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Interview

Landtags-Novizin will „hellwach“ sein

Kerstin Radler zog – auch für sie überraschend – ins Landesparlament ein. Wir trafen die Stadträtin (FW) zum Interview.
Von Norbert Lösch

An ihrem neuen Platz im Maximilianeum: Kerstin Radler von den Freien Wählern Foto: Radler
An ihrem neuen Platz im Maximilianeum: Kerstin Radler von den Freien Wählern Foto: Radler

Regensburg.Frau Radler, Sie wussten ja erst 24 Stunden nach Schließung der Wahllokale, dass Sie eine von 205 Abgeordneten im neuen Bayerischen Landtag sein werden. Wie groß ist die Überraschung heute noch?

Am Wahlabend war ich zunächst sehr glücklich darüber, für Regensburg-Stadt ein so gutes Ergebnis erzielt zu haben. Ich war mit den mehr als 9800 Stimmen sehr zufrieden. Der Gedanke an den Einzug in den Landtag war da noch in weiter Ferne. Als dann aber abzusehen war, dass es drei Mandate für die Oberpfalz gibt und das Zweitstimmenergebnis auch sehr gut war, war ich einfach überwältigt. In einem nach den Wahlen geplanten Urlaub in Griechenland, den ich trotz der Koalitionsverhandlungen erfreulicherweise antreten konnte, habe ich dann die Zeit und Ruhe gefunden, alles sacken zu lassen und mich auf meine künftige Arbeit einzustimmen. Jetzt bin ich dort gedanklich angekommen – auch wenn ich manchmal in der Früh aufwache und mich daran erinnern muss, nicht das Rad zu schnappen, sondern zum Bahnhof zu fahren.

Auf Anhieb in den Landtag gekommen, und dann auch noch in einem historischen Kontext in die Regierungsmitverantwortung – wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich so an, wie wenn man gleich in den Fortgeschrittenenkurs kommt, ohne den Anfängerkurs wahrgenommen zu haben! Aber was für eine Chance der FW, nach zehn Jahren in der Opposition nun auch mitgestalten zu können. Das hätten sicherlich gerne auch andere Parteien gemacht. Mitverantwortung tragen ist natürlich eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance. Dabei müssen wir hellwach agieren, damit wir uns gegenüber der CSU als gleichwertiger Koalitionspartner behaupten können und nicht untergehen.

„Es fühlt sich so an, wie wenn man gleich in den Fortgeschrittenenkurs kommt, ohne den Anfängerkurs wahrgenommen zu haben!“

Kerstin Radler

Die Regierungsarbeit wird zeigen, wie sich der größere Vertragspartner verhält, aber ich bin da zuversichtlich, dass wir uns behaupten werden und unsere Erfolge bei der Bevölkerung ankommen.

Wie würden Sie die wichtigsten Veränderungen beschreiben, auch was ihr Privatleben angeht?

Meine Tätigkeit als Anwältin werde ich nicht mehr im bisherigen Umfang ausüben können. Gleichwohl möchte ich meine laufenden Verfahren weiter begleiten, ich kann ja meine Mandanten nicht einfach im Stich lassen. Konkret heißt dies momentan: Wochenenddienst! Und natürlich wird mein Arbeitsschwerpunkt nach München verlagert. Das heißt wiederum weniger Zeit für meine Familie und Freunde, auch meine kreative Ader wird unter der veränderten Situation leiden. Ich hoffe aber, dass die nahende Adventszeit und dadurch auch die weihnachtliche Stimmung in unserem Haus trotzdem erhalten bleibt.

Wie oft wurden Sie schon als „Frau Abgeordnete“ angesprochen?

Pausenlos, und zwar sowohl von Freunden im Spaß als auch offiziell. Klingt noch fremd, sprich ich reagiere noch nicht sofort drauf, aber ein Mandant von mir hat etwas Lustiges gesagt: „MdL passt richtig gut zu Ihnen, Frau Radler – die Mit der Limo!“ Fand ich sehr witzig.

Seit der konstituierenden Sitzung am 5. November sind Sie das auch offiziell. Haben Sie die Geschäftsordnung des Landtags schon verinnerlicht?

Das habe ich schon vor der Sitzung im Urlaub gemacht, als es einen Tag regnete. Am Abend habe ich mich dafür mit einem guten Fisch belohnt. Aber einmal durchlesen reicht bestimmt nicht aus, um sich die Geschäftsordnung zu verinnerlichen, da wird man immer wieder bei Bedarf reinsehen müssen.

Welche Schwerpunkte setzen Sie sich, in welchen Ausschüssen werden Sie mitarbeiten?

Schwerpunkte sind Bildung, Kultur, Soziales, das, was ich in den letzten zehn Jahren in meiner Funktion als Stadträtin gemacht habe und wo ich Erfahrungen sammeln konnte. Ferner möchte ich möglichst viel Mehrwert für die Stadt Regensburg erzielen, so dass ich mir auch vorstellen könnte, in einem Ausschuss für Verkehr oder Umwelt zu arbeiten (Anm. d. Red.: Die Ausschüsse werden an diesem Mittwoch besetzt). Unsere Neigungen und Interessen sind in der Fraktion gut verteilt, es gibt Polizisten, Juristen, Landwirte, Pflegekräfte und Personen aus der Verwaltung – mit vielen Fachkenntnissen und Erfahrungen für die Ausschüsse.

