MyMz
Anzeige

Erziehung

Anna tanzt sich in ein fremdes Herz

Die Regensburgerin lernt beim Tango einen anderen Mann kennen. Sie will ihre Ehe retten und holt sich therapeutische Hilfe.
Von Maximiliane Gross

Nach vielen Jahren Beziehung zeigen sich Partner, wie hier auf dem Symbolbild zu erkennen ist, häufig die kalte Schulter. Das Feuer der ersten Monate und Jahre ist dann zu einer Sparflamme geschrumpft.Foto: Sanders/Fotolia
Nach vielen Jahren Beziehung zeigen sich Partner, wie hier auf dem Symbolbild zu erkennen ist, häufig die kalte Schulter. Das Feuer der ersten Monate und Jahre ist dann zu einer Sparflamme geschrumpft.Foto: Sanders/Fotolia

Regensburg.Zwischen Anna und ihrem Mann Michael (Namen von der Redaktion geändert) beginnt es zu kriseln. Das Paar ist seit 17 Jahren verheiratet, zärtliche Umarmungen, intensive Küsse oder Kuschelzeit gehören der Vergangenheit an. Das Feuer, das am Anfang die Funken nur so sprühen ließ, lodert mittlerweile auf Sparflamme.

Anna ist zweifache Mutter und leidenschaftliche Tangotänzerin, ihr Mann teilt dieses Hobby ab und zu mit ihr, häufig geht Anna alleine tanzen. Der Tango ist einer der leidenschaftlichsten Tänze, soll feurige Sexualität symbolisieren. Beim Tanzen lernte Anna eines Abends einen anderen Mann kennen. Für sie ist es erst einmal ein Flirt, er verliebt sich aber bis über beide Ohren. Anna merkt, wie schön es sich anfühlt, wieder begehrt zu werden, in eine Affäre stürzt sie sich aber nicht. Sie versucht, ihre Ehe zu retten. Noch bevor sie mit ihrem Mann spricht, vertraut sie sich Engelbert Ober, einem Paartherapeuten, an und holt sich Ratschläge vom Experten.

„Es gibt ja doch vieles, was uns nach all den Jahren verbindet. Ich wollte darum kämpfen, auch wegen der Kinder“, erklärt Anna ihren Entschluss. Sie gibt aber auch zu, dass sie sich ohne Kinder anders entschieden hätte.

Ehrlichkeit siegt

In ihrer ersten Sitzung rät ihr der Therapeut, ehrlich zu ihrem Mann zu sein. Dazu gehöre nicht nur, dass sich ein anderer Mann in sie verliebt habe, sondern auch, was sie in ihrer Ehe vermisse. Nur so könne sie die Beziehung retten. Anna nimmt sich diesen Ratschlag zu Herzen, hat aber Angst vor Michaels Reaktion. „Ich dachte, dass er sich vielleicht abwendet und gekränkt ist“, so Anna. Zu ihrer Überraschung geschieht das Gegenteil: Michael weiß ihre Ehrlichkeit zu schätzen, ist weder beleidigt noch sauer. Eine gemeinsame Therapie lehnt er aber bis heute ab. Anna besucht alle Sitzungen alleine und ist damit keine Ausnahme. Laut Ober sei es keine Seltenheit, dass nur ein Partner eine Therapie in Anspruch nehme. Die Tipps vom Therapeuten nehmen Anna und Michael zusammen an. Seit einem Jahr arbeitet das Paar jetzt Schritt für Schritt an seiner Beziehung. Es nimmt sich bewusst Auszeiten und versucht, trotz Alltag das Feuer wieder zu entfachen. Besonders schön sei für Anna, dass ihr Mann auch selbst die Initiative ergreift und Auszeiten organisiert.

„Die Hemmschwelle, sich beraten zu lassen, ist geringer geworden.“

Engelbert Ober, Paartherapeut

Anna und Michael sind keine Ausnahme. Die Zahlen der Paare, die professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, steigt laut Ober kontinuierlich an. Offizielle Zahlen gibt es nicht, der Therapeut liefert aber eine Erklärung: „Die Hemmschwelle, sich beraten zu lassen, ist geringer geworden.“ Ober geht davon aus, dass vielen Paartherapie inzwischen wegen Radio- und TV-Shows und Büchern vertrauter ist als vor einigen Jahren.

Paare werden älter

Früher ging die Initiative für eine Therapie fast ausschließlich von den Frauen aus. Dieser Trend änderte sich in den vergangenen 20 Jahren, sodass die Quote mittlerweile 50:50 ist.

Mit Blick auf seine Klienten fällt Ober ein gravierender Unterschied zu früher auf. In seiner Anfangszeit half der heute 57-Jährige hauptsächlich jungen Familien mit kleinen Kindern, die mit ihrem neuen Familienleben überfordert waren. Inzwischen sind zwei Drittel seiner Klienten über 50 und hadern mit der Situation, dass die Kinder aus dem Haus sind und das Paar wieder im Mittelpunkt steht. „Die Paare müssen in der Regel wieder lernen, sich als Liebespaar zu sehen und zu begehren.“

Dabei suchen nicht nur heterosexuelle Paare den Therapeuten auf. Engelbert Ober half auch schon Homosexuellen, ihre Beziehung wieder in die richtige Spur zu lenken. „Ich hatte am Anfang Angst, homosexuellen Paaren nicht gerecht werden zu können“, gesteht Ober. Während der ersten Sitzung stellte sich diese Angst als unbegründet heraus. „Homosexuelle Paare haben ähnliche Probleme wie heterosexuelle. Nur das Kinderthema ist außen vor.“

„Etwa 70 Prozent versichern mir, dass die Behandlung nachhaltig positiv war.“

Engelbert Ober

Von einer Erfolgsquote kann man bei der Paartherapie nur schwer sprechen, denn manchmal ist eine Trennung nicht unbedingt ein Misserfolg. Ober erkundigt sich bei all seinen Klienten nach zwei Jahren, ob die Therapie erfolgreich war. „Etwa 70 Prozent versichern mir, dass die Behandlung nachhaltig positiv war“, so der Familienvater. 20 Prozent möchten eine Auffrischung, zehn Prozent der Paare verfielen in ihre alte Muster und befolgten die Ratschläge des Experten nur kurz.

Eine Entscheidung treffen

Für Anna war der Schritt zur Therapie der richtige. Denn ohne die Hilfe von Engelbert Ober wäre es ihr schwer gefallen, sich zu entscheiden: „Vielleicht hätte ich sogar eine Affäre gewagt oder hin und wieder mit anderen Männern geflirtet.“ Auch jetzt ist laut Anna nicht immer alles perfekt, aber sie und ihr Mann seien auf einem guten Weg.

Ein Interview mit Prof. Dr. Monika Sommer vom Bezirksklinikum Regensburg lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht