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Regensburg-Land
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Landwirtschaft

Hier übernehmen Tiere Landschaftspflege

Familie Graml züchtet in Rohrdorf die alte Rasse Rotes Höhenvieh. Dafür gab es jetzt einen Preis vom Umweltministerium.
von Andrea Leopold

Johann und Beate Graml haben sich der Zucht des Roten Höhenviehs verschrieben. Foto: Leopold
Johann und Beate Graml haben sich der Zucht des Roten Höhenviehs verschrieben. Foto: Leopold

Rohrdorf.Dem Betrachter bietet sich ein seltenes Bild, wenn er zu Fuß oder mit dem Mountainbike über den Jurasteig nach Rohrbach wandert: Zufriedene sattbraune Mutterkühe mit Hörnern weiden mit ihren Jungen auf der Weidefläche von Nebenertragslandwirt Johann Graml. Auch ein Stier gehört zur Herde und hat pflichtbewusst dafür gesorgt, dass sich die fast ausgestorbene Rasse des Roten Höhenviehs zu einer stattlichen Herde von 20 Kühen und Jungtieren vermehrt hat.

Auch die stark gefährdete Thüringer Waldziege lässt der engagierte Landwirt auf diversen Weideflächen grasen, um den Neubewuchs von Sträuchern und eine Verbuschung zu verhindern. Vor allem die Ziegen halten durch das Abfressen des Laubes den Wildwuchs zurück. Ansonsten müssten Landschaftspfleger aufwendig mit Kettensägen zum Einsatz kommen. Man sei mittlerweile froh um jede Ziege, da es den Landschaftspflegern an Nachwuchs mangle.

Nachzucht wird gepflegt

Johann Graml hat kürzlich einen Preis vom Bayerischen Umweltministerium und vom Bauernverband erhalten für sein besonderes Engagement in Sachen biologische Vielfalt und Erhalt wertvoller Kulturlandschaften. Seine Frau Beate und er sind seit 2002 aktiv in Sachen Nachzucht der besonders genügsamen, langlebigen und sehr mütterlichen Tiere der Rasse Rotes Höhenvieh unterwegs. Man spürt, dass bei Familie Graml Leben und Arbeiten zusammengehören. Der Nebenberufslandwirt sitzt ruhig und ausgeglichen mit seiner Frau im liebevoll gepflegten heimischen Garten, der mit Teichbiotop, Bauerngarten und Kräutern eine kleine Kulturlandschaft darstellt.

Thüringer Waldziegen sorgen für den Erhalt von Flora und Fauna.  Foto: Leopold
Thüringer Waldziegen sorgen für den Erhalt von Flora und Fauna. Foto: Leopold

Begonnen hat alles mit einer Kuh und zwei Kälbern. Mittlerweile sind es rund 20 Mutterkühe. Die Rasse sei sehr urtümlich, sagt Graml. Ausgangspunkt für die Zucht war die BSE-Krise in den 2000-er Jahren. Die Familie beschloss, ganz neu mit der Landwirtschaft zu beginnen. „Damals gab es das Projekt zur Wiederansiedlung des Roten Höhenviehs. Bei einem Hoffest sind wir auf die Rasse aufmerksam geworden und ich habe mich gleich in die Tiere verliebt“, gesteht der Landwirt. Das gedecktrote Fell und die Hörner hatten es dem Züchter angetan. „Ich stelle mir eine Kuh einfach mit Hörnern vor, obwohl das zur Zeit aus der Mode ist“, erzählt Graml. Man müsse jedoch auf Inzucht aufpassen, der Bulle laufe nur zwei bis drei Jahre mit, dann werde er ausgetauscht.

„Bei einem Hoffest sind wir auf die Rasse aufmerksam geworden und ich habe mich gleich in die Tiere verliebt.“

Landwirt Johann Graml

Der Landwirt ist hauptberuflich als Gießereimeister in einem ortsansässigen Betrieb tätig. Von der Vermarktung des Roten Höhenviehs, sagt Graml, könne er nicht leben: „Jeder Cent, der hereinkommt, wird sofort wieder investiert“, berichtet er. „Der zweite Teil der Arbeit geschieht nach Feierabend. Da geht es einfach weiter. Wenn man das nicht wirklich mit Herzblut macht, funktioniert es nicht“, betont Graml.

