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Seine Welt in gepflegten Bahnen

Klaus Reinisch ist Minigolfer mit Leib und Seele und weiß, wie man schwierige Bälle spielt. Das kommt ihm jetzt zugute.
Von Angelika Sauerer, MZ

Neutraubling.Wenn Klaus Reinisch in die Zukunft schaut, wünscht er sich genau an diesen Samstagabend am vorletzten Augustwochenende: Dann sieht er sich in der Neutraublinger Stadthalle sitzen, lässt das Showprogramm der Faschingszunft Saturnalia auf sich wirken, freut sich mit den Siegern der Europameisterschaft im Minigolf und spürt langsam die Anspannung weichen, die ihn in den letzten Wochen vor dem großen Ereignis fest im Griff hatte. Es wird ein Gefühl sein, wie wenn der Ball auf Bahn 18 in exakt der richtigen Geschwindigkeit den schmalen, steilen Anstieg erklimmt und mit einem sanften Plopp ins letzte Loch plumpst. Geplant ist ein Ass, eine Punktlandung – alles andere wäre nicht sein Ding. Aber bis zu diesem Moment ist es noch eine Weile hin. Es gibt viel zu tun und der Chef packt an. Denn sein Verein richtet heuer die EM mit 113 Sportlern aus ganz Europa aus.

Auf dem Papier ist der 64-Jährige übrigens gar nicht der Chef. Das Sagen hat im Bahnengolf-Club Neutraubling e. V. Reiner Weinberger als 1. Vorsitzender. Klaus Reinisch ist Sportwart und mehr oder weniger das Herz der schmucken Anlage mit zweimal 18 Bahnen (Minigolf und Miniaturgolf). Alle nennen sie ihn den „Chef“, schon immer. Und alle zählen sie zur „Familie“, ob sie nun Reinisch heißen, wie seine Frau Hildegard, die Tochter Corina, der Sohn Roman, die beiden Enkelkinder. Oder Weinberger, wie der Vorsitzende und dessen Mutter Inge, die Kuchen backt und an der Theke hilft. Oder Fuchs wie der Ehrenvorsitzende Lothar und dessen Frau Angela, die Unkraut jätet, an der Kasse sitzt, die Pressearbeit erledigt – „was halt so anfällt“. Oder Pasi Aho, ein zugezogener Finne, der sich um den Profisport kümmert. Die „Familie“ ist ein Team und Minigolf ist eine Welt im Kleinen, die die Menschen, die in ihr leben, zusammenschweißt.

Es ist eine freundliche, überschaubare, gepflegte und meist friedliche Welt, zu der jeder Zugang hat, ob reich oder arm, jung oder alt, sportlich oder gehandicapt. Minigolf ist gar nicht teuer und hat so gar nichts Elitäres – und wenn Klaus Reinisch neben den sportlichen Erfolgen seines Vereins auf etwas stolz ist, dann ist es genau das: „Zu uns kann jeder kommen.“

Ein einziger Schlag kann den Titel kosten

Freilich ist Minigolf auch ein Schlachtfeld. Da werden Duelle ausgefochten, bei denen jeder Schlag sitzt. Das weiß keiner besser als der Chef. Im Vereinsflyer ist gleich eine ganze Seite notwendig, um die Erfolge der Mitglieder aufzulisten, vor allem diejenigen von Corina Reinisch, unter anderem Weltmeisterin und vielfache Deutsche Meisterin. Klaus Reinisch war jahrelang ihr Trainer, wärmte ihr die Bälle vor, sorgte für Schatten am Abschlag, schirmte den Wind ab und bog störende Zweige zur Seite. Er betreute auch die Damen-Mannschaft, arbeitete ehrenamtlich im Verband. 1992 war er selbst Dritter bei der Deutschen Meisterschaft. Ein einziger, mickriger Schlag hat ihn damals den Titel gekostet. Das wurmt ihn heute noch. Ehrgeiz, sagt er, brauche man, um in diesem Sport Erfolg zu haben. Und Ausdauer. Seine Frau Hildegard hält sich lieber an Ruhe und Gelassenheit. Jeder hat sein Rezept, um den Gegner zu bezwingen. Nur eins ist gleich: Der härteste Gegner, das ist man immer selbst.

Wer lernt, ihn zu besiegen, profitiert davon auch im normalen Leben. „Wir haben immer unmögliche Bälle trainert“, sagt Klaus Reinisch. Also zum Beispiel versucht, mit schnellen Kugeln auf einer Bahn einzulochen, die eigentlich langsame Bälle verlangt. Die Kunst, unmögliche Bälle zu spielen, kann er jetzt auch wieder brauchen. Klaus Reinisch und sein Team streben an, eine perfekte EM abzuliefern. Nicht mehr und nicht weniger. Deshalb kniet er neben dem Parkplatz auf dem Schotter und pflastert eine Zufahrt. Deshalb mäht er akkurat die kleinen Rasenfläschen zwischen den Bahnen. Deshalb lagern die mit dem EM-Logo bedruckten Bälle schon im Büro, tragen er und seine Mitstreiter bereits die Polos mit dem Emblem, laufen Tests mit den Ergebnis-Smartphones. Und deshalb gibt es für alle möglichen Ausfälle auch einen Plan B. Nicht mal in der Nacht gibt er Ruhe. Da überlegt er, wie man das mit der Anzeigetafel praktikabel und billig lösen könnte. „Ich studier’ so lange hin, bis ich eine Lösung hab’“, sagt er. In diesem Fall war’s nachts um zwei so weit. Und jetzt steht das Gerüst.

