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Virus

Pferdeseuche: Tierarzt warnt vor Panik

Im Internet schaukelt sich das Thema immer mehr hoch. Doch die Schierlinger Klinik beruhigt: Es gebe kein größeres Risiko.
Von Benjamin Neumaier und Thomas Kreissl, MZ

Die „Equine infektiöse Anämie“ ist eine anzeigungspflichtige Krankheit– befallene Tiere müssen getötet werden.
Die „Equine infektiöse Anämie“ ist eine anzeigungspflichtige Krankheit– befallene Tiere müssen getötet werden. Fotos: dpa

Regensburg.Die „Equine infektiöse Anämie (EIA)“ oder umgangssprachlich „Pferdeseuche“, hat die Oberpfalz erreicht. In der vergangenen Woche errichtete das Veterinäramt in Schwandorf einen Sperrbezirk um einen Pferdehof – zwei Pferde waren dort von dem Virus befallen und mussten getötet werden. Denn die Krankheit ist anzeigepflichtig und wird in Deutschland durch die „Verordnung zum Schutz gegen die ansteckende Blutarmut der Einhufer“ reglementiert, „die eine Tötung positiver Tiere sowie Sperrung und Untersuchung der betroffenen Bestände und der Kontaktbetriebe“ vorschreibt.

Zwischenzeitlich haben epidemiologische Ermittlungen im Ausbruchsbetrieb der EIA im Landkreis Rosenheim ergeben, dass auch zwei Pferde aus dem Landkreis Regensburg im Sommer 2014 Kontakt zu diesem Betrieb hatten. Doch Pressesprecher Markus Roht vom Landratsamt gibt Entwarnung: „Die amtliche Untersuchung dieser beiden Pferde letzte Woche brachte ein negatives Ergebnis.“ Hinweise auf Kontakte zum Ausbruchsbetrieb im Landkreis Schwandorf liegen seinen Informationen zufolge nicht vor. „Der Landkreis Regensburg ist von der Krankheit nicht betroffen“, machte Roth deutlich.

Hofbesitzer macht sich Sorgen

Im Internet schaukelt sich das Thema hoch, es ist die Rede von einer hochansteckenden Infektionskrankheit – und auch die Betreiber von Pferdehöfen, Reitställen und Pferdepensionen machen sich Gedanken. So wie Albert Alzinger, Besitzer der Reitanlage Alzinger in Gemling bei Bad Abbach: „Wir halten die Augen offen und ich habe mich auch beim Veterinäramt und in der Tierklinik Schierling aufklären lassen.“ Er geht derzeit nicht davon aus, dass es seinen Hof trifft. „Aber natürlich mache ich mir Sorgen“, sagt Alzinger. Von Panik, wie man es teilweise im Internet verfolgen kann, ist der Gemlinger Reitstall-Betreiber aber weit entfernt. Dass die Pferdeseuche Thema ist, beweist auch die Facebook-Seite der Tierklinik Schierling. Dort wurde ein Aufklärungsblatt veröffentlicht – und innerhalb eines Tages mehr als 150 Mal geteilt. Zum Vergleich: Die meisten Beiträge der Seite werden im einstelligen Bereich geteilt.

Am Dienstag errichtete das Veterinäramt in Schwandorf einen Sperrbezirk um einen Pferdehof (nicht im Bild).
Am Dienstag errichtete das Veterinäramt in Schwandorf einen Sperrbezirk um einen Pferdehof (nicht im Bild).

Die Klinik versucht mittels des Informationsblattes, Panik im Ansatz zu ersticken: „Fälle von infektiöser Anämie – kein Grund zur Panik“, ist dort zu lesen. Dr. Jan-Alrik Sichert, einer der Leiter der Schierlinger Tierklinik präzisiert, wieso sich in den Landkreisen Regensburg und Kelheim kein Pferdehalter Sorgen machen müsse: „Das Risiko einer Ansteckung ist trotz der bekannten Fälle auch aktuell nicht größer als zu jeder anderen Zeit des Jahres“, sagt er. In den vergangenen Jahren habe es in Deutschland immer einige Fälle der infektiösen Anämie gegeben – die seien aber immer auf Importpferde zurückzuführen gewesen. Die Tiere hätten den Virus bereits in sich, als sie nach Deutschland kamen. „In beinahe keinem der Fälle folgte eine Ansteckung eines anderen Pferdes“, weiß Sichert.

