MyMz
Anzeige

Geschichte

Vertreibung: Thema bleibt umstritten

Der BdV-Präsident definierte in Neutraubling seine Sicht zu Flüchtlingsströmen. Es gab auch Kritik aus den eigenen Reihen.
Von Kerstin Hafner, MZ

  • Auf einem Bahnhof werden sudetendeutsche Flüchtlinge, vor allem Frauen, Kinder und alte Männer, bei einem Zwischenaufenthalt von Helfern des Roten Kreuzes versorgt (undatiertes Bild). Foto: dpa
  • Flucht 2014: Und wieder sind sich Kinder in einem Lager selbst überlassen.Foto: dpa
  • Norbert Uschald (UdV): „Alle Vertriebenenverbände stehen vor der prekären Situation, dass die Erlebnisgeneration ausstirbt. Wir haben nur die Chance auf Verjüngung, wenn wir uns aktuellen Themen zuwenden, die die Enkel und Urenkel interessieren.“ Foto: Kerstin Hafner
  • Rosalia Dillschnitter: „Ich habe Jahrzehnte in der Flüchtlingshilfe gearbeitet und fordere die Politik auf, deutlicher zwischen Zuwanderern ohne echten Asylgrund und berechtigten Asylbewerbern zu unterscheiden. Schon im Herkunftsland sollte das geprüft werden.“ Foto: Kerstin Hafner
  • Horst Hauf: „Seine Ausführungen zur heutigen Flüchtlingssituation sind reine Sache der Ethik. Als BdV-Präsident hat er sich um die Belange der Vertriebenen zu kümmern. Besteht er auf den genannten Ideen, verwässert er den Grundgedanken des BdV.“ Foto: Kerstin Hafner
  • Bürgermeister Heinz Kiechle: „Ich war sehr einverstanden mit Ihrer Rede, Herr Dr. Fabritius. Die Neuorientierung und Öffnung des BdV beim aktuellen Thema Flucht und Vertreibung wird dem Bund viele Sympathien und mehr Akzeptanz einbringen.“

Neutraubling.Auf Einladung der CSU-Bundestagsabgeordneten Dr. Astrid Freudenstein kam am Samstag MdB Dr. Bernd Fabritius, neuer Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV ), nach Neutraubling, um sich im Hotel am See in der Teichstraße 6 als Nachfolger von Erika Steinbach vorzustellen. Vor dem Abstecher in die vor 70 Jahren gegründete „Vertriebenen-Gemeinde“ besuchte er zunächst das Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Danach ging es weiter zur hervorragend besuchten Diskussionsveranstaltung „Flucht und Vertreibung – gestern und heute“, bei der Fabritius den Hauptvortrag hielt. Hier machte er zugleich einige seiner Positionen klar und traf – basierend auf den Erfahrungen deutscher Heimatvertriebener – Aussagen zur aktuellen Flüchtlingspolitik.

Astrid Freudenstein begrüßte neben Dr. Arthur Bechert, Friedrich Kaunzner und Hans Schmitzer auch Bürgermeister Heinz Kiechle, der Fabritius ein Exemplar der Neutraublinger Stadtchronik schenkte, sowie diverse Vertreter einer Reihe von Landsmannschaften. Manche von ihnen zeigten sich nach dem Vortrag ihres neuen Präsidenten nicht ganz einverstanden mit einigen seiner Standpunkte. Fabritius trat den Vorwürfen sachlich entgegen, entkräftete einige als Missverständnis und bezog klar Stellung. Doch dazu später mehr.

Zunächst begann der Siebenbürger Sachse, der seine Jugend in Rumänien verbracht hat und heute nicht nur Mitglied des Europarats, sondern auch Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte ist, seine Rede zum Thema Flucht und Vertreibung.

