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Lehrerin arbeitete die Nazizeit auf

Lena Solleder hat sicht ein schwieriges Thema ausgesucht. Sie nahm das Dritte Reich in der Stadt Wörth unter die Lupe.
von Walter Schiesssl, MZ

  • Alois Schmelz, zu dessen Gedenken am Friedhof eine Tafel angebracht wurde, übergab die Stadt am 25. April 1945 an die Amerikaner. Fotos: Schießl
  • Lena Solleder beschrieb in ihrer Zulassungsarbeit die Situation in Wörth während des Dritten Reichs.

Wörth. Im Zweiten Weltkrieg fielen 80 Wörther; 42 Männer gelten als vermisst; für sie wurde nach dem Krieg ein Kriegerdenkmal errichtet. Diese Zeilen sind in den historischen Büchern zu finden.

Lena ’Solleder, die einmal Gymnasiallehrerin werden will und derzeit in Deggendorf ihr Referendariat absolviert, wurde auf die Situation des Dritten Reichs in ihrer Heimatstadt neugierig. Die 26-Jährige, die schon immer ein reges Interesse an der Geschichte hatte, war zudem auf der Suche nach einem Thema für ihre Zulassungsarbeit für den Lehrerdienst. „Da ich sehr heimatverbunden bin und das Thema „Wörth im Dritten Reich“ noch nicht richtig erforscht war, weckte es mein Interesse“, sagt sie heute. Es sei sehr spannend, auf einem Gebiet zu forschen, dessen letzte Zeitzeugen immer weniger werden. Die Spurensuche, auf die sich Lena Solleder begab, gestaltete sich auch als überaus schwierig.

Keine einfache Suche

Die junge Frau, die sich bei der KLJB Wörth und bei der FFW Tiefenthal engagiert, machte sich zunächst auf den Weg zum Staatsarchiv nach Amberg. „Das besuchte ich mehrfach“, sagt Lena Solleder. Ein gutes halbes Jahr dauerte es, bis die Lena Solleder die Fakten so weit möglich zusammengetragen hatte. Über sechs Monate arbeitete sie dann an ihrer Arbeit. „Dankenswerterweise erhielt ich einige Materialien von Heimatpfleger Fritz Jörgl“, erzählt die 26-Jährige. Er versorgte die Tiefenthalerin mit umfangreichen Dokumenten.

Lena Solleder versuchte auch, Zeitzeugen ausfindig zu machen, was aber nicht ganz einfach war. „Es überraschte mich, dass das Dritte Reich immer noch eher als ein Tabuthema behandelt wird“, sagt sie. „Viele Zeitzeugen wollten über gewisse Dinge nicht sprechen, wo es doch so wichtig ist, die Vergangenheit und die Geschehnisse für die Nachwelt aufzuarbeiten und zu bewahren“, sagt sie etwas enttäuscht. Man sei bei manchen auf eine Mauer gestoßen, die einfach nicht zu durchbrechen gewesen sei. „Das Thema war für einige Zeitzeugen tabu“, sagt Lena Solleder. Sie fand heraus, dass Wörth zu den größten NSDAP-Ortsgruppen im Kreis Regensburg gezählt hatte. „Der Alltag hier war sicherlich nationalsozialistisch geprägt – schon allein durch die vielen verschieden NS-Gruppierungen, die es aber nach der Gleichschaltung in jedem größeren Ort gab“, sagt sie weiter.

Sicherlich habe es in Wörth auch einige Scharfmacher und Leute gegeben, die sich besonders hervortaten - allen voran Bürgermeister Friedrich Horkheimer, der laut Spruchkammerakte ein „gefürchteter und fanatischer Anhänger des Dritten Reichs“ war. Dieser soll ein paar Wörther, die sich dem NS- Regime widersetzten und passiven Widerstand leisteten, denunziert haben. Horkheimer, die während seiner Amtszeit von 1936 bis 1945 im Gasthof Butz eingemietet war, kam einige Jahre nach dem Krieg wieder zurück und zog erneut in den Gasthof Butz, ehe er in den 70-er Jahren starb. Fritz Jörgl erinnert sich noch daran, dass der NSDAP-Bürgermeister nach dem Krieg wieder in Wörth an Stammtischen zu sehen war.

Zuvor sei er aber wegen seiner Vergehen im Dritten Reich verurteilt worden. „Es gab mehrere eidesstattliche Versicherungen, auf denen die „Taten“ des damaligen Amtsinhabers geschildert wurden, weiß der Heimatpfleger aus mehreren Quellen. Allerdings weiß er nichts über die Höhe der Strafe. Für Lena Solleder ist klar, Wörth sei schon stark nationalsozialistisch geprägt gewesen, obwohl sich auch einige Bürger der Herrschaft Hitlers widersetzten, sich auch distanzierten und auf ihren menschlichen Verstand hörten. Der Krieg selbst blieb dem Markt weitgehend fremd, wobei er natürlich einige Veränderungen mit sich brachte.

Für Lena Solleder brachte die Forschung über die Nazi-Zeit interessante Erkenntnisse. Freilich haben sich die Wörther nicht anders als die Bürger anderer Städte verhalten, sagt sie, aber die genaue Betrachtung mit der Materie gebe „dennoch interessante Einblicke in die dunkle Geschichte unseres Landes“. Die Arbeit, die mehrere dutzend Seiten dick ist und vor einigen Monaten fertig wurde, habe sich für sie gelohnt. Wie die angehende Lehrerin herausfand, wurde die Stadt wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch Alois Schmelz, dem späteren durch die US-Streitkräfte eingesetzten ersten Bürgermeister nach dem Krieg, kampflos an die amerikanischen Truppen übergeben.

Gedenktafel für Alois Schmelz

Ein zuvor gegründetes Bürgerkomitee machte dies möglich. Stunden vorher waren die letzten Einheiten der deutschen Wehrmacht und der SS aus Wörth abgezogen. Für Alois Schmelz wurde an der Friedhofskapelle am Hohen Rain eine Gedenktafel angebracht.

Die 26-jährige Tiefenthalerin will ihre Ergebnisse im Rahmen der Serie „Reden über Wörth“, die die Kultur in Wörth ins Leben rief, der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie hält deshalb am Samstag, 13. Juni, im Wörther Bürgersaal um 19.30 Uhr einen Vortrag darüber. Der Eintritt ist frei.

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