Vor der Wahl hatte sich Kerstin Radler unserer Schnellfragerunde gestellt. Hier sehen Sie das Video:

Kerstin Radler (FW) stellt sich unserer Schnellfra

Als Anwältin haben Sie sich auf Familienrecht spezialisiert. Hilft die Juristerei als Background grundsätzlich bei einem Landtagsmandat?

Ich bin Anwältin mit Schwerpunkt Familienrecht. Ich habe allerdings nicht ausschließlich Familiensachen gemacht, weil ich mich nie auf eine Sparte festlegen wollte. Ich glaube, dass die Fähigkeit, juristisch zu denken, grundsätzlich im Landtag sehr hilfreich sein wird, weil es schließlich darum geht, wöchentlich Verordnungen und Gesetze zu beschließen. Die Herangehensweise beim Lesen der Vorlagen ist für mich sicherlich leichter als für jemanden, der noch nie etwas mit Gesetzesvorlagen und sonstigen Eingaben zu tun hatte. Ich glaube auch, dass es viel Teamarbeit und Verhandlungsgeschick braucht. Da helfen mir wieder meine Kenntnisse im Familienrecht, wo es oft recht „menschelt“ und sensibel mit den Gefühlen der Menschen umgegangen werden muss, um an ein vernünftiges Ziel zu kommen. Mit dem Kopf durch die Wand wollen ist oft hinderlich, um ein respektables Ergebnis zu erzielen.

Als Abgeordnete haben Sie auch Anspruch auf ein Abgeordnetenbüro und die Erstattung des Aufwands dafür. Wie steht es denn damit?

Ja, ich möchte natürlich die Aufwendungspauschale dafür nutzen, hier in Regensburg ein Bürgerbüro zu eröffnen. Selbstverständlich will ich für die Menschen vor Ort auch Ansprechpartner bleiben. Die Stärke der Freien Wähler ist, das Ohr am Menschen zu haben und deren Nöte und Sorgen ernst zu nehmen, das geht nur im direkten Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort. Ich suche daher bereits in der Altstadt geeignete Räumlichkeiten.

Abgeordnete haben zudem einen „Freifahrtschein“ für öffentliche Verkehrsmittel. Werden Sie diesen beim Pendeln zwischen Regensburg und München nutzen?

Der Freifahrtschein wird schon laufend eingesetzt, weil ich umweltfreundlich zu meiner Arbeitsstätte fahren möchte und die Zeit im Zug auch zum Arbeiten nutzen kann. Auch kann die Verkehrsproblematik mit den vielen Staus nicht sicherstellen, dass ich pünktlich nach München komme. Ob mir das im Zug gelingen wird, wird sich zeigen, aber Ideen zur Verbesserung der Zuganbindung nach München ergeben sich schon aus den tatsächlichen Gegebenheiten – zum Beispiel der fehlenden ICE-Verbindung.

Wahl

Wild und Radler sind im Landtag

Die Regensburger SPD-Kandidatin Margit Wild und Kerstin Radler (FW) zitterten lange. Nun steht fest: Sie haben es geschafft.

Zwei Mandaten gerecht zu werden, ist wohl ein schwieriger Spagat. Wie oft werden wir Sie weiterhin im Stadtrat sehen?

In den Ausschüssen des Stadtrates werde ich leider nicht mehr so oft vertreten sein, aber im Plenum sicherlich. Ich betrachte es als durchaus wichtig, im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Stadtrat weiter präsent zu sein, weil ich dann näher an den Regensburger Problemen bin und diese, falls es von den Kompetenzbereichen möglich ist, auch im Landtag einbringen kann.

Welche drängenden Fragen für Regensburg werden Sie nach München mitnehmen, um auch dort Antworten zu suchen?

Die drängendsten Fragen für die Regensburger Bevölkerung sind die Schaffung bezahlbaren Wohnraums und die Lösung der Verkehrsproblematik. Ich werde diese Themen selbstverständlich weiterhin im Fokus haben und bemüht sein, hier Verbesserungen für Regensburg und die Region durch geeignete Maßnahmen und Mittel herbeizuführen, damit die mir gegebenen „Vorschusslorbeeren“ auch nicht enttäuscht werden.

Zur Person

  • Vita:

    1961 in Regensburg geboren, Abitur bei den „Englischen“, Studium der Rechtswissenschaften an der Uni Regensburg

  • Beruf:

    Die Rechtsanwältin ist auch Fachanwältin für Familienrecht, seit 2006 mit eigener Kanzlei

  • Kommunalpolitik:

    2008 erstmals in den Stadtrat gewählt, aktuell stellvertretende FW-Fraktionsvorsitzende

  • Privates:

    Mit ihrem Mann Ludwig Artinger, FW-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, verbindet Radler auch das Faible für den Sport: Im Winter geht es bevorzugt in die Berge, im Sommer ans Meer.

Alles rund um die Landtagswahl und die Ergebnisse in Regensburg lesen Sie hier.

Lesen Sie hier einen Bericht über die Nominierung von Kerstin Radler als Landtagskandidatin der Freien Wähler.

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