Auch wenn man die Flüchtlingsbewegungen von heute (meist Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund) nicht mit der Rückkehr deutscher Siedler nach dem Zweiten Weltkrieg (selbe Kultur/ selber Wertekodex) vergleichen und diese Migration nicht mit der Zuwanderung deutscher Vertriebener/ Spätaussiedler gleichsetzen könne, was leider fälschlicherweise oft der Fall sei, so sollte sich der BdV der neuen Problematik doch nicht verschließen und seine Erfahrungswerte in die politische Debatte mit einfließen lassen … als Hilfe für Flüchtlinge mit berechtigtem Asylanspruch und zum Schutz vor „Kultur-Kuddelmuddel“ und Identitätsverlust. „Die Konflikte auf der Welt sind zahlreich wie nie. Die UN spricht von 56 Millionen Flüchtlingen weltwelt“, konstatierte Fabritius.

Dr. Bernd Fabritius mit Bürgermeister Heinz Kiechle, der dem BdV-Präsidenten eine Chronik der Vertriebenengemeinde Neutraubling überreichte.
Dr. Bernd Fabritius mit Bürgermeister Heinz Kiechle, der dem BdV-Präsidenten eine Chronik der Vertriebenengemeinde Neutraubling überreichte. Foto: Kerstin Hafner

„Wir wissen, welche Wunden Vertreibung und Heimatverlust schlagen – diese Menschen bedürfen unserer Empathie. Wir haben einst eine Heimat gefunden, um die uns die halbe Welt beneidet. Um diese Heimat zu schützen, gleichzeitig aber den berechtigten Asylbewerbern zu helfen, müssen wir das Problem der menschenwürdigen Aufnahme und Integration europaweit gemeinsam anpacken.“

Auch wenn die Anschläge islamistischer Extremisten ausländerfeindliche Organisationen wie Pegida auf den Plan gerufen und z.B. die massenhafte Flucht französischer Juden nach Israel (passiver Vertreibungsdruck) ausgelöst hätten, so gebe es – genau wie nach dem Zweiten Weltkrieg – auch heute keinen Grund, nach einer Kausalrechtfertigung oder Kollektiv-Schuld zu suchen. „Wir Politiker müssen berechtigten Ängsten vor Überfremdung sachlich begegnen, aber ihre Instrumentalisierung verhindern! Und als BdVler müssen wir Brücken schlagen.“

„Islam ist gelebte Realität“

Die Integration der Vertriebenen in der Nachkriegszeit sei eine Erfolgsgeschichte geworden. „Damals kamen wir in ein zerstörtes Land und haben mitangepackt, um es wiederaufzubauen. Heute kommen die Flüchtlinge aus allen möglichen Gesellschaftsformen zu uns in ein reiches Land und müssen Fuß fassen. Das sind total andere Voraussetzungen, aber die Erfolgsgeschichte kann sich auch mit den Fremden wiederholen.“

Das Integrationskonzept müsse sich nur darauf einstellen. Der Islam sei gelebte Realität in Deutschland, dürfe sich aber nur im Rahmen des deutschen Grundgesetzes und Wertegefüges entfalten. „Das sehen auch die etablierten Verbände islamischen Glaubens so, da gibt es keinerlei Dissens“, betonte er.

In der Diskussion gab es kritische Stimmen, Fabritius verwässere die Grundidee des BdV, sich um die Belange der vertriebenen Angehörigen des deutschen Volkes zu kümmern. Er konterte: „Es ist mitnichten meine Intention, den BdV zu einem allgemeinen Flüchtlingsverband zu machen, nur können wir Vertriebenen eben wertvollen Input zur aktuellen Flüchtlingsdebatte beisteuern.“

Dr. Bernd Fabritius lässt sich von Direktorin Dr. Agnes Tietze durch das Kunstforum der Ostdeutschen Galerie führen – begleitet von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, MdB Dr. Astrid Freudenstein und Geschäftsführer Maximilian Obermeier.
Dr. Bernd Fabritius lässt sich von Direktorin Dr. Agnes Tietze durch das Kunstforum der Ostdeutschen Galerie führen – begleitet von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, MdB Dr. Astrid Freudenstein und Geschäftsführer Maximilian Obermeier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht