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Beruf

Fischer: Ein Knochenjob auf der Donau

Stefan Schmalzl ist einer der letzten Donaufischer. Wie seine Vorfahren vor 150 Jahren holt er seine Netze mit der Zille ein.
Von Antonie Biederer, MZ

Stefan Schmalzl ist einer der letzten Donaufischer. Wie seine Vorfahren vor 150 Jahren holt er seine Netze mit der Zille ein. MZ-Mitarbeiterin Antonie Biederer hat ihn auf er Donau bei Pfatter begleitet.

Pfatter.Es ist eine andere Welt, frühmorgens auf dem kleinen Boot. Der Raureif bedeckt die Gräser am Ufer. Enten, Reiher und Gänse tauchen unvermittelt aus dem dichten Bewuchs der Wasserpflanzen des Altwassers auf und verschwinden wieder. Zweimal schwirrt ein blau-oranger Blitz über die Wasserfläche – der Eisvogel erhofft sich – wie die Fischer – eine reiche Beute. Stefan Schmalzl sitzt vorne im Boot und reibt sich die frühmorgendliche Kälte aus den Fingern, während sein 73-jähriger Vater Alois Schmalzl wie immer das Steuer übernimmt. Hündin Tessa darf diese Mal auch mitfahren. Aufmerksam sitzt sie im Boot und beobachtet Vögel und Fische. Dass Bellen ein Tabu ist beim Fischen, das hat die junge Hundedame längst gelernt.

Dort, wo das Altwasser auf die Donau trifft, weht den beiden Männern in ihrer Zille ein scharfer Wind ins Gesicht. Trotzdem winken sie den ersten Lastenfrachtern, die unterwegs sind, freundlich zu. Gegenüber von Gmünd fahren sie dann wieder in den großen Bogen, den der Altwasserarm der Gmünder Au beschreibt, ein Relikt aus der Zeit vor der Begradigung der Donau. „Obwohl die Netze eine Woche ausgelegt bleiben, müssen wir die Reuse täglich leeren. Dabei sind wir nach dem heißen Sommer, bei dem wir sogar Fische zukaufen mussten, froh, endlich wieder was ins Netz zu bekommen“, erzählt Stefan Schmalzl.

Gespür liegt in den Genen

Sie gingen 1920 noch mit langen Lederstiefeln auf Fischfang: Alois Schmalzl (Urgroßvater von Stefan), Alois Fries und Xaver Eisenschink (von links);
Sie gingen 1920 noch mit langen Lederstiefeln auf Fischfang: Alois Schmalzl (Urgroßvater von Stefan), Alois Fries und Xaver Eisenschink (von links); Foto: Schmalzl

Das Wissen, wann die Fische gefangen werden können, kann nur durch die Erfahrung mehrerer Jahrzehnte erworben werden, vielleicht wird das nötige Gespür unter den Donaufischern aber auch weitervererbt. Nur bei bestimmter Witterung, während der Schneeschmelze oder bei Murenabgängen in den Alpen beispielsweise wird das Altwasser zu der trüben Brühe, die die Fische beinahe blind in die Reuse schwimmen lässt. Störfaktoren wie starker Wind oder hoher Wellengang verwirren zudem den Orientierungssinn, weshalb sie den Widerstand des Netzes kaum mehr wahrnehmen.

An diesem eisigen Morgen sind die 30 Meter langen flügelförmigen Trappnetze und die Großreusen fast leer, als Stefan Schmalzl und Vater Alois sie Masche für Masche aus dem Wasser ziehen. Den Großteil der Beute machen Weißfische aus, die wenigen Raubfische, ein paar Hechte, Barsche und Zander, landen in einem anderen Bottich, der durch einen Kompressor mit Sauerstoff versorgt wird.

„Ja früher, da haben wir ganz andere Kaliber und Mengen aus dem Wasser gefischt“, erinnert sich Alois Schmalzl. Besonders Fische, die sauberes, kaltes und klares Wasser bevorzugen, wie Hechte, sind mittlerweile fast eine Seltenheit geworden – dank der Staustufe Straubing, die die Dynamik des Fließgewässers durch verminderte Fließgeschwindigkeit änderte. Fische von mittlerer Größe, wie sie die Schmalzls am liebsten hätten, werden zudem von den Kormoranen aus dem Wasser gefischt, die sich in einem schleichenden Prozess von wenigen Wintergästen zu einer teerschwarzen Plage für die Fischer entwickelt haben.

Das Handwerk vom Vater gelernt

Seniorchef Alois Schmalzl steuert die Zille gekonnt durch alle Untiefen.
Seniorchef Alois Schmalzl steuert die Zille gekonnt durch alle Untiefen. Foto: Biederer

Während für die beiden Berufsfischer während der Wintermonate Pause ist, bis die große Schneeschmelze im Februar oder März sie wieder auf die Donau treibt, fischte der erste ‚Schmalzlfischer’, der Großvater des heutigen Alois Schmalzl, noch mit großen Zugnetzen unter dem Eis. Doch heute bei dem stark reduzierten Bestand würde sich so ein Aufwand nicht mehr lohnen. Ein Beleg dieser fischreichen Zeit sind die alten Lederstiefel, die immer noch intakt in der Scheune stehen.

