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Nicht jeder Piepmatz ist ein Notfall

Die flauschigen Federknäuel wecken außerhalb des Nests oft den Helferinstinkt. Wirkliche Hilfe brauchen aber nur wenige.
Von Sabine Norgall, MZ

Eine flaumige Jungamsel weckt den Helferinstinkt. Doch meist werden die Jungvögel von ihren Eltern weiterversorgt. Deshalb gilt: Erst beobachten, bevor man den Notruf wählt. Foto:
Eine flaumige Jungamsel weckt den Helferinstinkt. Doch meist werden die Jungvögel von ihren Eltern weiterversorgt. Deshalb gilt: Erst beobachten, bevor man den Notruf wählt. Foto: LBV Archiv Peter Bria

Regenstauf.Auch wenn die Amseln schon wieder ganz eifrig pfeifen und bei der Eile, mit der sie durch die Gärten fliegen, sehr beschäftigt wirken: Mitte April wird es wohl noch werden, bis sie, so wie viele andere Singvögel auch, ihr Brutgeschäft aufnehmen. In der Regenstaufer Umwelt- und Vogelauffangstation des LBV (Landesbund für Vogelschutz) weiß Bezirksgeschäftsführer Christoph Bauer jetzt schon ganz genau, was das bedeutet: Jede Menge Jungvögel, die einen hilflosen Eindruck machen, werden als „Notfälle“ in der Vogelauffangstation abgegeben. Wenn eine kleine, flaumige Amsel auf der Wiese tollpatschig herumtapse, würden viele Menschen von einem starken Helfertrieb ergriffen, sagt Bauer. Doch der schnelle Griff zum Telefonhörer, um die Vogelauffangstation zu informieren, sei zumeist gar nicht notwendig. Auch außerhalb des Nests würden die Jungtiere von ihren Eltern gefüttert. Die vermeintlichen Hilferufe der jungen Amsel seien meist nur Bettelrufe um Futter. Gerade bei den Amseln, aber auch bei vielen anderen Arten sei es völlig normal, dass diese noch vor der Flugfähigkeit das Nest verließen und am Boden herumhüpften, sagt Bauer. Der Grund dafür sei ein ganz einfacher: Im Nest wird es für die heranwachsenden Vögel einfach zu eng.

Erst einmal beobachten

Auch ein junger Eisvogel wurde im vergangenen Jahr in der Vogelauffangstation von Hand aufgezogen.
Auch ein junger Eisvogel wurde im vergangenen Jahr in der Vogelauffangstation von Hand aufgezogen. Foto: LBV-Archiv

Deshalb gilt als wichtigste Regel: Die Tiere erst einmal zwei bis drei Stunden beobachten. Nur wenn jagende Katzen in der Nähe sind, sollten Helfer einen Jungvogel auf einem sichern Ast in Rufweite der Eltern platzieren. Die hörten ihre Jungen bis zu einer Entfernung von 20 Metern. Anders als etwa bei Rehen, die ihr Jungtiere nicht mehr annehmen, wenn es einen fremden Geruch hat, können Menschen noch nicht vollständig befiederte Jungvögel problemlos wieder zurück ins Nest setzen. Vögel haben keine Riechzellen und füttern die Jungen weiter. Hat sich nach mehreren Stunden noch immer kein Altvogel gezeigt, müsse man allerdings davon ausgehen, sagt Christoph Bauer, das etwas passiert sei und könne die Vogelauffangstation informieren.

Sehen Sie im MZ-Video: Christoph Bauer erklärt, warum nicht jeder Jungvogel gleich Erste Hilfe benötigt.

Warum nicht jeder Jungvogel gleich ein Fall für erste Hilfe ist, erklärt Christoph Bauer, Leiter der LBV-Bezirksgeschäftsstelle in Regenstauf, im MZ-Video. Video: Norgall

Im vergangenen Jahr hat die Zahl der in der Vogelstation abgegebenen Jungvögel die Helfer dort an die Grenze der Belastbarkeit gebracht, schreibt Ferdinand Baer, der die LBV-Vogelstation ehrenamtlich leitet, in seinem Jahresbericht. Von 791 Vögeln, die 2015 am Masurenweg abgegeben wurden, waren 492 Jungvögel. Die ursprüngliche Kernkompetenz der Vogelstation liegt eigentlich bei den Greifvögeln. (Zum Vergleich: Im bisherigen Rekordjahr 2012 wurden insgesamt 626 Vögel abgegeben, 2014 waren es „nur“ 492.)

„Bei verletzten Greifvögeln rücken wir aus. Verletzte Singvögel müssen die Finder vorbeibringen. Wir haben keinen Jungvogelholservice.“

Christoph Bauer

Für die immens angestiegene Zahl sieht Christoph Bauer vor allem zwei Gründe. Im vergangenen heißen Sommer gab es besonders viele Insekten. Das Überangebot an Nahrung veranlasste viele Vögel zu einer vierten Brut. Zum anderen wird die Vogelauffangstation immer bekannter. Aus der ganzen südlichen Oberpfalz, teilweise darüber hinaus, würden verletzte Vögel nach Regenstauf gebracht. Christoph Bauer macht klar: „Bei verletzten Greifvögeln rücken wir aus. Verletzte Singvögel müssen die Finder vorbeibringen. Wir haben keinen Jungvogelholservice.“ Mindestens dreimal am Tag müssen Jungvögel von den ehrenamtlichen Helfern gefüttert werden. Junge Mauersegler, die 2015 vermehrt abgegeben wurden, darüber hinaus sogar mehrmals pro Nacht. Eine Aufgabe, die von den Freiwilligen nicht mehr zu leisten war. Kurzfristig dachte man sogar über ein Aufnahmestopp nach, entschied sich dann aber dagegen.

