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Soziales

1000 Menschen hängen an der Nadel

Regensburg hat ein Drogenproblem. Ein großer Kontaktladen bringt seit Mai 2017 Süchtige von der Straße – aber nur zeitweise.
Von Julia Ried

„Im Endeffekt kannst du dich hersetzen und wohlfühlen“ – so lobt ein Besucher den Kontaktladen von Drug-Stop in der Landshuter Straße, im Hintergrund eine Mitarbeiterin im Aufenthaltsraum. Foto: Ried
„Im Endeffekt kannst du dich hersetzen und wohlfühlen“ – so lobt ein Besucher den Kontaktladen von Drug-Stop in der Landshuter Straße, im Hintergrund eine Mitarbeiterin im Aufenthaltsraum. Foto: Ried

Regensburg.Diesem Mann mittleren Alters rettete der Kontaktladen für Drogensüchtige in der Landshuter Straße das Leben: In der kalten Jahreszeit kam er eines Tages schwer angeschlagen in die Anlaufstelle der Drogenhilfe Drug-Stop. „Da hat sich herausgestellt, dass er eine schwere Lungenentzündung hat“, erzählt Drug-Stop-Vorsitzender Dr. Willi Unglaub. Der Klient war heroinabhängig, ohne festen Wohnsitz, schlief wohl zu dieser Zeit in einem Zelt draußen – und kam vom Kontaktladen direkt ins Krankenhaus.

Regensburg ist eine Drogen-Drehscheibe in der Region. Tausende Süchtige leben hier oder halten sich in der Stadt auf. Seit gut einem Jahr leistet der im Mai 2017 eröffnete Kontaktladen von Drug-Stop in neun Räumen einer ehemaligen Arztpraxis unter anderem „Überlebenshilfe“ für Süchtige, wie es Leiterin Maria Heilmeier nennt: Sie bekommen dort etwa warmes Mittagessen, können sich duschen und ihre Kleidung waschen. Das wird Kontaktladen-Leiterin Maria Heilmeier zufolge gut angenommen, 30 bis 40 kommen täglich. Viele allerdings bleiben nur kurz und verbringen ihren restlichen Tag draußen, etwa am Bahnhof, erzählt Streetworker Ben Peter. Experten sagen: Weitere Hilfsangebote sind notwendig.

Viele nehmen mehrere Drogen

Caritas-Suchthilfereferent Christian Kreuzer geht von einer Größenordnung von 1000 Leuten aus, die sich Drogen spritzen und in Regensburg aufhalten. Dazu kämen eine sicherlich deutlich größere Gruppe von Cannabis-Abhängigen und Crystal-Meth-Konsumenten. „Es gibt viele Leute, die diese Substanzen munter mischen und auch mit anderen Substanzen.“ Die Polizei verzeichnete 2017 in der Stadt zwölf Drogentote. Für 2018 weist ihre Statistik zwei Drogentote aus – diese Angabe sei jedoch nicht belastbar, sagt Polizeisprecher Markus Damm, da Ermittlungen zu weiteren Todesfällen in der Szene nicht abgeschlossen seien.

Eine offene Drogenszene gibt es in Regensburg nicht. Der Großteil der 866 Betäubungsmitteldelikte, die die die Polizei 2017 bearbeitete, spielte sich Damm zufolge „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ ab. Sichtbar wird das Thema Drogensucht nur dort, wo sich Abhängige aufhalten, etwa rund um den Bahnhof.

Am Bahnhof halten sich manche Drogensüchtige regelmäßig auf. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv
Am Bahnhof halten sich manche Drogensüchtige regelmäßig auf. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv

Caritas-Streetworker Ben Peter sagt: „Die Idee, die es gab, dass sich weniger Leute im öffentlichen Raum aufhalten, funktioniert nur zeitweise.“ Zu dem warmen Mittagessen, das die Anlaufstelle in der Landshuter Straße anbietet, könne er zwar viele seiner Klienten motivieren, ebenso zum Frühstück zweimal in der Woche und zum Spritzentausch am Donnerstagabend. Das entlastet ihn, weil er sich dann intensiver um andere kümmern kann. Doch einige verlassen den Kontaktladen schnell wieder, weil sie dort weder Alkohol noch Drogen konsumieren dürfen. Etwa 30 Menschen halten sich seiner Erfahrung nach täglich am Bahnhof und in seinem Umfeld auf. Darunter sind nicht nur Drogenabhängige, sondern auch Alkoholabhängige, Obdachlose und Flüchtlinge. Den Kontaktladen wiederum nutzen laut Heilmeier auch „ganz stabil lebende Leute“, die sich mit Drogenersatzstoffen versorgen lassen und bei ihr und ihren sieben Kollegen hauptsächlich Austausch und Beschäftigung suchen; sie finden in der Landshuter Straße auch eine Werkstatt und Musikinstrumente.

Einige sind wohnungslos

Doch einige ihrer Klienten sind wohnungslos, so auch ein 21-Jähriger, der regelmäßig kommt. Er schlafe mal bei Freunden, mal im Park oder an der Donau, erzählt er. „Ich schau momentan, dass ich alles regle, was zu regeln ist.“ Er sucht Wohnung, Arbeit und Kontakt zu seiner Familie. Der Kontaktladen, der finanziell von Stadt, Landkreis und Bezirk getragen wird, begleitet seine Klienten in solchen Anliegen. „Wir wollen den Leuten eine Ausstiegsperspektive bieten“, sagt Drug-Stop-Vorsitzender Unglaub. Im Kontaktladen können sie erste Schritte gehen, auch weil sie hier Beratung zu Substitution oder Therapie bekommen.

„Einen ganz wichtigen Schritt“, aber „nicht das Ende unserer Wünsche“, nennt Caritas-Experte Kreuzer den Kontaktladen. In Regensburg nötig seien weitergehende Hilfsangebote, die Süchtige in Beschäftigung und aus der Wohnungslosigkeit führen.

Das sagt die Polizei

  • Drogen-Hotspot:

    „Unbestritten übt die Stadt Regensburg aus verschiedenen Gründen eine gewisse Sogwirkung auf die örtliche und überörtliche Betäubungsmittel-Szene aus“, sagt Sprecher Markus Damm.

  • Kriminalität:

    866 Fälle von Rauschgiftkriminalität verzeichnete die Polizei in Regensburg 2017. Der Großteil (483 oder 56,3 Prozent) hatte mit Cannabis zu tun, auf Platz zwei folgt die Heroin-Kriminalität mit 108 Fällen (12,6 Prozent).

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