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Kultur

Barockmusik erklingt in der Ziegelei

Franz Senft hat eigens seine Fabrikhalle ausgeräumt. Tschechische Künstlerlinnen musizierten zwischen Lattenspeichern.
Von Sebastian Schmid, MZ

  • Die tschechischen Künstlerinnen musizierten in der Halle der Ziegelei Senft. Fotos: Sebastian Schmid
  • Extra für das Konzert wurde die Produktionshalle ausgeräumt.

Wörth.Die große Fabrikhalle der Ziegelei Senft in Wörth war am Freitag Schauplatz eines außergewöhnlichen Konzerts. Im Rahmen der Musikbrücke 2015 waren die beiden hochkarätigen Musikerinnen Edita Keglerová (Cembalo) und Ivana Bilej Broukova (Sopran) nach Wörth gekommen, um das Publikum in den Bann der Barockmusik zu ziehen.

Und die Kombination aus alter Kammermusik und roher Industrieromantik kam beim Publikum an. Die leichten, fröhlichen Klänge des Cembalos, einem Vorgänger des Hammerklaviers, erzeugten eine wilde Harmonie, die die Gäste zu schätzen wussten und mit ausgiebigem Applaus honorierten.

Im Vorfeld der Veranstaltung war sich Johann Festner, der den Kulturausschuss der Stadt Wörth leitet, noch nicht sicher, wie viele Besucher sich anlocken lassen. Letztendlich zeigte er sich mit der gut gefüllten Halle, in der es nur noch wenige freie Plätze gab, sehr zufrieden.

Die Konzertreihe ist Teil des grenzüberschreitenden Programms, das von Pilsen als Kulturhauptstadt 2015 ausgeht. Auf bayerischer Seite organisiert das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee die Beiträge.

An interessanten Schauplätzen

Hans Eibauer, Leiter des CeBB, erklärte den Gästen, warum man sich ausgerechnet für eine Ziegelei als Veranstaltungsort entschieden hatte. „Ziel war es, Konzerte an interessante Schauplätze zu bringen. Barock und Industrie sind untrennbar mit der Stadt Pilsen verbunden“, so Eibauer.

Tatsächlich erlebte die westböhmische Metropole während des Barocks einen Aufschwung. Die bedeutendsten Künstler und Architekten der Epoche kamen in die Region und verewigten sich mit pompösen Klöstern und Schlössern, die die Landschaft bis heute prägen. Heute spielt in Pilsen die Industrie, deren Aushängeschild die Škoda-Werke sind, eine herausragende Rolle. Der Kontrast zwischen diesen beiden Einflussfaktoren spiegelte sich in Wörth hervorragend wider.

2010 erhielt Pilsen den Zuschlag als Kulturhauptstadt, und das Team des CeBB machte sich auf die Suche nach geeigneten Veranstaltungsorten auf bayerischer Seite. „Wir haben Ideen entwickelt, die sich umsetzen lassen, und da ist die Stadt Wörth auf dem Schirm aufgetaucht“, sagte Hans Eibauer.

Der Unternehmer räumte aus

Auch Hans Festner ließ sich schnell für das Vorhaben begeistern: „Für uns war klar, dass wir an der Musikbrücke teilnehmen wollen. Da haben wir kurzerhand bei der Familie Senft nachgefragt, ob die Halle zur Verfügung steht.“

Unternehmer Franz Senft war bereit, sie für den Abend auszuräumen und die Produktion während dessen ruhen zu lassen. „Ich kann mich für alte und klassische Musik begeistern. Deswegen war es keine schwierige Entscheidung, die Musikbrücke zu unterstützen“, sagte Franz Senft. Bei moderner Rock- oder Popmusik hätte er gezögert, denn mit diesen Genres kann er weniger anfangen.

Für Edita Keglerova und Ivana Bilej Broukova war es ebenfalls außergewöhnlich, zwischen Lattenspeichern und Förderbändern aufzutreten. Bewusst entschieden sie sich, Teile des Werks von Georg Anton Benda zu spielen. Anlässlich des 220. Todestages des böhmischen Komponisten, der in einem Atemzug mit Mozart genannt werden kann, wählten sie Sonaten, Sonantinen, galante Lieder sowie die Kantate Cephalus und Aurora aus. Letztere entstammt den Ovidien, einem Werk der römischen Mythologie, und beschreibt eine verpasste Chance.

Die Geschichte erleutert

In hervorragendem Deutsch fasste Ivana Bilej Broukova die Geschichte zusammen. „Aurora will ihren Geliebten aufwecken. Sie schafft es aber nicht, und als er aufwacht bemerkt er, dass es zu spät ist“, sagte die Sopranistin.

Und die tschechische Künstlerin ergänzt: „Das soll uns daran erinnern, den Moment nicht zu verpassen und ungenutzt verstreichen zu lassen“, fordert sie die Gäste auf.

Die Musikbrücke mit Pilsen

  • Inhalt und Beteiligung

    Im Projekt Musikbrücke mit der Kulturhauptstadt Pilsen 2015 werden etwa 20 grenzüberschreitende Veranstaltungen und Begegnungen während des Kulturhauptstadtjahrs gebündelt. Einbezogen werden vor allem partnerschaftlich verbundene Gemeinden und Kulturakteure, für die das Thema Musik einen großen Stellenwert in ihrer bayerisch-böhmischen Partnerschaft besitzt.

  • Ziele des Projekts

    Mit der Musikbrücke werden die große Breite und das hohe Niveau der Musikkultur in den Nachbarregionen sichtbar gemacht und unter einem Dach zusammengefasst.

  • Austausch

    Tschechische Musiker aus verschiedenen Genres bekommen auf bayerischer Seite die Gelegenheit, ihr Können auf den Bühnen der Region vorzustellen und mit dem Publikum in Kontakt zu kommen. Umgekehrt treten bayerische Musiker in den beteiligten Orten auf tschechischer Seite auf.

  • Konzert in Tachov

    Das Gegenkonzert auf tschechischer Seite wird im September in Tachov stattfinden. Noch ist nicht klar, mit welchen Musikern sich die kleine Stadt dem tschechischen Publikum präsentieren wird. „Die Auswahl läuft noch. Man wird sehen, auf wen die Entscheidung fällt“, so Johann Festner. (lid)

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