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Flüchtlinge

Wenn Fremde zur Familie werden

Ehepaar aus dem Raum Regensburg teilt sein Haus mit zwei jungen syrischen Flüchtlingen. Dieses Zusammenleben funktioniert gut
Von Christof Seidl, MZ

Fühlen sich in ihrer „Gastfamilie“ in Lappersdorf pudelwohl: Basel (links) und Omar mit Susanne und Ulrich
Fühlen sich in ihrer „Gastfamilie“ in Lappersdorf pudelwohl: Basel (links) und Omar mit Susanne und Ulrich Foto: Seidl

Regensburg.Wenn sie zu viert um den Esstisch sitzen, wirken sie wie eine richtige Familie. Dabei kommen Susanne und Ulrich und ihre Mitbewohner Basel und Omar aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Die beiden junge Syrer kamen als Flüchtlinge nach Lappersdorf und leben seit rund einem Jahr als Mieter im Einfamilienhaus der Familie.

Basel und Omar erhielten Anfang September 2015 ihre Anerkennung als Flüchtlinge und damit ein Bleiberecht für drei Jahre. Ab diesem Zeitpunkt hätten sie sich selbst einen Platz zum Wohnen suchen müssen. Doch das ist im Raum Regensburg fast aussichtslos.

Der Entschluss stand schnell fest

Ebenfalls im September 2015 zog die jüngste Tochter der Familie, die insgesamt vier Kinder hat, aus. Die beiden hatten über die Kirchengemeinde bereits Kontakt zu den Flüchtlingen in Lappersdorf. Und so stand der Entschluss schnell fest: „Wir bieten zwei Flüchtlingen an, bei uns zu wohnen.“ Zunächst nahm nur Basel das Angebot an. Omar zögerte, blieb in einer Gemeinschaftsunterkunft in einem Lappersdorfer Reihenhaus, obwohl der Vermieter dort „schon seltsam“ gewesen sei. Kurz vor Weihnachten zog dann auch er zu der Familie.

Dass das Zusammenleben mit den beiden jungen Syrern von Anfang an sehr harmonisch war, hat nach Ansicht von Ulrich auch praktische Gründe. „Basel spricht sehr gut englisch, deshalb war Kommunikation nie ein Problem.“ Er habe anfangs auch für Omar gedolmetscht. Inzwischen haben die beiden ihren ersten Integrationskurs hinter sich und sprechen gut deutsch.

Private Unterbringung

  • Situation:

    Anerkannte Flüchtlinge müssen sich im Prinzip selbst um einen Platz zum Wohnen kümmern.

  • Problem:

    Weil sie auf dem freien Wohnungsmarkt selten fündig werden, wohnen sehr viele anerkannte Flüchtlinge weiterhin in den dezentralen Unterkünften, die der Landkreis für den Freistaat Bayern angemietet hat.

  • Fehlbeleger:

    Diese sogenannten Fehlbeleger machten im Landkreis aktuell rund die Hälfte alle Menschen aus, die in diesen dezentralen Unterkünften leben.

  • Miete:

    Familien, die anerkannte Flüchtlinge bei sich wohnen lassen, erhalten Miete. Zuständig ist dafür das Jobcenter, das prüft, ob die Höhe der Miete angemessen ist, und die Mietsumme bezahlt.

Basel und Omar haben im Haus eine Art Einliegerwohnung für sich. Und sie leben dort genauso selbstständig wie das viele erwachsene Kinder tun, die noch zuhause wohnen. „Wir treffen uns nicht ständig jeden Tag“, beschreibt Susanne das Zusammenleben. So würden die beiden normalerweise für sich selbst kochen, „manchmal kochen wir aber auch zusammen etwas“. Trotz dieser Eigenständigkeit übernehmen die „Gasteltern“ Verantwortung. „Wenn ein Brief von Behörden kommt, lese ich den“, erklärt Susanne. Sie gehe auch mit zum Jobcenter oder zum Landratsamt – und hat für beide Behörden ein Lob parat. „Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht.“ Vom Jobcenter habe sie allerdings auch schon anderes gehört.

„Wir fühlen uns hier sehr wohl“, sagen Basel und Omar. Ihre Vermieter seien für sie ein Stück Familie. Die beiden haben auch sonst offenbar wenig Probleme mit ihrem neuen Leben. „Ja, wir haben Freunde, hier in der Nachbarschaft und natürlich viele aus den Integrationskursen – auch Mädchen.“ Das sei aber auch bei ihnen zu Hause in Syrien nicht anders gewesen.

Die Frage, ob Frauen denn in Syrien nicht benachteiligt werden, verneinen beide. Das sei zumindest dort, wo sie aufgewachsen seien, nicht der Fall. „Frauen haben bei uns die gleichen Rechte wie Männer“, erklärt Basel. „Und viele arbeiten, auch meine Mutter“, ergänzt Omar. Europäer würden oft übersehen, dass es zwischen den Staaten auf der arabischen Halbinsel große Unterschiede gebe. In Saudi-Arabien sei die Situation der Frauen ganz anders als in Syrien.

