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Hobby

Der letzte Griff zum Glücksgefühl

MZ-Reporterin Julia Weidner versteht, warum so viele diese Trendsportart lieben. Die Freude an der Kletterwand ist es wert.
Von Julia Weidner, MZ

  • Immer weiter: Luca Lindig ist im Bayernkader und trainiert dreimal pro Woche in Lappersdorf. Fotos: Tino Lex
  • Die Autorin Julia Weidner durfte ein paar Mal die Wand hinauf. Fotos: Tino Lex

Lappersdorf.Meine Zehen stoßen vorne leicht an den Kletterschuhen an, der Klettergurt ist festgezogen, das Seil mit einem Doppel-Achterknoten im Gurt festgezurrt: Jetzt kann es losgehen. Diese Prozedur führen die Sportler im Kletterzentrum in Lappersdorf vor jedem Klettergang durch. „Die Sicherheit ist das A und O“, sagt Georg Draeger. Er ist ein Wandbetreuer im Kletterzentrum und sorgt dafür, dass die Sportler richtig gesichert an die Wand gehen. „Bei groben Fehlern schreite ich ein, denn die meisten Unfälle passieren durch falsches Sichern“, erklärt er. Der erfahrene Kletterer ist einer von 30 bis 40 Wandbetreuern, die in Lappersdorf ehrenamtlich ein Auge auf die Besucher haben.

Trainerin Julia Krauss erklärt, für wen die Sportart Seilklettern geeignet ist.

Am Abend wird es im Kletterzentrum voll. Video: Weidner

Die ersten Meter fallen leicht

Meter eins bis fünf: Julia Krauss, eine Trainerin im Kletterzentrum, prüft noch einmal meinen Gurt, dann darf ich meinen ersten Boulder klettern. Ein „Boulder“ ist eine Route, bei der man nur Griffe einer Farbe benutzen darf. Wer den obersten Griff mit beiden Händen drei Sekunden lang hält, hat den Boulder geschafft. Meine Trainerin und ich stehen vor einer Wand, 14,5 Meter geht es nach oben. Ich sehe mir die ersten Meter an, die grünen Griffe kann man am besten greifen. „Probier doch die grüne Route aus“, sagt Julia. Glück gehabt! Ich suche mir die ersten Steine aus, bald bin ich zwei, drei Meter über dem Boden.

Schon die Kleinen dürfen unter Anleitung Seilklettern. Fotos: Tino Lex
Schon die Kleinen dürfen unter Anleitung Seilklettern. Fotos: Tino Lex

Noch viel schneller klettern aber die Kinder vom Reck-Point-Team die gelben und orangen Wände hinauf. Zwischen elf und 14 Jahre alt sind die Mädchen und Jungs, die alle zwei Wochen auf Wettkämpfe fahren. Jeden Mittwoch übt Trainer Max zwei Stunden mit ihnen. „Viele kommen schon im Kindergarten-Alter zu uns, so kann man Talente früh fördern“, erklärt Max. Das Training zahlt sich aus: Zwei Jungen machen in einer Bouldergrotte Partnerklettern: Der Boulder kann nur zu zweit geschafft werden, ein Junge klettern über den Rücken des anderen, der hält sich danach am Fuß seines Freundes fest.

Jeder von ihnen hat einen Kletterschein. Denn ohne diesen darf man in Lappersdorf nur in die Bouldergrotten. Diese Höhlen sind bis zu drei Meter hoch, unten liegt eine weiche Matte. Wer an den Wänden klettern will, muss erst einen Grundkurs besuchen, bei dem das Topropeklettern gelernt wird. Hier ist das Kletterseil fest am oberen Ende der Wand befestigt. Für Fortgeschrittene gibt es einen Vorstiegskurs, bei dem der Kletterer das Seil alle paar Meter neu eingängt.

Die Kletterhalle

  • Fläche:

    Insgesamt gibt es in Lappersdorf eine Kletterfläche von 2300 Quadratmetern, davon sind 1400 Quadratmeter in der Halle und 900 Quadratmeter im Außenbereich. Die Wand ist bis zu 14,5 Meter hoch.

  • Besucher:

    40 000 Eintritte verzeichnet das Kletterzentrum in Lappersdorf pro Jahr. Im Sommer kommen weniger, dafür wird es im Winter vor allem am Abend voll. Zwischen 180 und 220 Kletterer sind dann pro Tag da.

  • Bouldern:

    450 Quadratmeter Boulderfläche ist in der Halle. Bouldern darf man ohne Kletterschein, die Wände sind nur bis zu drei Meter hoch, am Boden liegt eine weiche Matte.

  • Seilklettern:

    Nur mit einem abgeschlossenen Kurs dürfen die Kletterer an die Wand. Man unterscheidet zwischen Topropeklettern und Vorstiegsklettern. Beim Toprope ist das Seil ganz oben befestigt, beim Vorstieg hängt man sich immer wieder selbst ein, je höher man klettert.