Es fehlen Informationen

Er versteht, „dass das Thema gerade unter dem Stichwort ,Pferdeseuche‘ die Menschen interessiert und ihnen Angst macht, aber es fehlen Informationen. Seiner Meinung nach handelt sich oftmals eher um Panikmache als um Aufklärung – „gerade in Internet und Medien“. Denn auch wenn es sich um eine anzeigepflichtige Krankheit handelt und akut befallene Tiere sowie Träger des Virus getötet werden müssen, „ist EIA keineswegs hoch ansteckend, wie es oft suggeriert wird“, sagt Sichert. Die infektiöse Anämie werde durch Körperflüssigkeiten übertragen, meist über das Blut. Überträger seien Insekten, hauptsächlich Bremsen. „Der Übertragungsvorgang ist aber so kompliziert, dass er in Deutschland beinahe ausgeschlossen werden kann“, betont der Tierarzt.

Equine Infektiöse Anämie

  • Verbreitung:

    „Die Equine infektiöse Anämie (EIA) oder auch Infektiöse Blutarmut der Einhufer ist eine weltweit verbreitete, virusbedingte Erkrankung der Pferde. Sie tritt regional gehäuft in Nord- und Südamerika, Afrika sowie Süd- und Osteuropa auf. In Deutschland ist das Virus nicht heimisch. In Bayern wurden 2011 zwei und 2015 bislang drei Fälle registriert (Stand 4. August 2015). Auslöser waren höchstwahrscheinlich importierte Pferde aus Osteuropa und Russland.“

  • Übertragung:

    „Die Übertragung von Pferd zu Pferd findet vor allem durch blutsaugende Insekten wie Bremsen oder Stechmücken statt. Das Virus vermehrt sich in den Insekten nicht und bleibt maximal 30 Minuten in den Mundwerkzeugen infektiös. Die zur Infektion notwendige Virusmenge wird erst durch mehrere Stiche erreicht. Eine Distanz ab 180 Meter verringert die Übertragungsgefahr wesentlich. Infizierte Pferde bleiben ein Leben lang Träger der Infektiösen Anämie.“

  • Krankheitsverlauf:

    „Wurde ein Pferd mit dem Anämievirus infiziert, dauert es zwei bis sechs Wochen, bis sich erste Symptome zeigen. Es gibt eine akute und chronische Verlaufsform. Bei der akuten Erkrankung zeigen die Pferde Fieber, raschen Gewichtsverlust, Teilnahmslosigkeit, Schwäche, Blutungen an Schleimhäuten und eine Anämie im Blutbild. Manche Pferde sterben. Erkrankt das Pferd chronisch, zeigen sich Fieberschübe und Anämie – das Pferd stirbt nicht, bleibt lebenslang infektiös.“

  • Konsequenzen:

    „In Deutschland ist die Equine infektiöse Anämie anzeigepflichtig und darf nicht behandelt werden. Wurde die Infektion mit dem Coggings-Test nachgewiesen, müssen betroffene Pferde getötet werden. Ist die Krankheit in einem Stall aufgetreten, wird dieser gesperrt. Die Sperre wird wieder aufgehoben, sobald alle infizierten Pferde getötet wurden und alle übrigen Pferde zweimal im Abstand von drei Monaten negativ auf EIA getestet wurden. (Quelle: Tierklinik Schierling)

Eine Bremse müsste ein befallenes Pferd mehrmals stechen, um eine ausreichende Virenlast aufzunehmen, um ein anderes Pferd infizieren zu können. Das müsste das Insekt dann auch mehrmals stechen – und zwar innerhalb einer halben Stunde, sonst stirbt der Erreger ab. Da Bremsen nur in einem Radius von etwa 180 Metern aktiv sind, sei der Radius stark eingegrenzt. „Es kommt also nur zu Ansteckungen, wenn innerhalb einer großen Menge Pferde ein hoher Anteil infizierter Tiere vorhanden ist – das ist in Deutschland nicht der Fall“, weiß Sichert. Das gebe es nur in Südosteuropa, wo 15 Prozent der Pferde den Virus in sich tragen. „Zu uns kommt der Virus nur über illegal importierte Tiere.“

Vergangene und aktuelle Fälle der Pferdeseuche in der Oberpfalz

Anfang August waren die ersten Fälle von Pferdeseuche in der Oberpfalz aufgetreten. Am 4. August wurde ein Pferdehof im Landkreis Schwandorf gesperrt. Dort war bei zwei Tieren eine Infektion mit dem Virus festgestellt worden.

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