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Regensburg
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Wirtschaft

Das alte Rauchereck zieht weg

Das Stammhaus von Tabak Götz verlässt den Neupfarrplatz. Doch Regensburgs Pfeifenraucher bleiben cool. Am Dom geht’s weiter.
Von Helmut Wanner

Für Tabak Götz läuft am Neupfarrplatz das letzte Weihnachtsgeschäft. Foto: Wanner

Regensburg. „Wir verkaufen Genuss“, sagt Peter Götz. Und das seit 80 Jahren. Ob Banker, Professor oder Chef eines börsennotierten Unternehmens, ob Angestellter oder Arbeiter – vor Götz sind alle gleich.

Karl Kirschner war gleicher. Er wurde vom Kunden zum Onkel Karl und hat es in den Herrgötzwinkel geschafft. Denn sein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto hängt ungerahmt im schmalen Personalraum. Es wurde einfach an den Kalender 2017 angepinnt. So wirkt es wie aus der Zeit gefallen.

Jeden Tag einen Stumpen

Ein Blick zurück in die Vergangenheit. Vorne am Rauchereck bei Tabak Götz sind die Rollläden herunter. Foto: Götz

Karl Kirschner hatte seinen Hut festgezurrt wie einen Stahlhelm. Mit übereinander geschlagenen Beinen saß er im Rattanstuhl nah an der Verkaufs-Theke, zog an seiner „Pip“ oder rauchte seinen täglichen Stumpen, die billige Sorte für 20, 50 Pfennig. „Jeden Tag hat er eine geraucht, dann ging er wieder hoch in seine Wohnung“, erinnert sich Peter Götz dunkel, denn er war noch ein kleiner Bub. Kirschner wohnte im Haus. Was war er von Beruf? „Weiß ich nicht. Er war arbeitslos.

Nach acht Jahrzehnten zieht das alte Rauchereck vom Neupfarrplatz weg. Wir nehmen an, dass Onkel Karl ins neue Geschäft in der Residenzstraße 6 mit umziehen wird. Der Umzug hat wirtschaftliche Gründe. Peter Götz hat den Mietvertrag nicht verlängert. Der Münchner Vermieter wollte renovieren und danach die Miete „anpassen“. „Ein viertel Jahr wäre der Laden geschlossen gewesen. Das geht nicht“, sagt Peter Götz und denkt an seine Kunden: „Der Lottospieler kann nicht Lottospielen. Der Pfeifenraucher kriegt keinen Tabak und der Leser keine Zeitung.“ Die neue Ladenmiete muss Peter Götz übrigens auch nicht recht geschmeckt haben.

Kunde Karl Kirschner hat noch in der dritten Generation der Firma Tabak Götz Kultstatus. Foto: Götz

„Das Ende bestimme immer ich“, sagt der quirlige End-Fünfziger. Ihn treibt es immer noch um wie damals mit 30, als er den Laden von seinen Eltern Anna und Otto übernommen hat. Und weil er das Ende selbst bestimmen will, hat er einen Laden bei Mutter Kirche angemietet, ein paar Häuser weiter, in Richtung Dom. Tabak Götz eröffnet am 2. Januar in den Räumen der ehemaligen Boutique „Lisa“, gleich beim früheren Lotto-Toto-Geschäft der Jahn-Ikone Horst Eberl.

Es folgt ein Coffee-Shop

Peter Götz Archiv-Foto: altrofoto.de

Der Neupfarrplatz verliert freilich wieder an Charme. Das typisch Regensburgerische tritt einem bald nur noch auf alten Regensburg-Bildern gegenüber. Darauf sieht man den Gummi Schmauss, den Rothdauscher, das Kaufhaus Fischl, das Café Schürnbrand, die Thurn und Taxis-Bank, den alten Haubensak und den kleinen Baumarkt Schoppe am Eck zur Tändlergasse. An Seilen hingen Schubkarren und Schneeschippen an der Fassade. „Bei dem gab es alles“, schießt es aus Peter Götz heraus. „Vom Hosenträger bis zum Düsenjäger, so war der Slogan.“ Und nicht zu vergessen: Die alte Pfeifferin („schöne Weihnachtssterne, der Herr“) und Standlmann Adolf Murr. Der rief die Südfrüchte so aus. „Banane, Banane, die Lieblingsfrucht für die Dame.“ Nun gehört auch Tabak Götz vom Neupfarrplatz zu dieser verlorenen Regensburger Zeit.

Anna Götz

Peter Weinzierl, Buchhalter im Kollegiatstift St. Johann, ein alter Kunde für Pfeifentabak, sieht das mit dem Umzug rational. Er bläst die Backen auf und lässt dann ganz langsam die Luft ab. „Was soll ich sagen? Das macht mir nichts. Der Name zieht mit.“

„Vom Hosenträger bis zum Düsenjäger.“

Der Slogan des Baumarkt Schoppe am Eck zur Tändlergasse

Was folgt am Rauchereck? Die Kaffeebrüder oder: „Coffee Fellows“. Kaffee ist in Regensburg ein Wachstumsmarkt. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, stellt fest – kaum eine Altstadtgasse ist ohne Barista. Laut Eigenaussage haben sich die Coffee Fellows unter den Top 5 der deutschen Coffee-Shop-Szene positioniert. Bis Ende 2017 ist die Eröffnung des 200. Shops geplant. Regensburg wird dann wahrscheinlich Laden Numero 201.

Die Zahl der Tabakläden dagegen schrumpft. In Regensburg ging sie von acht auf zwei zurück. Wir nähern uns also der Erfüllung der Prophezeiung, die ein unbekannter Genuss-Prophet im 19. Jahrhundert auf den Deck-Balken im Brandlbräu in der Ostengasse gepinselt hatte. Dort ist zu lesen: „Ohne Bier, Tabak und Liebe ist das Leben wirklich trübe.“

Otto Götz übergab 1989 an seinen Sohn Peter.

Wegen wegbrechender Konkurrenz blieb der Umsatz bei Götz trotzdem konstant. Mit dem Stammsitz am Neupfarrplatz hat Peter Götz sechs Geschäfte in Ostbayern. Die Mitarbeiter sind schon lange bei ihm. Die treueste Seele ist seine Verkäuferin Claudia Hetzenecker. Sie arbeitet seit 38 Jahren ununterbrochen im Flaggschiff-Geschäft am Neupfarrplatz, hat also schon bei Anna und Otto Götz angefangen. Der gelernte Tabakkaufmann, Peter Götz führt das Geschäft am Neupfarrplatz in dritter und letzter Generation. „Nach mir kein Tabak Götz“, hatte der kinderlose Kaufmann schon früher mal angekündigt.

Beim neuen Geschäft in der Residenzstraße aber will er noch einmal richtig Gas geben. „Es wird ein Drittel größer als am Neupfarrplatz, heller und moderner. Da ist richtig was los.“ Der Mietvertrag läuft über zehn Jahre. Danach ist Schluss: „Meine Angestellten und ich, wir gehen 2028 gemeinsam in Rente.“

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Drei Generationen Tabak Götz

  • Die 80-jährige

    Tradition des Hauses Tabak Götz wird mittlerweile in dritter Generation weitergeführt. Peter Götz hat es 1989 von seinen Eltern Otto und Anna Götz übernommen. Er war damals 30 Jahre alt. Das Stammhaus steht inmitten der Regensburger Altstadt.

  • Tabak Götz

    wurde vom Magazin „Der Feinschmecker“ unter die besten 200 Zigarrenläden Deutschlands gewählt.

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