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Bildung

Schüler lösen Konflikte selbst

Seit fast drei Jahren helfen Konfliktlotsen an der Mittelschule Wörth, eine positive, friedlichere Atmosphäre zu schaffen.
von Hans Biederer

Sich wieder vertragen – das lernen die Schüler in Wörth.  Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa
Sich wieder vertragen – das lernen die Schüler in Wörth. Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Wörth.„Du schuldest mir fünf Euro“, sagt der 14-jährige Gustav (Name von der Red. geändert) zu seinem Mitschüler und fordert das Geld zurück. „Das habe ich dir letzte Woche zurückgegeben“, antwortet der Angesprochene. Es kommt zu einem Streitgespräch. Solche und ähnliche Szenen sind an jeder Schule an der Tagesordnung. Oft sind es nur Kleinigkeiten: Wem gehört der Ball? Oder: Wer war zuerst an der Tischtennisplatte? Meist sind es keine dramatischen Fälle, doch der Schulfrieden ist gestört.

Schüler der Mittelschule Wörth haben gelernt, solche verbalen Reibereien selber zu lösen – mit Konfliktlotsen. Auf die Idee, Konfliktlotsen auszubilden, kamen Lehrerin Andrea Thaler und Schulsozialpädagogin Claudia Konadl.

Lotsen haben Pausendienst

Nico Schneider (16): „In der Ausbildung wurde in Rollenspielen geübt. Danach haben wir die Szenen besprochen und gemeinsam Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Bei der Prüfung mussten wir neben einer schriftlichen Prüfung auch einen aktuellen Konflikt lösen.“ Foto: Johann Biederer
Nico Schneider (16): „In der Ausbildung wurde in Rollenspielen geübt. Danach haben wir die Szenen besprochen und gemeinsam Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Bei der Prüfung mussten wir neben einer schriftlichen Prüfung auch einen aktuellen Konflikt lösen.“ Foto: Johann Biederer

„Seit etwa drei Jahren bilden wir jedes Jahr zwischen sieben und zehn neue Konfliktlotsen aus“, erzählt Lehrerin Andrea Thaler und erklärt, wie man sich deren Einsatz vorzustellen hat. In den Pausen haben immer zwei Lotsen Dienst. Wenn Streitigkeiten geschehen, können sich die Kontrahenten direkt an diese wenden. Die Konfliktlotsen haben gelernt, ein gut strukturiertes Gespräch in verschiedenen Schritten zu führen. Dabei gilt es, den eigentlichen Grund des Konflikts herauszufinden. Ideal sei es, wenn die Streitparteien eigenständig Lösungen finden und sich wieder vertragen, sagt Thaler.

Die Jugendlichen lernen freundlich miteinander umzugehen und Streitigkeiten friedlich zu lösen, soziale Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen, Situationen einzuschätzen und entsprechend zu reagieren sowie zu beurteilen, wann sie die Hilfe eines Erwachsenen benötigen.

Franziska Will (14): „Für die Gespräche wurde eigens ein Raum eingerichtet, in dem wir uns ungestört unterhalten können. Dabei dringt nichts nach außen, wir haben Schweigepflicht. Wir schreiben alles mit und vereinbaren gegenseitig einen Beschluss.“ Foto: Johann Biederer
Franziska Will (14): „Für die Gespräche wurde eigens ein Raum eingerichtet, in dem wir uns ungestört unterhalten können. Dabei dringt nichts nach außen, wir haben Schweigepflicht. Wir schreiben alles mit und vereinbaren gegenseitig einen Beschluss.“ Foto: Johann Biederer

Das Projekt fördert und fordert. Die Schüler erhalten die Chance, etwas für die Gemeinschaft zu tun und erfahren soziale und persönliche Anerkennung. Sie lernen Gesprächstechniken, um Konfliktsituationen zu entschärfen und situationsgerecht zu argumentieren. Die Konfliktlotsen lernen zivilcouragiertes Verhalten und die Fähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen und ihre Hilfe anzubieten. Dabei können sie auf Unterstützersysteme zurückgreifen und trainieren engagiert Teamarbeit. „Größere Konflikte oder schweres Mobbing werden an die Jugendsozialarbeiterin weitergemeldet“, versichert Andrea Thaler.