Mitte der 1960er-Jahre war die besondere Rasse fast ausgestorben. Zugleistung, Milch und Fleisch waren zu wenig. „Das hat das Schicksal der Tiere besiegelt“, meint Graml. Die Rettung kam 1983 durch Individualisten und einen Verbund, der die Neuzüchtung betrieben hat. Die Tiere seien sehr ruhig und sehr umgänglich, hätten eine hervorragende Mütterlichkeit, wären gut zu Fuß und sehr leichtkalbig. Die Kühe bräuchten keine Hilfe vom Bauern zum Kalben. „Der Tierarzt wird mit uns sicher nicht reich, der bürokratische Aufwand jedoch macht uns mehr Sorgen. Alles muss dokumentiert und belegt werden“, seufzt Beate Graml. Das Fleisch sei nicht nur äußerst schmackhaft und feinfasrig durch das langsame Wachstum, die Rinder helfen auch als Landschaftspfleger.

„Wir verzichten bewusst auf Mais und anderes Kraftfutter.“

Landwirt Johann Graml

Als sogenannter „Arche-Passagier“ wird das Rote Höhenvieh auch von Slow Food Regensburg-Oberpfalz unterstützt. Die Familie verkauft Salami, Rindfleisch und Wurst und hat sich für das Bayerische Bio-Siegel qualifiziert. Bei der Vermarktung setzt die Familie auf die Direktvermarktung. Als Futter wird das frische Gras verwendet, Heu wird zugefüttert. Graml: „Wir verzichten bewusst auf Mais und anderes Kraftfutter. Das Fleisch enthält mehr wertvolle Omega-3-Fettsäuren und hat mehr Muskelfleisch durch die viele Bewegung im Freien.“

Kein Zuschuss vom Staat

Bei den Gramls hat sich die Familienkette von vier auf zwei Glieder reduziert, da die Töchter nicht mehr im Hause sind. Johann Graml ist der Mann fürs Praktische, seine Frau Beate ist organisatorisch tätig. „Wenn nicht alle an einem Strang ziehen, würde es nicht funktionieren“, sagt Graml. Normal wüsste man am Ende des Monats immer, was finanziell rumkommt. Bei ihnen reiche das Geld meistens nicht. Zuschüsse gebe es wie bei jedem normalen Betrieb, nur für die Erhaltung der alten Haustierrassen gibt es ein Zuckerl vom Staat.

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Auf den Nägeln brennt dem Landwirt der zu erwartende Wolf in unserer Gegend. Er wurde bereits in Hohenfels und im Veldensteiner Forst gesichtet. Graml vermutet, dass es als Erstes die Ziegenherden treffen wird. „Alle wollen mehr Weidehaltung haben, auf der anderen Seite hat man aber die Verantwortung für die Tiere. Ein Wolfüberfall wird Auswirkungen auf die Herde haben“, warnt der Züchter. Die Allgemeinheit müsse sensibilisiert werden für das Thema. Herdenschutzhunde würden alle Außenstehenden als Feinde betrachten. Wenn vor dem Zaun ein Wolf sei, würde ein Hund reichen, bei einem Rudel müssten genausoviele Tiere hinter dem Zaun stehen wie vor dem Zaun. Bei sechs Herden bräuchte man sechs Hunde. Ein ausgebildeter Schutzhund koste jedoch etwa 5000 bis 6000 Euro. Graml: „Der Wolf ist wie der Mensch. Alles was leicht zu Reißen ist, ist für ihn die bessere Beute.“

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Schützen durch Nützen

  • Lebensraum:

    Die Trockenrasen auf den Oberpfälzer Jurahängen sind Lebensraum für Tausenden von Tier- und Pflanzenarten.

  • Schutz:

    Besonders schützenswerte Fauna-Bewohner des Magerrasens sind die Große Hufeisennase (die letzte Fledermausart in Deutschland), der Neuntöter (Vogel), der Thymian-Ameisenbläuling (Schmetterling), Scheckenfalter und der Grünspecht.

  • Pflanzen:

    Vertreter der vorkommenden Flora im Juradistelgebiet sind: Die Silberdistel, Arzneithymian, Kreuzenzian, Küchenschelle, Gras-Platterbse, kleine Wachsblume und Gelber Günsel.

  • Landschaftskino:

    Das Kino, das keine Leinwand braucht, weil der Film die Landschaft ist. Landschaftskinos gibt es in Ensdorf, Premberg, Rohrbach und Hilzhofen.

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