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Kabarett

Sprachakrobatik und deftige Seitenhiebe

Der „Kneitinger Bierschlegel“ geht heuer ins Rheinland. „Lorman“ gewann in Niedertraubling mit „Bauchfrei“-Sprüchen.
Von Angelika Luckesch, MZ

Obertraubling. Gasthof Altes Schloss, kurz vor 20 Uhr. Der Saal in der Schlossstraße 20 in Niedertraubling ist bis auf den letzten Platz gefüllt. An der Frontseite ist eine kleine schwarze Bühne aufgebaut, rechts oben erhöht steht die Soundanlage, rechts unten im Gastraum sitzt die Jury mit Herbert Feldbauer von Radio Charivari, Professor Dr. Ludwig Zehetner und der Veranstalter, Magier und Entertainer Rudy Christl. Zum vierten Mal in Folge soll an diesem Abend der „Kneitinger Bierschlegel“ als Preis vergeben werden.

Da sich die Preisvergabe an Musiker und Kabarettisten abwechselt, geht es für die fünf Finalisten an diesem Abend in der Sparte Kabarett ums Ganze. Über 40 Bewerbungen habe es gegeben, berichtet Rudy Christl der MZ, die Teilnahme an diesem Kabarettwettbewerb steige stetig.

Aus den Bewerbungen wählte die Jury fünf Männer aus, die die Sache an diesem Abend unter sich ausmachen sollen: der Brasilianer Ze do Rock, der Rheinländer Lorman, der Schweizer Roger Stein, der Österreicher Kurt Kleintaler und der Regensburger Lokalmatador Matthias Gietl. Jeder der Finalisten hat 20 Minuten Zeit, um die Jury und das Publikum von seinen Künsten zu überzeugen. Neben der Auswertung für den Kneitinger Bierschlegel, der der Jury allein oblag, wurde an diesem Abend nämlich auch noch ein Publikumspreis vergeben.

Über ein zweifelhaftes Vergnügen

Der Brasilianer Ze do Rock macht den Anfang. Er unterhält das Publikum mit einem Clipboard, auf dem er Einblicke in die schwierige deutsche Sprache gibt. Seine Übertragungen eines deutschen Textes in eine „andere“ Sprache vollzieht er ohne Wörterbuch, dafür aber mit jeder Menge, zum Beispiel französischen Akzents. Und das „funktioniert“ auch mit allen anderen Sprachen! Auch mit seinen ungewöhnlichen Worterklärungen erzielt der Brasilianer Lacher: „Auspuff = Bordell geschlossen; Fernbedienung = Kellner, der verschwindet; Führerschein = der Glanz Hitlers; Missverständnis = schöne Psychologin; Grüner Star = Joschka Fischer; willkommen = will, kommt aber nicht“

Kneitinger Bierschlegel

Der Schweizer Roger Stein brachte Musik in den Abend. Er philosophierte über das zweifelhafte Vergnügen eines Klassentreffens und wenn man dabei eine alte Liebe nach 20 Jahren wieder sehe: „Man macht sich so viele Träume kaputt“, stellte der Kabarettist fest und nannte seine alte Liebe „dumpfes Reihenhausgesicht“ und weiter: „Du siehst so Aldi aus... Ich denke an Sauerkraut, wenn ich dich sehe… hast Geist und Ideal getauscht gegen Mittelmaß“. Stein fragte sich, wieso Stillleben immer so „vegan“ seien und ließ den literarischen Geist des Grills (inklusive Wurst) hochleben. Er reihte literarische Zitate, die er auf Wurstniveau brachte, aneinander: „Bist weder Fräulein, noch bist schön, wirst ohne Wurst nachhause gehen!“ Schließlich pries er im Song „Reich mir mal das Salz“ eben jenes als bestes Mittel zum Anbandeln.

Bauchfrei und Übergewicht

Der rheinländische Kabarettist Lorman gefiel sich in Statements wie „bauchfrei und Übergewicht ist heute kein Widerspruch mehr“ und gab eine Parodie über Jugendliche ohne Intellekt, Bildung und Kultur, „von denen ich mir meine Rente nicht bezahlen lassen will.“ Thema war bei Lorman auch die altersbedingte Parodontose, die jedoch, angesichts magerer Renten, immerhin dafür gut sei, Speisereste länger aufzubewahren, um sie dann später zu verzehren. Seitenhiebe auf die katholische Kirche, die er als Parallelgesellschaft bezeichnete, folgten. Er finde es merkwürdig, dass es in einer katholischen Messe „Sündenablass durch Oblaten-Verzehrung“ gebe. Für Lorman ist außerdem „die Zukunft ein Monster, das sich als Miststück tarnt!“ Mit einer Geschichte, in der er Namen berühmter Komponisten einfließen ließ (zum Beispiel: der Hund muss pinkeln – was für ein „Bach“) beendete er seinen Auftritt.

Ungewöhnlich-skurrile Ballade

Der Österreicher Kurt Kleintaler schildert, wie sehr er von seiner Ehefrau, die er „meine Schneeflocke“ nennt, zum Beispiel im Möbelgeschäft manipuliert werde, indem sie ihm vorn und hinten in die Hose fasse und ihn mit der Verheißung sexueller Vergünstigungen in die von ihr gewünschte Richtung nötige. Bezugnehmend auf seine missratene Tochter erklärt Kleintaler, dass eine Schule eigentlich alles habe, was ein Gefängnis brauche. Außerdem, „Drei Jahre Stoff und noch immer nicht high!“. Er blickt zurück auf seine Jugend und erklärt sich selbst zum „analogical Native“. Mit der ersten Freundin habe er die Kariesbakterien geteilt, ein perfekter Mord werde mit einem Eiszapfen, der nach dem Mord schmelze, verübt. Allerdings stehe dieser perfekten Mordart der Klimawandel entgegen.

Publikumsliebling 2: Matthias Gietl
Publikumsliebling 2: Matthias Gietl

Der letzte in der Runde der Finalisten ist der Regensburger Kabarettist und Wortkünstler Matthias Gietl, der das Kunststück vollbringt, sich nahezu zehn Minuten lang mit dem Publikum zu unterhalten und dabei zuerst den Buchstaben „d“, danach weitere vier Buchstaben auszulassen. Diese Sprachakrobatik nötigt dem Publikum einen großen Applaus ab.

Ungewöhnlich skurrile Balladen

Gietl zeigt in Reimen sein Fabuliertalent und besticht die Zuschauer mit seiner ungewöhnlich-skurrilen Balladen-Version von „Dornröschen“ (gesprochen wie ein „sch“ zu). Schließlich wird das Publikum zur Abstimmung gebeten. Den ersten Platz beim Publikumspreis teilen sich Roger Stein und Matthias Gietl. Die Jury vergibt den Kneitinger Bierschlegel an Lorman, den zweiten Platz teilen sich auch hier Roger Stein und Matthias Gietl.

Kabarettpreisverleihung in Niedergebraching

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