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Wohnen

Wenn Strom und Nahwärme fehlen

Ein Start-up soll ein Baugebiet in Wenzenbach versorgen. Nach Problemen sind Kunden verärgert. Jetzt soll alles besser werden
Von Christof Seidl, MZ

Im Baugebiet Roither Berg in Wenzenbach schießen die Häuser derzeit geradezu aus dem Boden.
Im Baugebiet Roither Berg in Wenzenbach schießen die Häuser derzeit geradezu aus dem Boden. Foto: Seidl

Wenzenbach.Die Vorschusslorbeeren waren riesig. Die Energieversorgung Wenzenbach GmbH (EVW) sollte im Baugebiet „Roither Berg“ 113 Grundstücke umweltfreundlich und wirtschaftlich mit Wärme versorgen. Kraft-Wärme-Kopplung im eigenen Nahstromwerk sollte zusammen mit intelligenten Steuereinheiten in den Wärme-Übergabestationen der einzelnen Häuser ein Höchstmaß an Effizienz garantieren. Noch im Januar erhielt EVW für das innovative Konzept von bayerischen Wirtschaftsministerium die Auszeichnung „Gestalter der Energiewende“ zuerkannt.

Allerdings war das Start-up-Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits in Verzug. Das Nahstromwerk sollte im Herbst 2016 in Betrieb gehen, war es aber auch Anfang März 2017 noch nicht. Wärme und Elektrizität gab es nur über das Baustromnetz, das den Belastungen kaum gewachsen war. Stattdessen gab es Kostensteigerungen beim Baustrom und Verwirrung wegen unterschiedlicher Angaben bei den Kosten für die technisch aufwendigen Übergabestationen. Jeder Bauherr muss sein Haus über eine solche Station an das Nahwärmenetz anschließen. Der Strombezug ist frei.

Offene Information gefordert

In ihrer Not haben sich Eigentümer, die ihre Häuser in dem Baugebiet bereits bezogen haben oder kurz davor stehen, in einem offenen Brief an Gemeinde, Bauherren und EVW gewandt. Sie fordern darin eine umfassende Information zu allen offenen Fragen. Die Gemeinde Wenzenbach müsse als Vermittler auftreten. Im Gespräch mit unserem Medienhaus kritisierten mehrere Grundeigentümer widersprüchliche Aussagen zu den Kosten für den Anschluss der Häuser. Viele Posten seien schwer einschätzbar, so gebe es bei den Versorgungsleitungen von der Straße zum Haus den Begriff „unübliche Längen“, der zu Extrakosten führen könne. Der Baustromanschluss sei zum Teil um mehr als 400 Prozent – von 208 auf bis zu gut 1000 Euro – gestiegen. „Das Schlimmste ist, dass jeder etwas anderes hört. Wir sind auf Gerüchte angewiesen, weil EVW uns seit Monaten nicht ausreichend informiert“, sagte ein Grundeigentümer.

Ein anderer Häuslebauer hatte vorab seine Anschlusskosten mit 34000 Euro berechnet. Wenn er von den erhöhten Ansätzen ausgehe, die im Gespräch seien, würde diese Summe auf 48000 Euro steigen. „Und wer sagt mir, dass das nun das Ende ist? Wir haben ja Kredite vereinbart und können nicht beliebig viel Geld ausgeben.“

Das Nahstromwerk soll das Baugebiet mit Wärme versorgen.
Das Nahstromwerk soll das Baugebiet mit Wärme versorgen. Foto: Seidl

Ein Eigentümer, der bereits seit Jahresbeginn in seinem Haus wohnt, verwies auf den enormen Stromverbrauch durch die elektrische „Not-Beheizung“ des großen Pufferspeichers. Noch dazu sei diese Heizform ungeeignet, eine ausreichende Betriebstemperatur zu erzeugen. Dazu komme, dass es bisher weder Telefon noch Internet über Glasfaser gebe. Ein behelfsmäßiger Hotspot funktioniere nicht immer. Das Fazit der Anwohner: „Wir wollen einfach wissen, wie es weitergeht und welche Kosten auf uns zukommen.“

EVW-Geschäftsführer Jochen Stierstorfer sagte gegenüber unserem Medienhaus, er könne die Kritik nachvollziehen, auch wenn viele Vorwürfe so nicht gerechtfertigt seien. „Wir haben in der Kommunikation Fehler gemacht.“ Dies sei aber auch eine Folge der Lage nach der Trennung von dem früheren Geschäftsführer der EVW im Vorjahr gewesen. Bis zu diesem Zeitpunkt seien nicht alle Entwicklungen optimal gelaufen. „Wir haben bis jetzt gebraucht, um alles aufzuarbeiten“, räumte Stierstorfer ein. Es hätte aber keinen Sinn gemacht, den Grundeigentümern am Roither Berg zu einem Zeitpunkt Informationen zu geben, zu dem diese noch nicht feststanden.

Jetzt stehe das Konzept für den Roither Berg auf sicheren Füßen, verspricht Stierstorfer. Das werde die EVW dieser Tage den Grundeigentümern in einem Rundschreiben mitteilen. Die Finanzierung sei gesichert, er und sein Geschäftspartner stünden mit ihrem Vermögen ein. Stierstorfer bezeichnete in diesem Zusammenhang eine bekannt gewordene interne Aufstellung von fehlenden Einnahmen und nicht beantragten Zuschüssen als irreführend. „Die Fördermittel, von denen darin die Rede ist, hätten wie nie bekommen, weil das Projekt dafür nicht passt.“ Andere Posten in den Papier seien inzwischen überholt.