Auf diese Weise lief das in der Vergangenheit immer: Der Verein war mit einem Problem oder einer Chance konfrontiert, wie zum Beispiel der Europameisterschaft. Klaus Reinisch, der seit einigen Jahren frühpensioniert ist – „sonst ginge das zeitlich gar nicht“ – ließ sich den Plan dazu einfallen. Dann stellte er ihn in der „Familie“ zur Debatte, denn er mag keine Alleingänge. „Sollte einmal bei mir der Altersstarrsinn einsetzen, habe ich schon einen Auftrag an meine Kinder erteilt: absägen, sofort“, erzählt er und lacht. Meistens schaut er ja eher konzentriert drein mit einer kritischen Falte über der Nasenwurzel. Reinisch ist ein Macher, der keine Macht haben will. So was ist selten. Inge Weinberger sagt es so: „Der Chef, der ist einmalig.“

Naturtalent und rastloser Kaffeetrinker

Aufgewachsen ist Klaus Reinisch mit einem Bruder und den Eltern in Schwabelweis in ganz einfachen Verhältnissen. Schon als Jugendlicher hatte ihn Minigolf interessiert, leisten konnte er sich’s aber nicht. Erst mit 20 spielte er regelmäßig beim damaligen 1. Oberpfälzer Minigolf Club, dessen Anlage in Tegernheim lag. Der Verein war 1964 gegründet worden und wurde später in Bahnengolf-Club umgetauft. Bereits 1971 nahm Klaus Reinisch – ein fleißiges Naturtalent – bei der Deutschen Meisterschaft teil. Als der Verein 1975 den Platz verlor und aufgelöst wurde, hätte das das Ende bedeuten können. Doch es fügten sich zwei Dinge: Neutraubling stellte den heimatlosen Minigolfern ein zentral gelegenes Gelände zur Verfügung und – zufällig gleichzeitig – zog Klaus Reinisch mit seiner jungen Familie ebenfalls in die Stadt im Osten von Regensburg. Das war die Keimzelle des harten Kerns der Neutraublinger Minigolfer: In Eigenregie bauten 19 erwachsene und drei jugendliche Gründungsmitglieder die Anlage auf. Ab 1976 konnte dort gespielt werden. Am 11.11.1999 dann der Schock – „ich hielt es erst für einen Faschingsscherz“, sagt Reinisch: Neutraubling verlängerte die Pacht nicht. Wieder so ein unmöglicher Ball. Doch auch diesmal gelang der Punkt: Die Stadt bewilligte ein Ausweichgrundstück am Sportpark und der Verein startete neu. 2006 wurde die Bahnengolfanlage eingeweiht, 2008 war die Miniaturgolfanlage fertig – denn es gibt im Minigolf zwei Systeme. So weit es ging, packten alle mit an. Nur Spezialarbeiten wurden fremdvergeben.

Spätestens um acht Uhr in der Früh ist Klaus Reinisch im Sommer auf der Anlage, stellt die Kaffeemaschine an, denn ohne geht’s nicht, öffnet das Gartentürl, das er selbst montiert hat, geht die Bahnen auf Wegen ab, die er alle eigenhändig gepflastert hat, dreht die Rasensprenger ab, kehrt die Bahnen sauber, wischt sie trocken. Er fährt den Computer hoch, liest Mails, gestaltet Ergebnisvordrucke für kleine Turniere an Kindergeburtstagen oder Firmenausflügen, bereitet Urkunden vor. Er macht sich bei allem ein bisschen mehr Gedanken und Mühe, als andere erwarten würden. Das ist sein Stil und auch der seiner Minigolf-Familie: Man langt da hin, wo es notwendig ist – und immer ist was notwendig. Hinter den getönten Brillengläsern huschen die aufmerksamen Augen des Chefs über die Bahnen. Als am Mittag kurz Pause ist zwischen zwei angemeldeten Gruppen, holt er schnell den Rasenmäher aus dem Schuppen und dreht ein paar Runden übers satte Grün. Danach – endlich! – ein Kaffee. Nicht der erste und nicht der letzte an diesem Tag, Kaffee ist der Treibstoff für den rastlosen Geist. So lange es hell ist, bleibt er meist auf der Anlage. Der Tag endet mit Platz säubern, Abfall leeren, Tagesabrechnung. Ausruhen kann er sich dann im Winter. Bei den Reinischs gilt die Losung: „Sterben und Heiraten bitte nicht im Sommer, da haben wir keine Zeit.“

„Ich hätte nicht geglaubt, dass das draus wird“

Manchmal sitzt die Familie Minigolf dann noch am Abend auf der schönen Terrasse des Vereinsheims, vor sich den letzten Kaffee, hinter sich einen anstrengenden Tag und unten ihre kleine Welt in gepflegten Bahnen mit so manchen irren Schikanen. „Ich hätte nicht geglaubt, dass das draus wird“, sagt der Chef dann. Aber die anderen wissen, dass es mit ihm gar nicht viel anders hätte werden können.

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