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Gesundheit

Marihuana: Droge oder Heilmittel?

Weil er chronische Schmerzen hat, baute ein Neutraublinger illegal Cannabis an. Fachleute bezweifeln eine lindernde Wirkung.
Von Christof Seidl, MZ

Der Eigenanbau von Cannabispflanzen ist in Deutschland verboten – auch wenn die „Kleingärtner“ medizinische Gründe angeben.
Der Eigenanbau von Cannabispflanzen ist in Deutschland verboten – auch wenn die „Kleingärtner“ medizinische Gründe angeben. Foto: dpa

Regensburg.Cannabis ist in Deutschland die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Gleichzeitig gelten die Wirkstoffe in Marihuana (Blüten) oder Haschisch (Harz) als schmerzlindernd. Weltweit können Cannabis oder seine Wirkstoffe deshalb in vielen Staaten arzneilich genutzt werden.

Der Überzeugung, dass Marihuana gegen Schmerzen hilft, war auch ein Ehepaar in Neutraubling. Der Ehemann ist seit über zehn Jahren chronischer Schmerzpatient und ertrug sein Leiden jahrelang nur mit Morphium. Nachdem er wegen dieses Opiatkonsums eine lebensgefährliche Erkrankung nicht bemerkt hatte und in Lebensgefahr geriet, probierte er Cannabis aus und merkte, dass die Droge bei ihm fast genauso gut wirkte, um den Schmerz in den Griff zu bekommen.

Das Ehepaar begann, in seiner Garage, Cannabis anzubauen. Durch Zufall flog die kleine Privatplantage auf. Weil das Ehepaar glaubhaft versicherte, das Cannabis nur für den Eigengebrauch angepflanzt zu haben, fiel das Urteil mit einer Bewährungsstrafe vergleichsweise mild aus. Das Gericht unterstrich zugleich, dass es keinen legalen Anbau für Cannabis gibt. Die Staatsanwaltschaft bezweifelte den Schmerzaspekt, auch weil nicht nur der Ehemann sondern auch seine Frau laut Tests starke Konsumenten waren.

Israel: Drogen im Altersheim

In Deutschland gilt es nach wie vor als zweifelhaft, dass Cannabis-Wirkstoffe wirklich ein taugliches Mittel bei chronischen Schmerzen sind. Das bestätigen Regensburger Fachleute. Dr. Christoph Lassen, Leiter der Schmerzambulanz am Klinikum der Universität Regensburg, betont, Cannabis sei kein Wundermittel. Er habe den Eindruck, dass die schmerzlindernde Wirkung über das Rauscherlebnis eintrete. Deshalb sei der Schmerz-Aspekt vermutlich oft vorgeschoben. „Der Rausch steht im Vordergrund.“

In Israel erhalten auch Bewohner von Altenheimen Cannabis in verschiedenen Formen als Schmerzmittel. Auch in diesem Fall vermutet der Schmerzexperte, dass mehrere Faktoren zusammenkommen. Cannabis wirke appetitfördernd und stimmungsaufhellend. Bei Menschen in einem Altenheim könne das durchaus für ein bisschen Zufriedenheit sorgen. Aber auch dann handle es sich nicht um einen rein schmerzlindernden Effekt. In Deutschland kommen Medikamente auf Cannabis-Basis nach Angaben von Dr. Lassen nur in wenigen Ausnahmefällen zum Einsatz. „Nur bei Menschen, bei denen alles andere nicht wirkt.“ Mit Selbstanbauern habe er keine Erfahrungen.

Auch Dr. Willi Unglaub, Vorstandsmitglied der Regensburger Drogenhilfe Drugstop e.V., sagt, dass Cannabis bei Schmerzen nicht sicher wirksam ist. Gesichert sei die Wirkung nur bei spastischen Erkrankungen wie beispielsweise bei Multiple Sklerose (MS). Für solche Fälle gebe es Medikamente, die Cannabis-Wirkstoffe enthalten. Man dürfe dabei nicht vergessen, dass Cannabis nicht frei von Nebenwirkungen ist, betont der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Die Behauptung, dass das Rauchen von Marihuana gegen Schmerzen hilft, hält auch Unglaub „in der Regel für vorgeschoben“.

