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Mit einem Schlag zurück im Mittelalter

Duelle mit Kettenhemd, Helm und Waffe: MZ-Reporterin Julia Weidner testet ungewöhnliche Hobbys. Dieses Mal: Schwertkampf.
Von Julia Weidner, MZ

Regensburg.Das Schwert seines Gegners saust auf ihn herab. Doch Jürgen Pielmeier fängt den Hieb ab. Mit seinen bloßen Händen umfasst er die Klinge und bremst den Schlag seines Gegenübers. Ein Raunen entfährt diesem, doch Jürgen kennt sich aus. Scharf ist keines der historischen Schwerter, mit denen er und seine Freunde kämpfen.

Zusammen mit Peter Weiß und Robert Tschanett hat sich Jürgen Pielmeier im Jahr 2007 die Grundzüge des historischen Schwertkampfes selbst beigebracht. Sie lernten aus Büchern und schauten sich vieles von Erfahrenen ab. Andere sollen es leichter haben: Die drei Freunde bieten heuer zum ersten Mal einen Anfängerkurs für historischen Schwertkampf bei der Volkshochschule Regensburger Land an.

In diesen Rüstungen wird es den Kämpfern schnell warm. Foto: Weidner
In diesen Rüstungen wird es den Kämpfern schnell warm. Foto: Weidner

„Zehn Jahre lang trainieren wir schon“, erzählt Peter Weiß. Angefangen hat alles auf einem Mittelaltermarkt: Die Geschichte des Mittelalters war bei den drei Freunden schon immer ein Thema, ein Schaukampf hat dann endgültig das Feuer entfacht. Jetzt besitzt jeder von ihnen drei bis fünf Schwerter, eine historische Ausrüstung mit Kettenhemd und Metall-Helm und eine moderne Ausrüstung, die besser schützt.

Vom Mitläufer zum Kämpfer

Davon sind die vier Teilnehmer des Anfänger-Kurses noch weit entfernt. „Schon lange besuche ich viele Veranstaltungen von Mittelalter-Vereinen. Jetzt will ich nicht mehr nur Mitläufer sein“, sagt Stefan Lang. „Schon in der zweiten Stunde hat mich das Fieber gepackt.“

Peter Weiß hört bei solchen Aussagen ganz genau zu. Immerhin will er im Kurs den Nachwuchs ausbilden. „Wir haben gemerkt, dass wenig junge Menschen auf dieses Hobby stoßen“, sagt er mit einem bedauernden Gesichtsausdruck. Diesen Umstand wollen die drei Freunde ändern. Im Anfängerkurs führen sie die Teilnehmer langsam an den historischen Schwertkampf heran. In der ersten Stunde haben sie zuerst viel über die Geschichte und die Schwerter gelernt, dann haben sich die Neulinge an ein paar einfachen Schlägen versucht. Diese werden im Laufe der angesetzten zehn Unterrichtsstunden immer komplizierter, bis sich die Teilnehmer in Schaukämpfen duellieren dürfen.

Wie kommen die Teilnehmer überhaupt zu diesem ungewöhnlichen Sport? Klicken Sie auf die Bilder und finden es heraus:

Verletzungen sind dabei so gut wie ausgeschlossen, erklären die Kursleiter. Bei den Schaukämpfen stehe schon im Voraus der Sieger fest, die Schlagabfolgen sind einstudiert. Außerdem tragen die Kämpfer dicke Handschuhe und eine Schutzmaske. „In den zehn Jahren habe ich bis auf ein paar blaue Flecken meist nichts abbekommen“, erzählt Peter Weiß. Nur alle zwei bis drei Jahre gibt einen auf die Finger.

Davon lässt sich Simon Binni nicht abschrecken. Auch er ist einer der Anfänger im VHS-Kurs für den historischen Schwertkampf. „Joggen war mir immer zu langweilig, Schwertkampf ist wirklich ein besonderes Hobby“, erzählt der begeisterte Schüler. Vor allem die zweite Stunde habe ihn überzeugt: „Ich habe gemerkt, ich habe den ein oder anderen Hieb schon heraußen.“ Das motiviert zum Weitermachen.

