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Vertriebene

Heimat und Identität gesucht

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft organisierte erstmals einen Diskussionsabend mit Neutraublinger Persönlichkeiten.
Von Petra Schmid

In Neutraublinger Familien ist Flucht seit Generationen bis heute ein Thema.  Foto: picture alliance / Sebastian Gol
In Neutraublinger Familien ist Flucht seit Generationen bis heute ein Thema. Foto: picture alliance / Sebastian Gol

Neutraubling.Der spannenden Frage, ob es eine Neutraublinger Identität gibt und wie sie aussieht und was der Einzelne als Heimat empfindet, gingen die Diskussionsteilnehmer in der Vertriebenen-Stadt Neutraubling nach. Dr. Elisabeth Fendl, Tochter des Heimatdichters Josef Fendl und Mitarbeiterin des Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europas, moderierte den Abend.

Die Expertin stellte zunächst „Neutraublinger Identitäten von „alten und neuen“ Neutraublingern vor. Sie hatte dazu historisches Bildmaterial und Aussagen von Zeitzeugen parat. Aus Sicht von Flüchtlingen und auch von Einheimischen beleuchtete sie die Sichtweisen zu Identität und Heimat.

Niemand war schon immer da

Den klassischen Neutraublinger, wie er in den 1950er Jahren bei einer wissenschaftlichen Arbeit einmal beschrieben worden sei, den habe es wohl nie gegeben, resümierte sie. Das Neutraublinger Stadtbuch, bei dem sie mitgearbeitet hatte, habe man unter das Motto „Niemand war schon immer da“ gestellt. Bewusst habe man sich damals dazu entschieden, um zu zeigen, wie sehr die Stadt von Fremden geprägt sei.

Angefangen bei den Zwangsarbeitern, die im Flugzeugbetrieb arbeiten mussten, über die Insassen des KZ-Außenlagers bis hin zu den Flüchtlingen und später den ersten Gastarbeitern sei jede Neutraublinger „Epoche“ geprägt gewesen von ihren Migranten, betonte sie.

Sylvia Stierstorfer, Beauftragte für Aussiedler und Vertriebene, und die Neutraublinger Persönlichkeiten diskutierten. Foto: Petra Schmid
Sylvia Stierstorfer, Beauftragte für Aussiedler und Vertriebene, und die Neutraublinger Persönlichkeiten diskutierten. Foto: Petra Schmid

Sie beleuchte die Zeit, als sich nach Kriegsende die ersten Unternehmer ansiedelten und versuchten, an die Erfolge in der alten Heimat anzuknüpfen. So habe es beispielsweise relativ lange drei Kunstblumenfabriken in Neutraubling gegeben, zählte sie auf. Auf alle Fälle habe das tatsächlich mitgebrachte und vor allem auch das ideelle Gepäck der Vertriebenen in der Aufbauphase eine große Rolle gespielt. Ein Satz, der damals häufig zu hören gewesen sei, war in jener Zeit „bei uns ist es halt so gewesen“, und dies in den unterschiedlichsten Mundarten, sagte sie augenzwinkernd.

Auch innerhalb der Vertriebenengruppe habe es Anpassungsprobleme gegeben, habe sie von Zeitzeugen erfahren, sagte Fendl. Im Anschluss „befragte“ sie Diskussionsgäste. Von Sigrid Burock, deren Familie aus Karlsbad kam, ließ sie schildern, wie sie ihre Kindheit in Neutraubling erlebt habe. Burock erzählte, dass sie mit fünf Jahren im Jahr 1947 hier angekommen sei. Stolz präsentierte sie ein Lernheft für Blockflöte und erzählte, dass sie dies einst von der Mutter der Moderatorin erhalten habe und dies noch immer besitze. Sie habe mit den Eltern in den 1980er Jahren Karlsbad besucht und sogar das Elternhaus habe noch gestanden, erzählte sie gerührt.

Den Neuanfang in Neutraubling habe vor allem ihr Vater vorangetrieben, denn er habe immer gesagt „wir müssen das schaffen“, erinnert sich Burock. So sei ihr Vater der erste Metzger gewesen, und den Hackstock und die Knochensäge habe sie immer noch zuhause, erzählt sie.

Erinnerungen an die Aufbauzeit hat Dr. Frank Seidel, freilich war er noch ein kleiner Bub, als seine Familie nach Neutraubling kam. Aus seiner heutigen Sicht sei es damals die richtige Entscheidung seiner Eltern gewesen, nach Bayern zu gehen. Für ihn als Fünfjährigen sei es super gewesen, in den Ruinen Abenteuer zu erleben, sicherlich sei so manches Spiel auch gefährlich gewesen, aber mehr wolle er dazu nicht sagen, meinte er augenzwinkernd.

Wert auf schulische Bildung

Heimatdichter und Pädagoge Josef Fendl beleuchtet den Aspekt, ob es zwischen bayerischen und heimatvertriebenen Eltern Unterschiede gebe. In seiner bekannt humorvollen Weise schilderte er eine Szene und fasste zusammen, dass die Flüchtlinge mehr Wert auf die schulische Bildung ihrer Kinder gelegt hätten. Seine Erklärung dafür: „Wer schon einmal alles verloren hat, der weiß, dass man ihm das, was er im Hirnkastl hat, nicht wegnehmen kann.“

Auch Landtagsabgeordnete Sylvia Stierstorfer, die sudetendeutsche Wurzeln hat, erzählte aus ihrer Familiengeschichte. Die Beauftragte für Flüchtlinge und Vertriebene bedauert jetzt, dass sie den Opa zu Lebzeiten nicht noch mehr gefragt und damit das Wissen aus der alten Heimat festgehalten habe. Schon als Kind habe sich für das Thema interessiert, verriet sie. Ein sehr emotionaler Augenblick sei für sie ein Besuch ihrer Familie gewesen, als eine ältere Dame ihren Vater erkannt habe und spontan zum Kaffee einlud.

Heinz Kiechle, Bürgermeister der Stadt Neutraubling und Hans Knapek,Mitglied des SL-Bundesvorstandes, waren sich einig, dass es die eine „Neutraublinger Identität“ nicht gebe, die Gemeinschaft in Europa einen immer höheren Stellenwert gewinne. Der rote Faden Neutraublings sei die Integration, fasste Knapek zusammen.

Heimat und Identität gesucht

  • Wurzel:

    Auf dem damals unbebauten Gelände der heutigen Stadt Neutraubling wurde 1936 bis 1938 der Militärflugplatz Obertraubling errichtet, der ab 1940 auch Produktionsstätte der Messerschmitt-Werke war.

  • Gründung:

    Die Gemeinde Neutraubling entstand am 1. April 1951 aus Gebietsteilen der Gemeinde Barbing auf dem bei Luftangriffen 1944/45 zerstörten Militärflugplatz, 93 Prozent der Einwohner waren Vertriebene.

  • Entwicklung:

    Die Infrastruktur der verbliebenen Flugplatzanlagen und das Fachwissen der Vertriebenen ermöglichten eine rasante Entwicklung zum bedeutendsten Industriestandort im Landkreis Regensburg.

  • Gastarbeiter:

    In den 1960er und 1970er Jahren kamen zahlreiche Gastarbeiter aus Süd- und Südosteuropa und besonders der Türkei. Seit den 1990er Jahren sind auch Spätaussiedler aus Osteuropa da.

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