Zwölf Prozent aller 2015 in der Vogelauffangstation abgegebenen Vögel waren Katzenopfer, sagt Christoph Bauer im Gespräch mit unserer Zeitung. Er appelliert daher an alle Katzenbesitzer, ihre Stubentiger in der Brutzeit besonders gut im Auge zu behalten. Viele „Katzenopfer“, schreibt Ferdinand Baer im Jahresbericht, würden von Helfern nur deshalb in die Vogelauffangstation gebracht, damit der Vogel nicht bei ihnen stirbt. Denn dass der Vogel an einem Katzenbiss ziemlich sicher stirbt, sei den meisten klar.

„Wenn ein Stubentiger einen Jungvogel erwischt, sind zumeist alle Rettungsmaßnahmen sprichwörtlich für die Katz.“

Christoph Bauer

Wenn ein Stubentiger einen Jungvogel erwische, erklärt Christoph Bauer, wären zumeist alle Rettungsmaßnahmen sprichwörtlich für die Katz. Meistens seien es nicht die Verletzungen an sich sondern die damit verbundenen Infektionen, die einen Vogel nach kurzer Zeit verenden lassen.

Helfer arbeiten im Ehrenamt

  • Keine schnellen Aktionen

  • Vergangenes Jahr stießen die ehrenamtlichen Helfer in der Vogelstation an die Grenzen der Belastbarkeit. Nicht jeder Jungvogel, der scheinbar verlassen in der Natur angetroffen wird, ist auch ein Pflegefall. Deshalb gilt: Den Vogel erst zwei drei Stunden beobachten, ob die Altvögel ihn nicht doch weiter füttern.

  • Zeiten für das Notfalltelefon

  • In Notfällen steht die Vogelauffangstation im Regenstaufer Masurenweg natürlich zur Verfügung. Während der Woche steht das Infotelefon für verletzte Vögel unter der Nummer 0171/ 4087252 zur Verfügung. Montag bis Donnerstag von 9 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 20 Uhr, am Freitag von 9 bis 13 Uhr und von 14 bis 20 Uhr. Am Wochenende ist die Nummer am Samstag von 9 bis 14 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 18 Uhr zu erreichen. Grundsätzlich gilt: Erst telefonisch anfragen, bevor man einen Jungvogel vorbeibringt.

  • Rücksicht nehmen

  • Keiner der ehrenamtlichen Helfer, sagt der Leiter der LBV-Bezirksgeschäftsstelle, Christoph Bauer, taktet seinen Einsatz genau nach der Uhr. Da es sich aber um ein rein ehrenamtliches Engagement handelt, bittet er darum, sich bei den Notrufen an die „üblichen Zeiten“ eines Anrufs zu halten. Eine 24-Stunden-Bereitschaft kann das Ehrenamt nicht leisten.

Wer selbst versuchen will, einen Jungvogel hochzupäppeln, den verweist Christoph Bauer zunächst einmal auf die rechtliche Situation. Vögel gelten als Wildtiere im Sinne des Naturschutzgesetzes. Deshalb dürften nur kranke, verletzte oder tatsächlich verlassene Jungvögel aufgenommen werden. Sobald diese wieder genesen sind und selbstständig Nahrung suchen können, müssen sie in die Freiheit entlassen werden.

Tierliebe nicht übertreiben

Christoph Bauer rät, Jungvögel erst einmal zu beobachten, bevor man einen Notruf absetzt.
Christoph Bauer rät, Jungvögel erst einmal zu beobachten, bevor man einen Notruf absetzt. Foto: Norgall

Allerdings warnt Christoph Bauer auch davor, es mit der Tierliebe zu übertreiben. Die Jungvögel sollten möglichst wenig Kontakt zum Menschen haben, notfalls helfe es auch, beim Füttern sein Gesicht zu verdecken. Ansonsten kann es zu Fehlprägungen kommen und das Tier wäre in freier Natur völlig unselbstständig. Bauer empfiehlt, Futtertiere auf der Pinzette anzubieten. Ganz junge Vögel fressen am besten Insektenlarven, die es im Zoohandlungen oder im Gartencenter zu kaufen gibt, danach empfehle sich eine Futtermischung für Jungvögel. Ein großer Fehler wäre es, Katzenfutter, Hackfleisch oder Zwieback anzubieten. Das könnte zur Fehlentwicklung bei den Jungtieren führen. Unter anderem werde das Gefieder nicht richtig ausgebildet. Wer etwa am Wochenende einen Jungvogel zum Überbrücken einen Tag lang füttern will, dem empfiehlt der Fachmann ein gekochtes Ei, das zerhackt und in Wasser verrührt wird.

Weitere Tipps zur Aufzucht von Jungvögeln gibt es auf der Internetseite des LBV unter www.lbv/vogel-gefunden.

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