Ein bisschen wie Yoga

Körperbeherrschung, Konzentration und Koordination: Das sind die Schlüssel für das mittelalterliche Hobby. „Wir könnten für Frauen Schwert-Yoga anbieten“, witzelt Peter Weiß. Recht hat er, denn auch dort spielen diese Faktoren eine große Rolle. Und auch die Namen der einzelnen Schläge sind ähnlich schwer für Laien zu verstehen. Tag auf Schulter – das bedeutet, das Schwert liegt schief auf der Schulter, der Ellenbogen ist zu 90 Grad angewinkelt. Das sei grundsätzlich die Ausgangsposition eines jeden Schlages. Außerdem sind die Knie immer leicht gebeugt, das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt.

Dass diese Position auf Dauer anstrengt, weiß auch Jürgen Bleicher. „Dieser Sport ist definitiv herausfordernd, nicht nur körperlich“, bestätigt er. Laufen, denken, zuschlagen – hier bekommt er den Kopf frei. Schon öfter hat er an einem Live-Rollenspiel teilgenommen, bei dem mit Waffen aus Schaumstoff Kampfszenen nachgespielt werden. Jetzt lernt er das Kämpfen mit schweren Metall-Schwertern von der Pieke auf.

Wie sehen die Waffen und mittelalterlichen Rüstungen überhaupt aus? Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie:

Ein Turnier-Kämpfer trainiert mit

Das Interesse für das Mittelalter verbindet Anfänger und Alteingesessene. Sie alle bestaunen die Schwerter aus dem 14. Jahrhundert und probieren die historische Rüstung an. Ein 15 Kilo schweres Kettenhemd, darunter ein Gambeson, eine Gewand aus Stoff, dann noch das Schwert mit 1,5 bis drei Kilo, Handschuhe aus Metall und der Helm auf dem Kopf: Nach wenigen Minuten kommen die Teilnehmer ganz schön ins Schwitzen und wollen die Ausrüstung schnell wieder loswerden. „Zum Trainieren ist dieses Gewand sehr unpraktisch“, verrät Peter Weiß. Deswegen üben die Kämpfer in normalen Sportklamotten, nur wenn sie gegeneinander antreten ziehen sie Handschuhe an und setzen einen Helm auf. Mit Mittelalter hat dieser aber wenig zu tun, er gleicht eher einer Fechtmaske.

So sehen moderne Schutzausrüsrungen aus. Foto: Weidner
So sehen moderne Schutzausrüsrungen aus. Foto: Weidner

Sebastian Krug hat eine solche Maske immer dabei. Anders als die anderen Teilnehmer zählt er keineswegs zu den Anfängern. Jedes Jahr kämpft er bei einem Turnier und trainiert mehrmals wöchentlich mit seinem Schwert. Außerdem bringt er Jürgen Pielmeier und seinen Freunden neue Schläge bei. „Der historische Schwertkampf ist Physik in Reinform“, schwärmt Sebastian Krug. Alles drehe sich um Tarnen und Täuschen und sei sehr techniklastig. Er unterrichtet in diesem Jahr auch den Fortgeschrittenen-Kurs an der VHS.

Dazu kommen noch mehr Freunde der Kursleiter, sie alle sind schon kampferprobt. Bei ihnen geht es nicht mehr um das laute Klirren und ausholende Schläge, sondern vielmehr um Konzentration und Verantwortung für die Mitstreiter. „Wir wollen das Rabauken-Image ablegen“, hofft Peter Weiß.

„Wir wollen das Rabauken-Image ablegen.“

Peter Weiß

Natürlich sei ein Schaukampf mit viel Gepolter und Hau-Drauf das schönste Erlebnis für das Publikum. Doch das gemeinsame Kämpfen erfordere außer Kraft viel Weitsicht und Teamwork. „Wenn ich in einem Kampf plötzlich mein Schwert fallen lassen würde, würde mein Gegenüber sofort stoppen“, ist sich Peter Weiß sicher. Er weiß, er kann sich auf seine Gegner zu hundert Prozent verlassen.

Im Winter wird in der VHS vor allem an der Technik gefeilt, doch im Sommer geht es raus. „Wir trainieren an einem abgelegenen Fleck am Guggi“, lädt Peter Weiß die Teilnehmer des Anfängerkurses ein. Dort sei die Kulisse schöner als in einem Fitnessraum.

Damit möchte er seine Schüler motivieren, denn das ursprüngliche Ziel hat er nicht aus den Augen verloren. Die älteren Kämpfer wollen Interessierte nicht nur kurzfristig für den historischen Schwertkampf begeistern, sondern sich auch im Sommer draußen am Guggi in Duellen beweisen.

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