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Religion

Burkini-Verbot schlägt hohe Wellen

Im Neutraublinger Hallenbad dürfen muslimische Frauen keinen Ganzkörperschwimmanzug tragen. Das sorgt für heftige Reaktionen.
Von Thomas Kreissl, Mz

Eine muslimische Schülerin sitzt in einem Ganzkörper-Badeanzug am Rande des Schwimmbeckens. In Neutraubling ist ein solcher Badeanzug im Hallenbad verboten.
Eine muslimische Schülerin sitzt in einem Ganzkörper-Badeanzug am Rande des Schwimmbeckens. In Neutraubling ist ein solcher Badeanzug im Hallenbad verboten. Archivfoto: dpa

Neutraubling.Es geht um Religion, um Tradition, um Politik, natürlich geht es aber auch um Toleranz und letztlich auch um Regeln. Zur Frage, ob muslimische Frauen in einem Hallenbad einen Ganzkörperbadeanzug tragen dürfen, gibt es viele Meinungen, viele Argumente, aber auch viele Emotionen. Das zeigen die Reaktionen auf unseren Artikel über das Burkini-Verbot im Neutraublinger Hallenbad.

Eine junge Araberin hatte den zweiteiligen Schwimmanzug muslimischer Frauen während eines Frauenbadetags in dem Bad getragen und hatte damit Proteste anderer Badegäste ausgelöst. Die Folge war, dass die Neutraublinger Stadtverwaltung im Eingangsbereich des Hallenbads ein Burkini-Verbotsschild angebracht hat. Bürgermeister Heinz Kiechle stützte diese Entscheidung letztlich auf die Satzung für die Benutzung des Hallenbads, die eine allgemein übliche Badekleidung (Badehose, Badeanzug, Bikini) fordert.

Nicht mehr als ein Kleidungsstück

Die Stadt zieht sich damit auf scheinbar objektive Kriterien zurück, um das Thema abzuschließen. Damit liegt sie im Grundsatz auch gar nicht so weit entfernt von der Position von Martin Neumeyer, dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung. Der weist darauf hin, dass Deutschland säkular ausgerichtet ist, also Staat und religiöse Institutionen voneinander getrennt sind. Insofern sei ein Burkini nicht mehr als ein Kleidungsstück. Freilich eines, das eben auch als religiöse oder gar politische Aussage gesehen werden könne.

Martin Neumeyer, dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung
Martin Neumeyer, dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung

Genau an diesem Punkt sieht Neumeyer eine gesellschaftliche Debatte, „die gerade erst richtig beginnt“. Wie sie geführt werde und wo sie hinführe, sei letzt eine enorme Herausforderung. Neumayer will das Thema eben nur darauf reduzieren, dass sich jemand in seiner Religionsausübung verletzt sieht. Auch ob sich andere eben dadurch beeinträchtigt werden, müsse betrachtet werden. Gar nichts hält der Integrationsbeauftragte übrigens von reinen Badetagen für muslimische Frauen. „Das grenzt auch wieder aus“, warnt er.

Eine Bademeisterin wäre nötig

Leyla Boyrok von der türkisch-islamischen Gemeinde in Neutraubling ist da anderer Meinung. Die türkischstämmige Neutraublingerin, die bereits seit mehr als 30 Jahren in der Stadt lebt, schwimmt gerne im Hallenbad, zumal ihr das auch ihr Arzt immer wieder rät. Sie muss dafür aber nach Regensburg oder Bad Abbach ausweichen. In Neutraubling fehlt ihrer Meinung nach ein Frauenbadetag, der für eine gläubige Muslimin geeignet ist. Zwar gibt es solche Tage, doch ist neben den weiblichen Gästen auch der männliche Bademeister da. Zudem ist das Bad durch eine Fensterfront von außen einzusehen.

Dass das Thema nicht nur muslimische Frauen in Neutraubling bewegt, sondern auch viele Menschen in der Region zeigen eine Reihe von Leserbriefen und mehr als 170 Facebook-Kommentare, die uns seit Freitag erreichten. Und auch die Parteien positionieren sich. So fordern Mirjam Körner und Theresa Eberlein von der Grünen Jugend eine sofortige Rücknahme des Verbots und führend das Artikel 4 des Grundgesetzes ins Feld, der in Deutschland die Religionsfreiheit gewährleiste und insbesondere die Ausübung eines Glaubens schütze, wozu auch das Tragen vorgeschriebener Kleidung zähle. „Wir sehen nicht nur einen klaren Verstoß gegen dieses Grundrecht, sondern auch ein Zeichen gegen Mitmenschlichkeit und Toleranz“ argumentieren die Grünen.

Keine übliche Badekleidung

Für Kreisvorsitzenden Harald Stadler von den Freien Wählern, der auch Stadtrat in Neutraubling ist, hat die Entscheidung dagegen nichts mit Migration oder Religion zu tun. Auch für ihn ist die entscheidende Frage allein die, ob ein Besucher des Hallenbads allgemein übliche Badekleidung trage. „Derzeit ist das ein Burkini nicht“, sagt Stadler und führt dafür die Tradition in den letzten vier Jahrzehnten ins Feld. Zudem geht er davon aus, dass es sich um Einzelfälle handelt und deshalb noch kein echter Bedarf da sei, Burkinis zu erlauben oder eine Bademeisterin einzustellen.

Nicht glücklich ist demgegenüber Kreisvorsitzender Rainer Hummel von der SPD über das Verbot. „Das sollte immer das letzte Mittel sein“ sagt er und plädiert dafür, alle Beteiligten lieber vorher abzuholen. Hummel ist sicher, dass durch Aufklärung Verständnis füreinander hätte geweckt werden können.

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