Keine höheren Anschlusspreise

Stierstorfers wichtigste Botschaft an die Grundeigentümer: Sie müssten keine höheren Anschlusspreise zahlen, das ursprüngliche Preisblatt bleibe gültig. Der höhere Preis für den Baustromanschluss sei aber gerechtfertigt. Trotz aller Anlaufschwierigkeiten ist Stierstorfer „hundertprozentig überzeugt“, dass das Konzept für den Roither Berg funktioniert. Laut einer neuen Berechnung liege die Rendite bei der Wärmeversorgung bei vier Prozent. Deshalb sei auch die Beteiligung an der eigens gegründeten Genossenschaft, die das Nahstromwerk einmal übernehmen soll, rentabel.

Das Nahstromwerk ist nach Stierstorfers Angaben seit 9. März in Betrieb. Dieser Schritt sei ursprünglich vor Weihnachten geplant gewesen, habe sich aber zweimal verzögert. Die elektrische Beheizung der Pufferspeicher sei keine Notmaßnahme, sondern Teil des flexiblen Wärmekonzepts. „An Tagen mit großen Stromüberschüssen bei Windrädern oder aus der Photovoltaik ist es beispielsweise günstiger, mit Strom zu heizen“, erklärte Stierstorfer. Eine zu niedrige Betriebstemperatur in Einzelfällen sei die Folge falscher Einstellungen in der Hausinstallation, die leicht behoben werden könnten.

Das Energieversorgungskonzept

  • Ausstattung:

    Kernstück ist das Nahstromwerk mit 440 KW elektrischer sowie 630 KW thermischer Leistung und 40 000 Liter Wasserspeicher. Dazu kommen Wasserspeicher in den Häusern mit je 950 Litern. Alle Speicher werden mit direkter Wärme oder mit einer eingebauten Stromheizung erwärmt.

  • Besonderheit:

    Das Regelsystem kann vorhandene Energieflüsse bündeln und optimieren. Es nutzt Überschüsse aus regenerativer Energieerzeugung. Das Konzept wurde zusammen mit Universität und OTH Regensburg entwickelt.

  • Abnehmer:

    Baugebiet Roither Berg, Schule Wenzenbach (strombeheizt).

Internet und Telefon funktionieren laut Stierstorfer bereits seit Längerem. Probleme gebe es nur bei einigen wenigen Häusern. Schuld seien Anschlussmuffen, die beim Einbau beschädigt worden seien. Eine Reparatur sei wetterbedingt im Januar und Februar nicht möglich gewesen. Jetzt werde man die Muffen instand setzen.

Die Grundeigentümer bleiben skeptisch. Einer sagte am Dienstag auf Nachfrage, seine Heizung arbeite nach wie vor nur elektrisch.

Bürgermeister will vermitteln

Der Wenzenbacher Bürgermeister Sebastian Koch will in der Auseinandersetzung zwischen Energieversorgung Wenzenbach GmbH (EVW) und den Grundeigentümern am Roither Berg, die von dem Unternehmen mit Wärme versorgt werden, vermitteln. Auf Anfrage unseres Medienhauses betonte Koch, er habe, um die Diskussionen zu versachlichen, der EVW bereits vor einiger Zeit einen Termin mit den Gemeinderäten angeboten. „Ebenso will ich versuchen, zeitnah ein Treffen zwischen der EVW und den Bauherren in die Wege zu leiten und hier zu vermitteln.“

Das Nahstromwerk 1 der EVW gelte als Leuchtturmprojekt für die regionale Energiewende. Auch deshalb sei die Gemeinde Wenzenbach bisher stets darum bemüht gewesen, die EVW zu unterstützen. So beziehe die Gemeinde für die Mittelschule Strom von EVW. Die Gemeinde habe bei der Bauleitplanung für den Roither Berg eine technische Machbarkeitsstudie durch die Energieagentur Regensburg durchführen lassen. Aus dieser Studie gehe hervor, dass das gasbetriebene Blockheizkraftwerk samt Strom- und Wärmenetz im Baugebiet innovativ und leistungsfähig arbeiten kann. Koch hofft deshalb, dass es der EVW zeitnah gelingt, Bewohner und Bauherren am Roither Berg zuverlässig, zufriedenstellend und zu den beim Grunderwerb zugesicherten Konditionen mit Strom und Wärme zu versorgen. „Die Unterstützung der ortsansässigen EVW ist mir schon deshalb ein Anliegen, weil mit dem Erfolg des Unternehmens auch die Zufriedenheit im Baugebiet steht und fällt.“

Übernimmt die Rewag?

Die Energieversorgung Wenzenbach (EVW) hat ihr Stromnetz im Baugebiet Roither Berg Anfang des Jahres an die Regensburg Netz GmbH, eine Tochtergesellschaft der Rewag, verpachtet. Auf Nachfrage unseres Medienhauses teilte die Rewag mit, dass derzeit kein dauerhaftes Pachtverhältnis existiere, der Vertrag laufe bis Ende Mai. Es werde aktuell geprüft, in welcher Form ein längerfristiges Engagement möglich sei.

Die Rewag bestätigte auch Überlegungen, das Nahstromwerk 1 und damit die Wärmeversorgung des Baugebiets Roither Berg zu übernehmen. Allerdings sei ein entsprechendes Engagement nur unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit machbar. Diese sei Teil der Gespräche, die derzeit zwischen der Rewag und EVW geführt werden. Aus Rewag-Sicht handle es sich um ein innovatives Modell. Bis zur seriennahen Marktreife, die eine Wirtschaftlichkeit garantiert, seien noch einige Fragen zu klären. Eine Entscheidung werde voraussichtlich bis Ende April fallen.

EVW-Geschäftsführer Jochen Stierstorfer hatte gegenüber unserem Medienhaus geäußert, dass man an einer dauerhaften Verpachtung interessiert sei. Ein Verkauf des Nahstromwerks sei nicht das vorrangige Ziel.

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