Hanna Honer (14): „Eine Schülerin hat sich von einer Gruppe Mädchen ausgestoßen gefühlt. Im Gespräch kam heraus, wie sich das Mädchen fühlt, wenn es ausgegrenzt wird. Dabei ist den anderen Mädchen ihr falsches Verhalten bewusst geworden.“ Foto: Johann Biederer
Hanna Honer (14): „Eine Schülerin hat sich von einer Gruppe Mädchen ausgestoßen gefühlt. Im Gespräch kam heraus, wie sich das Mädchen fühlt, wenn es ausgegrenzt wird. Dabei ist den anderen Mädchen ihr falsches Verhalten bewusst geworden.“ Foto: Johann Biederer

Die Ausbildung dauert etwa eine Woche und findet in Jugendherbergen statt. Die Kosten übernimmt der Förderverein der Schule oder das Jugendamt. Dabei werden Phasen von Mediationsgesprächen durchgespielt. Fragen wie „Wie schafft man es, dass beide Parteien sich überhaupt gemeinsam an einen Tisch setzen und miteinander sprechen?“, werden bearbeitet. Die Teilnehmer erfahren in Gruppenspielen, dass dafür die richtige Atmosphäre geschaffen werden muss und ganz bestimmte Fragetechniken wichtig sind. Sie lernen, ruhig zu erzählen, was geschehen ist. Wenn man sie dann soweit hat, dass sie gegenseitig erzählen, dann findet man in der Regel auch Lösungen. Dazwischen werden Teamtrainings durchgeführt.

Konzept der Mediation

Pia Schuster (14): „Beim Fangenspielen hat einer immer dem gleichen Mitschüler nachgejagt. Der hat sich darüber aufgeregt. Wir erklärten, dass jeder respektvoll behandelt werden möchte. Die beiden mussten in die Rolle des anderen schlüpfen.“ Foto: Johann Biederer
Pia Schuster (14): „Beim Fangenspielen hat einer immer dem gleichen Mitschüler nachgejagt. Der hat sich darüber aufgeregt. Wir erklärten, dass jeder respektvoll behandelt werden möchte. Die beiden mussten in die Rolle des anderen schlüpfen.“ Foto: Johann Biederer

Rektor Martin Voggenreiter unterstützt das Projekt in vollem Umfang. „Das Konzept der Mediation durch Schüler in Konflikten ist Bestandteil eines umfassenden Konzepts zur Förderung der sozialen und Selbstkompetenzen. Zum einen erhalten die Konfliktlotsen eine fundierte Ausbildung zur professionellen Mediation. Die gewonnenen Kompetenzen und das ausgestellte Zertifikat sind auf dem Weg in den Beruf sicher ein Vorteil. Zum anderen wird die Mitverantwortung und Beteiligung der Schüler an Prozessen, welche die ganze Schule betreffen, gestärkt.“

Franziska Will (14) ist seit zwei Jahren Konfliktlotse und weiß: „Man muss unparteiisch sein, und jeder soll ohne Konsequenzen seine eigene Meinung sagen dürfen. Nur wenn man ehrlich miteinander spricht, kann man die Konflikte lösen.“

Wie so ein Gespräch abläuft, gibt sie gern preis. „In Gesprächen werden den Schülern Regeln aufgezeigt: Jeder soll sachlich bleiben. Dabei kommen Tatsachen ans Licht, warum Reaktionen geschehen sind. Oft gab es meist vorher schon einen Vorfall.“

Pia Schuster (14) fühlt sich als Konfliktlotsin durchaus respektiert. In den zwei Jahren ihrer Dienstzeit ist ihr aufgefallen, dass man oft nur die Spitze des Eisberges sieht. „Interessant ist, warum es überhaupt so weit gekommen ist.“

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