Kontakt per Mail oder Skype

Beide halten Kontakt zu ihren Familien, so gut es geht, per Mail oder über Skype. In Daraa habe es wiederholt Flugzeugangriffe gegeben, dann sei es ruhiger geworden, aber jetzt habe es wieder einen Angriff gegeben, erzählt Basel. In Damaskus sei die Situation derzeit stabil, meint Omar.

In ihrem aktuellen Kurs im Deutschen Erwachsenenbildungswerk (DEB) lernen Omar und Basel Deutsch, sie machen aber auch Praktika in ihren Wunschberufen. Basel will nach dem Kurs mit Informatik weitermachen, Omar sucht eine Ausbildungsstelle als Automechaniker und überlegt, ob er nebenher wieder als Fitnesstrainer arbeiten soll.

Die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, verunsichert die jungen Syrer. Ihre Heimat vermissen beide, aber zurück wollen sie nicht. „Wenn in Syrien wieder echter Frieden herrschen würde, dann ja“, sagt Basel. Hier in Deutschland sind die Wünsche einfacher zu formulieren: die Verlängerung ihrer Anerkennung, Arbeit, Freunde.

Für Susanne und Ulrich ist klar, dass sie Basel und Omar auch in Zukunft unterstützen werden. „Ihr seid unsere Söhne, wir sind die Ersatzeltern.“ Sie sind überzeugt, dass viele Paare ihrem Vorbild folgen könnten. Bisher seien Flüchtlinge mit Familienanschluss allerdings die absolute Ausnahme. Ulrich: „Wenn wir anderen davon erzählen, finden die das toll. Aber gleichzeitig sagen sie, dass sie es selbst nicht könnten.“ Offenbar gebe es da noch viele klassische Vorurteile.

Zwei Flüchtlingsschicksale

Basel ist über die Türkei nach Deutschland geflüchtet.
Basel ist über die Türkei nach Deutschland geflüchtet. Foto: Seidl

Der 23-Jährige Basel ist in Daraa aufgewachsen, die 80000-Einwohner-Stadt im Süden Syriens gilt als „Wiege der Revolution“. Basel hatte seine Heimat 2013 verlassen. Er ging damals nach Moskau, lernte russisch und begann ein Informatik-Studium. Anfang 2015 muss er aufhören, weil ihn seine Familie nicht mehr finanziell unterstützen kann. Basel reist auf Empfehlung seiner Eltern in die Türkei. „Sie haben gesagt, ich soll nicht zurückkommen, weil es zu gefährlich wäre.“ In Daraa hätte auf Basel der Einberufungsbefehl der syrischen Armee gewartet. Die meisten seiner Freunde, die damals eingezogen wurden, seien heute tot, sagt er. Im Frühjahr 2015 flieht Basel auf der Balkanroute nach Deutschland.

Omar ist zunächst aus Syrien in den Libanon und dann in die Türkei geflüchtet.
Omar ist zunächst aus Syrien in den Libanon und dann in die Türkei geflüchtet. Foto: Seidl

Der 22-Jährige stammt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. Auch er floh bereits 2013, weil er seinen Einberufungsbescheid erhalten hatte. „Ich wäre nach Aleppo gekommen.“ Ein halbes Jahr kann sich Omar in Syrien unter falscher Adresse verstecken, dann flieht er mit einem Taxi in den Libanon und von dort zwei Monate später in die Türkei. Er findet Arbeit als Trainer in einem Fitness-Studio. Doch die Verhältnisse werden bald schwierig. „Ich arbeitete, aber ich bekam kein Geld mehr dafür.“ Im Frühjahr 2015 flieht Omar über das Meer nach Griechenland und dann ebenfalls über die Balkanroute. Nach zwei Wochen kommt er im Erstaufnahmelager in Deggendorf an.

Reportagethema im ZDF

Das ZDF berichtet in seiner Reportage-Reihe „37 Grad“ am Dienstag, 25. Oktober, um 22.15 Uhr über zwei sehr unterschiedliche Familien, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Die eine Familie sind Susanne und Ulrich. Die Autorin des Films, bestätigt auf der Webseite des ZDF zu der Reihe Ulrichs Einschätzung, dass Flüchtlinge, die in Familien leben, eine absolute Ausnahme sind – und zuweilen misstrauisch beäugt werden.

Es sei schwer, solche Familien zu finden. Gemeinden und Sozialverbände fühlen sich angesichts der riesigen Zahl von Neuankömmlingen überfordert, die Seriosität solcher Angebote für erwachsene, bereits anerkannte Flüchtlinge intensiv zu prüfen.

Die einzige große Internetplattform, die Flüchtlinge in Wohngemeinschaften und andere Privatquartiere vermittelt (www.fluechtlinge-willkommen.de), bittet um Verständnis dafür, dass nur sehr wenige in einer Zeitung oder gar im Fernsehen erscheinen wollen.

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