Stammvater der Pfatterer Donaufischer war allerdings dessen Schwiegervater Johann Huber, der 1856 die Fischrechte der Fürsten von Thurn und Taxis erwarb. Nach der Heirat mit dessen Tochter 1896 übernahm Alois Schmalzl den Hof und den Fischereibetrieb. Mit Pferdewägen oder dem Milchauto verteilte er seine Schleien, Waller und Zander an umliegende Gasthäuser wie den Bischofshof und den ehemaligen Weidenhof in Regensburg.

Für Stefan Schmalzl war wie seinem Vater das Handwerk der Donaufischer von frühester Kindheit an vertraut. „Das Fischen war für mich wichtiger als die Schule. Da hab ich mittags den Ranzen in die Ecke gepfeffert und bin mit dem Opa rausgefahren. Das ist dann so lange gut gegangen, bis ich auf die Realschule kam und die Noten nicht mehr wünschenswert waren“, meint der 47-Jährige heute grinsend. Dennoch schaffte er die Mittlere Reife, machte einen Abschluss an der landwirtschaftlichen Berufsschule in Regensburg und anschließend eine Ausbildung zum Fischer in Starnberg und Landshut. „Dass ich einmal den Betrieb weitermache, stand für mich außer Frage. Fischen heißt für mich Tradition bewahren“, erklärt er seine Entscheidung. Nach drei weiteren Semestern wurde er staatlich geprüfter Wirtschafter, mit 25 Jahren legte er schließlich seine Meisterprüfung ab.

Fischen mit Gleichstrom

Stefan Schmalzl bringt das Netz der Reuse ins etwa ein bis zwei Meter Tiefe ins Wasser.
Stefan Schmalzl bringt das Netz der Reuse ins etwa ein bis zwei Meter Tiefe ins Wasser. Foto: Biederer

Nicht nur die Beute, auch die Art des Fischens hat sich in den letzten 150 Jahren stark verändert. Ab der Mitte der 80er Jahre kam das elektrische Fischen auf. Dabei wird Gleichstrom ins Wasser geleitet, der bei den Fischen zu einer kurzzeitigen Muskelkontraktion führt, woraufhin sie an die Oberfläche treiben. Stefan Schmalzl muss seine gelähmte Beute nur mit dem Kescher herausfischen – eine einfachere, für Hobbyangler aber zu unsportliche Methode, die flinken Kerle aus dem Wasser zu bringen. Vorteil sei, dass man zu kleine oder geschonte Fische wieder unverletzt zurück ins Wasser setzen kann und dass keine Netze geflickt oder getrocknet werden müssen. Allerdings ist diese Methode weniger lukrativ als das Fischen mit den Netzen. Zudem ist die Sichttiefe im Altwasser zu schlecht. „Das geht nur in klaren Weihern oder an der neuen Donau. Da suchen wir das Ufer nach Verstecken für die Fische ab und schocken diese dann gezielt“, erklärt der junge Familienvater. Relativ neu für die Familie der Donaufischer ist es, Fische, die gerade nicht verkauft werden können, in kleinen Kiesweihern auszusetzen und bei Bedarf wieder herauszufischen. Dass dabei immer eine gewisse Menge durch die Lappen geht, ist klar.

Die einzelnen Fischarten

  • Fang:

    Gefangen werden in der Regel Weißfische wie Brachsen, Rotaugen, Rotfedern, Güster, Giebel. Ins Netz gehen aber auch Barsche, Hechte und Zander sowie Karpfen, Waller und Aale.

  • Verarbeitung:

    Vom lebendigen Fisch bis zur sekundären Veredelung bietet die Familie Schmalzl am Hof oder in ihrem Laden in der Haidauerstraße 21 an: Geräucherte, gebackene oder frittierte Fische, Steckerlfische, Feinkostsalate, Fischsemmeln oder -platten.

  • Braterei:

    In der Fischbraterei auf der Mai- und Herbstdult verkauft Stefan Schmalzl Steckerlfische und gebackene Fische. Auch auf dem Christkindlmarkt am Neupfarrplatz ist er vertreten. (lto)

Ein Familienbetrieb sind die Schmalzls immer noch – wenn auch nach moderneren Maßstäben. Die Landwirtschaft macht Alois Schmalzl. Und Stefans Frau Birgit, von Beruf Arzthelferin im Kreiskrankenhaus Wörth, steht nebenher noch im Laden, verarbeitet und verkauft die Fische. Großereignisse sind die Mai- und Herbstdult sowie der Christkindlmarkt auf dem Neupfarrplatz, bei denen die ganze Familie mithilft.

Auf der Heimfahrt von den Reusen haben es Stefan und Alois Schmalzl mit einem scharfen Wind zu tun, das kleine Fischerboot scheint trotz laufenden Motors rückwärts zu fahren. Wenn die Wetterverhältnisse noch schlechter werden, dann bleiben der Senior und der Hund daheim.

Arbeit bei allen Wetterbedingungen

Dass eine seiner beiden Töchter die Tradition der Donaufischer fortsetzt, das will Stefan Schmalzl eigentlich nicht. „Das zehrt schon sehr und ist hart verdientes Brot. Man arbeitet bei allen Wetterbedingungen“, begründet er seine Entscheidung. Dennoch fährt seine ältere Tochter Lena gern und oft mit Vater und Großvater hinaus.

Während Stefan Schmalzl das Boot die letzten Meter ans Ufer zieht und die Bottiche ablädt, taucht die Sonne über dem Nebel auf. Er ist glücklich in seinem Beruf – auch wenn es ein Knochenjob ist.

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