mz_logo

Regensburg
Montag, 28. Mai 2018 31° 1

Interview

Alex Capus: Seine Figuren verfolgen ihn

Der Autor gastiert in Regensburg. Wir sprachen mit ihm über seinen Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“.
Von Micha Matthes

Von drei Helden wider Willen erzählt Alex Capus in seinem Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“: Ein Jüngling träumt vom Weltfrieden und wird zum Bombenbauer. Ein Mädchen will Sängerin werden und endet als Spionin. Ein Kunststudent geht nach Troja und wird zum größten Fälscher aller Zeiten. Foto: Ayse Yavas

Regensburg.Sie haben in Ihrem Heimatort Olten in der Schweiz eine Bar aufgemacht – wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Schriftsteller aus?

Ich wohne in einer kleinen Stadt, da gab es keine Bar, die mir wirklich gefallen hätte. Deshalb habe ich eine aufgemacht. Und offensichtlich gefällt diese Bar jetzt auch vielen anderen. Es ist auch gut, auf diese Weise mal das Gegenteil von der Schriftstellerei zu machen, weil ich ja nicht nur in meiner Stube sitzen und schreiben will. Das wäre für mich nicht abendfüllend. Ich mag die physische, soziale und kommunikative Seite, die so eine Bar mit sich bringt.

Ihr Roman bietet eine Fülle an Themen: von der Atomphysik bis hin zur Archäologie. Was kam zuerst: die Themen oder die Charaktere?

Ich hab ein ganzes Rudel solcher Figuren, die hinter mir her sind, die mich durchs Leben verfolgen, bis ich etwas über sie geschrieben habe. Und diese drei – Felix Bloch, Laura D’Oriano und Emile Gilliéron – haben zueinander gepasst, weil ihre Wege sich in der Bahnhofshalle in Zürich gekreuzt haben könnten. Deswegen erzähle ich deren Geschichten, weil sie auch charakterlich etwas gemeinsam haben: Alle drei gehen ihren Weg gegen alle Widerstände. Das gefällt mir. Und das hat es auch mit sich gebracht, dass ich mich für ihre Branchen interessiere. Ich hab ja sonst mit Atomphysik nichts am Hut. Ich musste hier erst eine Menge lernen. Und das bereitet mir großes Vergnügen.

Das Buch ist 2013 erschienen – passt der Roman heute vielleicht sogar besser zum Weltgeschehen?

Ein interessanter Gedanke. Das könnte sein. Ich bin aber überhaupt kein Visionär oder Prophet. Im Gegenteil: Ich schaue mich immer in der Vergangenheit um, weil Geschichten ja vergangen sein müssen, damit man sie erzählen kann. Gewisse Topoi sind natürlich zeitlos und kehren wieder. Und es kann schon sein, dass ein Buch zu einer bestimmten Zeit besser passt, als zu einer anderen. In der Literaturgeschichte ist es ja schon oft vorgekommen, dass Meisterwerke – ich rede hier nicht von mir – erst spät erkannt wurden. Ich hab mich nicht zu beklagen. Ich bekomme schon die Aufmerksamkeit, die ich möchte.

Ihr Erzählstil wird als faktentreues Träumen beschrieben: Was ist wahr, was ist erfunden?

Wenn man genau liest, kann man das sehen. Was ich in den Indikativ stelle, ist wirklich faktisch belegbar. Wenn ich mir was vorstelle, dann sage ich: So könnte es gewesen sein. Zuweilen sind die einzelnen Elemente faktisch leicht zu belegen, aber die Zusammenhänge dazwischen sind eine Behauptung von mir. In der Geschichtsschreibung ist das ja oft das große Problem: dass man – streng wissenschaftlich – nichts als Faktenhuberei betreiben, die Fakten nur aufeinanderhäufen kann. Doch diese bedeuten erst etwas, wenn man sie kausal in Zusammenhang stellt. Da kann man dann aber nicht mehr sicher sein. Dieser Zusammenhang ist immer eine Behauptung.

Sind Sie da selbst ein wenig wie Emile Gilliéron, der nur Reliefbruchstücke zur Verfügung hat und daraus einen Tempel nach eigenen Vorstellungen konstruiert?

Stimmt, ich mache genau das Gleiche. Nur behaupte ich nicht, das sei echt antik aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, sondern es steht Roman und mein Name vorne drauf. Ich erhebe keinerlei Anspruch auf die alleinige Wahrheit.

Ihnen wird nachgesagt, dass Sie besonders exakt recherchieren. Wie gehen sie da vor?

,Exakt recherchieren‘ – das höre ich nicht so gerne. Was heißt denn das? Ich bin einfach nicht sehr rasch gesättigt und will sehr viel wissen. Wenn ich so etwas mache, will ich zumindest vorübergehend Fachmann Nummer eins auf dem engen Gebiet sein, das ich mir abgesteckt habe. Die Biografien meiner Helden kenne ich wirklich so gut, wie niemand sonst. Trotzdem bin ich aber nicht zur Vollständigkeit verpflichtet wie Wissenschaftler. Ich gehe nur da lang, wo es gut riecht, bin wie ein Hund mit der Schnüffelnase am Boden. Und da, wo es für mich interessant ist, mache ich ganz nach meinem Gusto weiter.

Wie hauchen Sie den historischen Biografien Leben ein?

Indem ich sie mir anverwandle. Ich versuche über die Fakten, die ich habe, zu träumen und mir die Menschen vorzustellen – sie zu empfinden. Das sind meine Freunde und ich denke mir: Wie würden die sich jetzt verhalten in dieser oder jener Situation und wie fühlt sich das an? Dafür braucht es viel Zeit. Ich muss das nächste Kapitel immer zuerst geträumt haben, bevor ich es schreiben kann.

Jeder der Helden hat ein Ziel, geht dann aber in eine andere Richtung.

Ja, obwohl sie den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen, machen sie eigentlich das pure Gegenteil von dem, was sie ursprünglich wollten. Ich hatte seit der ersten Klasse den Wunsch, Schriftsteller zu werden und bin das geworden, was ich wollte. Ich bin aber in einer sehr friedvollen Epoche in einem reichen Land geboren. Da ist das nicht schwer. In anderen Zeiten hatte man da weniger die Wahl. Die gute alte Zeit ist jetzt. Das ist sicher. So leicht war das Leben noch nie.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht