MyMz
Anzeige

Verzicht

Kein Spielzeug im Kindergarten

Drei Monate lang war im Hemauer Kindergarten St. Barbara spielzeugfreie Zeit. Das soll Süchten vorbeugen.
Von David Santl

Auch eine kleine Couch und eine Holzbank eignen sich wunderbar als Spielzeug. Foto: David Santl
Auch eine kleine Couch und eine Holzbank eignen sich wunderbar als Spielzeug. Foto: David Santl

Hemau.Auf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Morgen im Raum der „Wirbelwind-Gruppe“ im Hemauer Kindergarten St. Barbara. Die Kinder sitzen an ihren kleinen Tischen und lassen sich ihr sommerliches Frühstück schmecken. Auf den Tellern liegen Brezen, Toasts und ganz viel Obst. Aber bei genauerem Hinsehen fehlt etwas in der quirligen Kindergarten-Atmosphäre: Die Spielzeugregale sind komplett leer. Doch die Kinder scheint das nicht weiter zu stören. Es ist ja schließlich spielzeugfreie Zeit.

In der vergangenen Woche ist diese nach drei Monaten wieder zu Ende gegangen. Doch langweilig wurde es den Kindern natürlich nicht: „Da wird dann plötzlich alles Mögliche zum Spielzeug: Decken, Tische und sogar Sofas“, zählt die Erzieherin Cornelia Buchmayer auf. In der letzten Woche wurden immer zwei Spielsachen wieder aus dem Urlaub zurückgeholt.

Die Sicherheit ging vor

Aber Regeln gibt es trotzdem: „Es darf nichts kaputtgemacht werden und wenn die Kinder klettern wollen, müssen sie Sicherheitsmaßnahmen treffen und zum Beispiel eine Matte darunter legen“, erzählt die Erzieherin. Und just in diesem Moment ziehen ein paar Jungs eine große Matte vorbei und legen sie unters Geländer ihres großen Spielhauses.

Interview

Spielzeugverzicht lässt Kinder wachsen

Viele Kindergärten im Landkreis Regensburg probieren die „spielzeugfreie Zeit“ aus. Das Gesundheitsamt unterstützt dabei.

Irgendwann schaut auch die Leiterin Veronika Prommersberger im Raum der „Wirbelwind-Gruppe“ vorbei. „Das Projekt gibt es bei uns schon viele Jahre“, berichtet sie. Dabei kooperiert der Kindergarten St. Barbara mit dem Gesundheitsamt. „Das Ziel ist Suchtprävention“, erklärt sie. So würden die Kinder lernen, auch mit Alltagsmaterial umzugehen – und nicht nur mit Medien. „Wenn man heute eine Stellenausschreibung anschaut, werden als Eigenschaften immer Interaktivität, Kommunikation und Teamfähigkeit gefordert“, so Prommersberger, „genau das lernen die Kinder damit.“

Natürlich wäre es manchmal mit Spielzeug einfacher. Das bestätigen die beiden Erzieherinnen Cornelia Buchmayer und Verena Schweiger lachend. Bei den Eltern löst dieses Konzept ein positives Echo aus: „Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, vor allem von Eltern, die das noch nicht kennen“, berichtet Prommersberger, „aber viele sind damit schon vertraut.“ Zudem verschwindet das Spielzeug nicht mit einem Mal. Auch hier werden jeden Tag zwei Sachen „in den Urlaub geschickt.“

Faschingszug im Miniformat

Die Eltern würden erzählen, dass die Kinder selbstbewusster werden. Und das merken Buchmayer und Schweiger: „Diejenigen, die Außenseiter waren, wachsen in die Gruppe hinein. Für sie ist das eine echte Chance“, freuen sie sich. Aber am meisten fasziniert sie die Kreativität, die die Kinder an den Tag legen: „Wenn ein Feuerwehrfest war, wird das hier gleich gespielt“, berichten sie. Und auch den Hemauer Faschingszug haben sie nachgestellt.

Plötzlich schlägt ein Kind auf eine große Trommel. „Jetzt ist Kinderkonferenz“, erklären sie, während sich alle Kinder in einer Ecke sammeln. „Wenn ein Kind ein Problem oder einen Wunsch hat, darf es auf die Trommel hauen und sagen, was es will. So stärken wir die Kommunikation und bringen ihnen Demokratie bei“, erzählt Veronika Prommersberger. „Ich würde gern rausgehen“, meint das Kind, das auf die Trommel geschlagen hat. „Wer will noch nach draußen?“, fragen Buchmayer und Schweiger. Einige Finger gehen in die Höhe. „Das ist die Mehrheit, also gehen wir ein bisschen raus.“ Während sich die Kinder anziehen, hören einige neugierig beim Interview mit. Zeit, auch sie nach ihrer Meinung zu den letzten drei Monaten ohne Spielzeug zu fragen: „Ich bin wie ein Tier am Boden rumgekrabbelt“, erzählt der vierjährige Benedikt. „Und ich durfte beim Vater-Mutter-Kind-Spielen immer das Baby sein“, ergänzt die vierjährige Theresa. Schließlich haben sich alle Kinder ihre Schuhe angezogen und gehen nach draußen. Denn in der Natur lässt es sich ohne Spielzeug besonders gut aushalten.

Mehr Nachrichten aus dem Landkreis Regensburg lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht