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Regensburg
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Ärger

Bauboom: Widerstand wächst

Ob „Weiße Riesen“ oder Nachverdichtung: Viele Bürger haben darauf keine Lust mehr. Experten freuen sich auf diese Debatte.
Von Heike Haala

„Weiße Kästen“ statt Architektur im Sinne von Baukunst beklagt die Gemeinschaft. Foto: Lex
„Weiße Kästen“ statt Architektur im Sinne von Baukunst beklagt die Gemeinschaft. Foto: Lex

Regensburg.Innerer Westen, Burgweinting oder Brandlberg – in Regensburg entsteht viel neuer Wohnraum. Aber obwohl diese Häuser dringend benötigt werden, erntet die Stadt für ihre Wohnbaupolitik nicht nur Beifall. Eine neue Interessengemeinschaft mit dem Namen „Boom Boom Regensburg“ übergab sogar einen offenen Brief an das Rathaus. Die Mitglieder klagen: Die Stadtteile drohen im Zuge der Nachverdichtung, ihre Identität zu verlieren. Bislang warten sie noch auf eine Reaktion der Stadt. Sie bezweifeln schon, ob sie überhaupt noch eine Antwort bekommen werden. Bei Experten in Sachen Stadtplanung stoßen sie derweil auf offene Ohren.

Die Entwicklung der Stadtteile sei auf der Strecke geblieben, klagen die Mitglieder von „Boom Boom Regensburg“. Mitstreiter Alois Zorzi macht das auch am Auftauchen von „weißen Riesen“ fest. Die Flachdachhäuser mit hellem Putz würden die Stadtteile, etwa an der Amberger Straße, durchsetzen und ihnen die Identität rauben.

Noch im Herbst war Alios Zorzi als Einzelkämpfer unterwegs. Jetzt hat er Mitstreiter gefunden.

Warten auf die Antwort

Rita Lell und Alois Zorzi von der Interessengemeinschaft „Boom Boom Regensburg“: Sie machten ihrem Ärger mit einem offenen Brief Luft. Foto: Zorzi
Rita Lell und Alois Zorzi von der Interessengemeinschaft „Boom Boom Regensburg“: Sie machten ihrem Ärger mit einem offenen Brief Luft. Foto: Zorzi

Deswegen hat die Interessengemeinschaft einen Forderungskatalog mit zwölf Punkten aufgestellt. Mit dem fordert sie etwa mehr Dialog, klare Vorgaben oder eine Erhaltungssatzung. Wie die Stadt auf diese Forderungen reagiert, ist derzeit noch unklar. „Selbstverständlich wird die Initiative ein Antwortschreiben der Bürgermeisterin erhalten“, sagt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra. Da das Schreiben aber umfangreich sei, würden die Fachstellen noch Zeit brauchen, um die Anliegen zu prüfen.

„Diese Gespräche sind sinnvoll. Sie alleine in Fachkreisen zu führen, bringt uns nicht weiter. Diese Diskussion muss in der gesamten Gesellschaft geführt werden“,

Andreas Eckl, Vorsitzender beim Architekturkreis

Andere sind schneller in ihrem Urteil: Von Experten in Sachen Städtebau ernten die Mitglieder von „Boom Boom Regensburg“ durchaus Zuspruch. So sagt etwa Andreas Eckl, Vorsitzender beim Architekturkreis, dass er die Besorgnis der Kritiker grundsätzlich versteht. Allerdings fehlt ihm an manchen Stellen die Präzision: Zum Beispiel ist das Thema Nachverdichtung für Eckl nicht rein negativ besetzt. Es komme auf die Qualität an, in der nachverdichtet wird. Eckl sieht in der Aktion auch ein Zeichen dafür, dass die Diskussion um die Art des städtebaulichen Wachstums nun bei den Bürgern angekommen ist. Und diese Debatte hält er für unbedingt nötig. „Diese Gespräche sind sinnvoll. Sie alleine in Fachkreisen zu führen, bringt uns nicht weiter. Diese Diskussion muss in der gesamten Gesellschaft geführt werden“, sagt Eckl.

