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Regensburg
Dienstag, 17. Juli 2018 29° 3

Kultur

Automat spuckt Lyrik statt Zigarette aus

Der erste Literaturautomat Bayerns steht in der Obermünsterstraße in Regensburg. Jeder kann hier Kurzgeschichten „ziehen“.
von Sarah Sophie Ruppert

Die Geschäftsführerin Britta Kutzner freut sich über das rege Interesse an dem Literaturautomaten in der Obermünsterstraße. Foto: Ruppert
Die Geschäftsführerin Britta Kutzner freut sich über das rege Interesse an dem Literaturautomaten in der Obermünsterstraße. Foto: Ruppert

Regensburg.Auf den ersten Blick ein gewöhnlicher Zigarettenautomat aus längst vergangenen Zeit. Bei näherem Hinsehen lassen sich anstelle der Zigarettenschachteln kleine Papierboxen mit originellen Zeichnungen ausmachen. Nun wird deutlich, was in dem alten Holzkasten steckt. Der Automat wirft keine Glimmstängel aus, sondern kurze literarische Werke. Der Literaturautomat steht im Eingangsbereich des Vereins KulTür in der Obermünsterstraße 1. Für zwei Euro bekommt jeder die kleinen Schachteln im Pocketformat. KulTür setzt damit ein Zeichen für die kulturelle Vielfalt in Regensburg.

Wer und was dahinter steckt

Der Literatur-Automat wird alle acht Wochen mit neuem Inhalt bestückt. Foto: Ruppert
Der Literatur-Automat wird alle acht Wochen mit neuem Inhalt bestückt. Foto: Ruppert

Ausgedacht haben sich den literarischen Automaten zwei Düsseldorferinnen: Pamela Granderath und Christine Brinkmann. Ihre Idee war es, Autorennachwuchs zu schaffen und einen leichten Zugang zur Literatur zu ermöglichen. Die in den Textboxen befindlichen Büchlein enthalten etwa 3200 Zeichen Lyrik, Poesie oder Kurzgeschichten. Themenorientiert, aber meist bunt gemischt. Die Automaten werden in Abständen von acht Wochen mit neuen Textboxen befüllt. Die Einnahmen fließen direkt in die Anschaffung neuer Automaten und Produktion der Textschachteln.

„Als ,Literatur to go’ kann sich jeder schnell eine Geschichte für zwei Euro ziehen.“

Britta Kutzner, Geschäftsführerin von KulTür

Wie aber kam der Literaturautomat nun nach Regensburg? Ein literaturinteressierter Besucher von KulTür hat die Geschäftsführerin Britta Kutzner darauf aufmerksam gemacht. Kutzner informierte sich und ließ sich auf die Warteliste für einen Automaten schreiben. Die Nachfrage steigt stetig. Kutzner, seit der ersten Stunde bei KulTür dabei, freut sich über den Andrang um den Literaturautomaten: „Kultur ist für alle da – Literatur ist für alle da. Als ,Literatur to go’ kann sich jeder schnell eine Geschichte für zwei Euro ziehen.“

Die Bücherzelle steht beim Andreas-Stadel in Regensburg. Foto: Ruppert
Die Bücherzelle steht beim Andreas-Stadel in Regensburg. Foto: Ruppert

Die Miniformate mit den Maßen 8,5 mal 5,5 Zentimeter sind in unterschiedliche Rubriken eingeteilt. So gibt es Sparten für Gedichte, aber auch Literatur für unter 20-Jährige, Überraschungsboxen oder Fächer nach Autoren sortiert. Die Kurztexte enthalten auch immer eine Information zum Schreiber. Kartonagen gefüllt mit schnellem, aber gehaltvollem Literatur-Fast Food. Das ausgefallene Design der Boxen übernimmt bereits seit über zehn Jahren die in Krefeld lebende Künstlerin Justyna Tuha.

Unterstützung von allen Seiten

Das seit drei Jahren bestehende Netzwerk für kulturelle Integration und Inklusion beschreibt sich selbst als Kultur-Tafel. Foto: Ruppert
Das seit drei Jahren bestehende Netzwerk für kulturelle Integration und Inklusion beschreibt sich selbst als Kultur-Tafel. Foto: Ruppert

Das seit drei Jahren bestehende Netzwerk für kulturelle Integration und Inklusion beschreibt sich selbst als Kultur-Tafel. „Die Ausgabe von Nahrungsmittel bei der Tafel kennt jeder. Wir vergeben Kultur und machen Türen auf für Menschen mit wenig Geld“, sagt Britta Kutzner. Stolz ist sie ganz besonders darauf, dass mit Hilfe von regionalen Kulturveranstaltern und Sportvereinen in den Jahren seit der Gründung über 20 000 Karten vergeben werden konnten: „Das sind knapp 600 Karten pro Monat.“ Viel Arbeit bedeutet das allemal, vor allem weil ihre acht Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten. Ohne die Unterstützung der engagierten Helfer wäre der Verein nicht möglich. Doch auch die großzügigen Spenden von Eintrittskarten erlauben die gezielte Förderung sozial benachteiligter Mitbürger im Landkreis. Nach wie vor benötigt der gemeinnützige Verein Förderer für ein solidarisches Kultur-Netzwerk.

„Literatur ist genau das, was wir heute brauchen. Mit dem Automaten kommt Kultur zu dir.“

Britta Kutzner, Geschäftsführerin von KulTür

Um an neuen Input für den Literaturautomaten und regionale Schriftsteller zu gelangen, veranstaltet KulTür im Herbst einen Literatur-Autoren-Wettbewerb. Ob professioneller Schriftsteller, Hobbyautor oder Neuling in der Literatur – jeder kann mitmachen. „Wir sind gespannt, welcher Regensburger Autor es schafft, seine Texte sozusagen deutschlandweit, automatisch’ bekannt zu machen“, sagt Kutzner. Für die Gewinner des Regionalwettbewerbes werden wohl drei Fächer im Automaten belegt. In der Jury sitzen Fachleute aus Buchhandlungen und dem Deutschen Schriftstellerverband. Wer am Wettbewerb nicht teilnehmen, sich aber als Literat an den Automaten beteiligen möchte, kann sich unter www.literaturautomat.eu bewerben.

Öffentlicher Bücherschrank

Seit Januar 2017 gibt es in Patenschaft von KulTür die Bücherzelle, eine umfunktionierte Telefonzelle. Foto: Ruppert
Seit Januar 2017 gibt es in Patenschaft von KulTür die Bücherzelle, eine umfunktionierte Telefonzelle. Foto: Ruppert

Seit Januar 2017 gibt es in Patenschaft von KulTür die Bücherzelle, eine umfunktionierte Telefonzelle. Ein Team von engagierten Studenten der OTH Regensburg hat den Bücherschrank mit Unterstützung der Stadtbücherei Regensburg und weiteren Förderern initiiert. In Stadtamhof, auf dem Areal des Andreasstadel, lädt eine bunt bemalte Telefonzelle zum Schmökern ein. Eine Gruppe von KulTür-Gästen kümmert sich regelmäßig um die Pflege des Projektes „SeitenWechsel“ und den Bestand der Bücher. Gut erhaltene Bücher dürfen gerne eingestellt und im Gegenzug natürlich Werke mitgenommen werden. Demnächst wird eine zweite Bücherzelle beim Lokschuppen an der Zollerstraße 1a installiert.

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