:

    Seit Februar 2014 wurden in der Oberpfalz bereits mehr als 300 Beratungen durchgeführt.

  • Anprechpartner bfz:

    Teamassistentin Annemarie Scheidl, Tel. (09 41) 40207-58; E-Mailadresse bayern@wirtschaft-inklusiv.de oder scheidl.annemarie@r.bfz.de (wd)

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