  • Üben:

    Um die Technik zu verbessern, gibt es das Campusboard, eine Systemwand und Strickleitern.

Von historischem Schwertkampf über Boule bis Darts: Reporter der Regensburger Lokalredaktion probieren ungewöhnliche Hobbys aus.

Vor dem Klettern: Route überlegen

Vor dem Klettern wird geprüft, ob das Seil richtig gesichert ist. Fotos: Tino Lex
Vor dem Klettern wird geprüft, ob das Seil richtig gesichert ist. Fotos: Tino Lex

Meter fünf bis neun: Die Leichtigkeit von den ersten Metern ist verflogen, jetzt spüre ich schon meine Unterarme. Außerdem weiß ich nicht mehr, wohin mit meinen Händen. Der nächste grüne Griff ist zu weit entfernt, ich habe mir vor dem Klettern keine Route überlegt, sondern bin einfach wild drauf los. Das war ein Fehler. Meine Trainerin zeigt mir von unten, wo ich hingreifen soll, ich strecke mich und - rutsche ab. Zum Glück bin ich gesichert, ich kann mich gleich wieder an den Griffen festhalten und durchschnaufen.

Wenn es draußen zu kalt zum Klettern ist, wird die Halle in Lappersdorf voll. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie.

Kletterzentrum Lappersdorf

Viel schwerer als ich haben es die Kletterer von der MS-Gruppe, die jeden Samstagvormittag nach Lappersdorf kommen. „Das Klettern erhält ihnen manche Funktion, die sie sonst verlieren würden“, erklärt Julia. Denn beim Klettern werden ganze Musekelschlingen beansprucht, außerdem trainiert es die Koordination. Auch der Team-Faktor pusht die Teilnehmer. „Manche seilen wir an und ziehen die ersten Meter hoch, dann können sie aber selbst klettern“, erzählt die Trainerin. Das Gefühl, sich selbst an der Wand hochziehen zu können, sei für die Gruppe unbeschreiblich.

Geschafft! Fotos: Tino Lex
Geschafft! Fotos: Tino Lex

Meter zehn bis 14,5: Dieses Hochgefühl kann ich nachvollziehen. Ich bin in schwindelerregender Höhe, nach unten blicken will ich lieber nicht mehr. Ich habe das Gefühl, die Griffe liegen immer weiter auseinander. Doch die Aussicht, dass ich es fast geschafft habe, pusht mich. Den linken Arm durchstrecken, dann habe ich den obersten Griff, jetzt noch den Fuß nachziehen und auch die rechte Hand umfasst den letzten, grünen Stein. 21, 22, 23: Geschafft! Ich rufe in Richtung Julia: „Zu“, dann zieht sie unten meine Sicherung fest. Als nächstes „ab“, jetzt weiß meine Trainerin, dass ich an der Wand entlang nach unten hüpfe. Zurück am Boden strahle ich über das ganze Gesicht, kann meinen Stolz nicht komplett verbergen.

MZ-Autorin Julia Weidner war für die MZ-Serie nicht nur im Kletterzentrum, sondern probierte sich auch im historischen Schwertkampf aus. Lesen Sie hier von ihrer Reise ins Mittelalter.

Felix klettert „schon immer“

Die Jungs vom Bayernkader trainieren jede Woche mehrmals. Fotos: Tino Lex
Die Jungs vom Bayernkader trainieren jede Woche mehrmals. Fotos: Tino Lex

Für Luca und Felix ist der grüne Boulder mit dem Schwierigkeitsgrad vier nicht einmal mehr eine Aufwärmübung. Die beiden 15-Jährigen trainieren im Bayernkader und nehmen an Meisterschaften teil. Mindestens dreimal pro Woche klettern sie in Lappersdorf, Tendenz noch öfter. Felix belegte heuer bei der Deutschen Meisterschaft in der Jugendklasse den dritten Platz. Wenn man ihn fragt, wie lange er schon klettert, sagt er: „Schon immer.“ Sein Opa brachte das Klettern in die Familie, sein Papa nahm ihn von klein auf mit in die Halle. Für mehr Erzählungen hat Felix keine Zeit, seine Trainerin ruft ihn wieder zur Wand. Dreimal hintereinander muss er hinauf, so trainiert er seine Ausdauer. Das hält fit. Laut Trainerin Julia ist das Klettern deswegen in den letzten 15 Jahren auch zu einer Trendsportart gewachsen. „Viele nutzen die Halle als Fitnessstudio-Ersatz“, ist die Trainerin überzeugt.

Wieder einmal kommt Georg Draeger bei seiner Runde vorbei. „Mit Felix‘ Opa bin ich schon geklettert“, sagt er. Einig sind sich Opa, Enkel und Wandbetreuer in einem: Noch mehr Spaß macht das Klettern draußen am Fels. Ich winke ab, dafür fehlt mir dann doch noch das Training.

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