Vor Kurzem traf sich die Interessengemeinschaft

Auch Prof. Peter Morsbach – er ist Denkmalpfleger und Altstadtfreund und vermittelt Studierenden die Theorie und Geschichte des Städtebaus – kann die Anliegen von „Boom Boom Regensburg“ nachvollziehen – speziell ihre Sorge um die Stadtteile. „Gnadenlose Nachverdichtung“ und „austauschbare 08/15-Architektur“ sind auch ihm ein Dorn im Auge. Morsbach weiß, dass die Stadtplaner schnell viel Wohnraum schaffen müssen, versteht aber die Bedenken der Alteingesessenen: „Da bekommen die Stadtteilbewohner Angst um Licht und Luft“, sagt er. Die Aktion bringt in Morsbachs Augen deswegen eine Befindlichkeit zum Ausdruck, die derzeit viele Regensburger verspüren. Er ist schon gespannt darauf, welche Debatte nun folgen wird.

Die Kritik

  • Zu viel Nachverdichtung:

    Die Mitglieder von „Boom Boom Regensburg“ kritisieren in ihrem offenen Brief, dass die Nachverdichtung in Regensburg außer Kontrolle geraten sei. Dadurch würden die Identität und die Merkmale der Stadtteile verloren gehen.

  • Ausblutende Stadtteile:

    Nach Ansicht der Interessengemeinschaft bleibt eine lebenswerte Stadtteilentwicklung auf der Strecke. Sie klagen, dass sich die Stadtteile durch ghettoartige Neubauten negativ verändern werden und auch, dass sie dies bereits getan haben.

  • Konzentration auf die Altstadt:

    Die Unterzeichner des offenen Briefs an Bürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer kritisieren, dass die gewachsenen Stadtteile im Schatten der Altstadt mit dem Welterbetitel stehen. Die Stadtteile würden nicht die gleiche Priorität genießen.

  • Zu wenig Grünflächen:

    „Boom Boom Regensburg“ sieht die Gefahr, dass die gewachsenen, privat errichteten und lebensnotwendigen Grüngürtel mit Flora und Fauna in den Stadtteilen verschwinden. Der Boom schade auf diese Weise auch der Natur.

Die Wut stößt sauer auf

Zum Tonfall des Briefs sagt Morsbach: „Sie haben sich ihren Ärger vom Leib geschrieben.“ Eckl empfindet das Schreiben als „emotional“. Dieser Umstand lässt die Forderungen von „Boom Boom Regensburg“ auch auf wenig Verständnis bei Regensburger Stadträten stoßen. „Die Kritik der Initiative ,Boom Boom Regensburg’ ist für mich nur zum Teil nachvollziehbar“, sagt etwa Dr. Klaus Rappert, Fraktionsführer der SPD. Einerseits würden sich viele darin geäußerte Wünsche mit den Zielen und auch den von der Rathauskoalition eingeleiteten Maßnahmen decken. Bezahlbares Wohnen und eine lebenswerte Stadt seien auch für die SPD-Fraktion wesentliche Leitmotive. „Andererseits kann ich mit Motiven wie ,Unmut und Unzufriedenheit‘ oder ,Ärger und Unverständnis‘, die ausführlich geäußert werden, wenig anfangen“, so Rappert. Dennoch räumt er ein: „Ich verstehe das Unbehagen hinsichtlich gleichförmig empfundener verdichteter Bebauung – hier muss bei künftigen Vorhaben auf die Gestaltung geachtet werden.“

Auch Stadträtin Astrid Lamby (ÖDP) sieht zwar, dass sich viele Positionen in diesem Brief mit denen ihrer Partei decken. Die Wut in dem Schreiben aber missfällt ihr. „Das ist wenig konstruktiv. Es gibt in der Stadt viele Möglichkeiten, sich einzubringen“, sagt Lamby. Gerade weil aber die Mitglieder der Initiative so „extrem verärgert“ auftreten, müsse sich die Stadt nun auch die Frage stellen, wie es dazu kommen kann.

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