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Glosse

Beeren: Vollernter oder Gourmetzupfer?

Männer sind rar auf Beerenmeilen. Sie steigen eher in Bäume, als sich zu bücken. Von der Psychologie des Beerenbrockens.
Von Heinz Klein

Britta Carlson beim Himbeerzupfen in der Oberislinger Beerenmeile. Ihr Mann sei dafür auch zu gewinnen, sagt sie. Foto: Klein
Britta Carlson beim Himbeerzupfen in der Oberislinger Beerenmeile. Ihr Mann sei dafür auch zu gewinnen, sagt sie. Foto: Klein

Regensburg.Er steckt einfach noch tief in uns drin, der Sammler und Jäger. Ist ja auch erst 10 000 Jahre her, dass wir uns noch von den Resultaten dieser Tätigkeiten ernähren mussten. Reste dieses uralten Erbes offenbaren sich gerade jetzt in der Zeit der Beerenernte. Nun werden Erdbeeren gebrockt, Johannisbeeren, Himbeeren, Blaubeeren und sogar schon die ersten Brombeeren gezupft und Kirschen geerntet.

Wie stark dieses archaische Erbe des Sammelns noch in uns steckt, offenbart sich in der Leidenschaft, mit der es betrieben wird. Jetzt zeigen uns viele gebeugte Rücken auf den Regensburger Beerenfeldern, dass diese Sammelleidenschaft noch virulent in uns ist.

Heikel: Der Mann und die Beere

Allerdings gibt es verschiedene Typen von Beerensammlern. Da ist die ausdauernde Profisammlerin vom Typ Vollernter, die die Stauden radikal abgrast und auf Masse zum Marmeladenkochen setzt. Sodann die Gelegenheitszupferin, die auswählt und nur ein Schälchen süße Früchte für einen Kuchen oder rote Grütze braucht.

Zur Zeit gibt es das volle Sortiment: Erd-, Johannis-, Him- und Brom- sowie Stachelbeeren und Kirschen Foto: Klein
Zur Zeit gibt es das volle Sortiment: Erd-, Johannis-, Him- und Brom- sowie Stachelbeeren und Kirschen Foto: Klein

Es folgt der Gourmetzupfer, der unter maximalen ästhetischen Ansprüchen auf der Suche nach den Königinnen unter den Beeren ist und dabei im Rahmen einer permanenten Qualitätskontrolle nicht unerhebliche Ernteanteile gleich vor Ort verspeist. Schließlich bleibt noch der ineffektivste unter den Beerenzupfern, der zwangsverpflichtete Mann.

So rar, wie die Frauen immer noch in den Chefetagen der großen Dax-Konzerne sind, so rar sind die Männer auf den Beerenfeldern. Das kann Julia Kraml, die mit ihrem Mann Stephan die Beerenmeilen betreibt, auf unsere Nachfrage hin bestätigen. „Na ja, der eine oder andere Papa kommt schon auch mit“, startet sie aber einen Verteidigungsversuch für den Mann. Freilich, Ausnahmen gibt es immer wieder.

Ausgedehnte Beobachtungen des Autors in Beerenbiotopen geben derweil Anlass zu einer spektakulären Hypothese. Männer steigen bei der Ernte dann umso eher ins Geschehen ein, je höher die Früchte hängen. Beim Pflücken der erdgeschossigen Erdbeere ist der Mann praktisch nie zugegen. Bei der hüfthoch anzutreffenden Johannisbeere ist der maskuline Anteil am Pflückpersonal schon deutlich höher, steigt weiter bei der bis in Kopfhöhe anzutreffenden Him-, Brom- und Gartenblaubeere und erreicht sein Maximum bei der Ernte hochgelegener Früchte.

Sehen Sie hier ein Video vom Regensburger Beerenparadies:

Das Beerenparadies in Regensburg

Natürlich muss hier schon aufgrund des drohenden Gefahrenpotenzials der Mann ran und in schwindelerregende Höhen von Kirschbaumwipfeln steigen, um oben Kirschen und unten Bewunderung zu ernten. Das wiederum lässt Arbeitgeber zittern, denn manchmal folgen kirschenpflückende Männer auch der Linie des Fallobstes, was zu Arbeitsausfällen führen kann. Unsere evolutionsbiologisch weit zurückliegenden Vorfahren, die noch in den Bäumen lebten, konnten das halt auch ohne Leiter einfach besser.

Buttermilch oder Bildschirm?

Prinzipiell ist der Mann ja auch weniger Sammler als vielmehr Jäger. Freilich jagt er kaum mehr Wildes in freier Wildbahn als vielmehr Sonderangebote in Discountern sowie das, was ihm auf Einkaufszetteln aufgeschrieben wurde. Zum Beispiel Buttermilch, ein ziemlich uninteressantes und zudem unausgegorenes Produkt, das sich nicht entschließen konnte, ob es nun Butter oder Milch sein will. Lieber jagen Männer schlüssige Produkte wie Bohrmaschinen oder aber gleich richtig große Beute wie beispielsweise übergroße Flachbildschirme. Zur Zeit jagen sie aber am allerliebsten Bälle.

Der Autor

  • Beerenernte:

    Heinz Klein brockt leidenschaftlich gerne sogar tief liegende Erdbeeren. Bei der Beerenernte steht er wirklich seinen Mann, beim Verzehr dagegen weniger.

  • Leberwurst:

    Denn beim Frühstück greift er allemal lieber zur Leberwurst als zum Marmeladenglas. Er verspricht aber, sich zu bessern. Das kann allerdings noch lange dauern…

Es sind vornehmlich Bälle, die aus Russland auf unsere Bildschirme rollen – je größer, umso schöner. Und so konnte es sogar am Mittwochnachmittag noch sein, dass ein Mann statt mit 0,5 Liter Buttermilch mit einem 75-Zoll-Plasmafernseher vom Einkaufen heimkam. Doch eine große WM-Blamage muss man nicht auch noch groß sehen. Da wäre ja Beerenzupfen noch schöner gewesen als dieses Fußballspiel.

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