Wissenschaftlicher Beweis fehlt

Der Drugstop-Vorstand verweist auf einen Kongress, der vor kurzem in München stattfand. Dort hätten Experten bestätigt, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis gibt, dass Cannabis schmerzlindernd wirkt.

Cannabis-Plantagen, wie auf unserem Foto in Niedersachsen, sind in der Oberpfalz laut Polizei kein großes Thema.
Cannabis-Plantagen, wie auf unserem Foto in Niedersachsen, sind in der Oberpfalz laut Polizei kein großes Thema. Foto: dpa

Für die Polizei sind Cannabis-Plantagen in der Region kein großes Thema. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberpfalz wurden 2015 in der ganzen Oberpfalz acht Fälle registriert. Bundesweit gilt Nordrhein-Westfalen wegen der nähe zu Holland als Plantagen-Schwerpunkt.

Größere Bedeutung hat nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) der Eigenanbau in Kleinstmengen. Bei einer Konsumentenbefragung unter Klienten von Drogenhilfeeinrichtungen gaben von 178 Befragten gaben 24 an, Eigenanbau auf dem Balkon oder in Grow-Boxes zu betreiben. Die meisten würden es wegen des „niedrigeren Preises“ tun und weil sie „weniger Verunreinigungen“ befürchten.

Medizin, Droge, Medizin

  • Geschichte:

    Bevor Cannabis 1929 in das deutsche Opiumgesetz aufgenommen wurde, gab es in Europa 100 Medizinprodukte auf Cannabis-Basis. Die moderne Schmerztherapie knüpft daran an, in Deutschland allerdings sehr zurückhaltend. In den USA ermöglichen bereits 25 Bundesstaaten einen leichten Zugang zu medizinisch angewandtem Cannabis.

  • Deutschland:

    In Deutschland nutzen derzeit offiziell nur rund 200 Patienten die Möglichkeit, starke oder chronische Schmerzen mit Cannabis-Medikamenten zu bekämpfen. Die Bundesopiumstelle hat seit 2005 lediglich gut 450 Anträge von Patienten und ihren Ärzten bearbeitet und Sondergenehmigungen für den Erwerb der Droge in der Apotheke erteilt.

  • Israel:

    In Israel haben mehr als 20 000 Patienten eine Lizenz für den Kauf von Cannabis-Medikamenten. Auch dort erhält Cannabis nur, wer nachweisen kann, dass konventionelle Medizin versagt hat. Auch in Israel fehlen große Studien, die die Wirkung zweifelsfrei belegen. Das Gesundheitsministerium räumt ein, es sei schwer, den objektiven Nutzen zu messen.

  • USA:

    Eine US-Studie kommt zu den Ergebnis, dass die Freigabe von Marihuana als Arznei den Freizeit-Konsum nicht anregt. Forscher der Columbia University in New York hatten Daten von mehr als einer Million Jugendlichen aus 48 US-Staaten zwischen 1991 und 2014 ausgewertet. Hinweise darauf, dass mehr gekifft wird, fanden sie nicht.

Die Bundesregierung hat am 4. Mai einen Gesetzesentwurf beschlossen, der die Versorgung der Patienten mit natürlichem Cannabis ermöglichen soll. Schwerkranke, für die es keine Therapie-Alternativen gibt, können künftig Cannabis-Arzneimittel ärztlich verordnet bekommen. Die Kosten erstattet die gesetzliche Krankenversicherung. Dazu hat das Kabinett Änderungen des Betäubungsmittelgesetzes beschlossen.

Der beschlossene Gesetzentwurf ändert nichts an der Haltung der Bundesregierung zur Freigabe von Cannabis: Der Eigenanbau – selbst zu medizinischen Zwecken – als auch seine Verwendung zu Rauschzwecken bleiben verboten.

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