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Donnerstag, 19. Juli 2018 29° 1

Extremsport

Das größte Abenteuer ihres Lebens

Holly Zimmermann aus Alteglofsheim bewältigte den Tenzing Hillary Everest Marathon als schnellste ausländische Frau .
Von Armin Wolf

Der Marathon am Mount Everest bescherte Holly Zimmermann ein Wechselbad der Gefühle. Spektakuläre Ausblicke, extreme klimatische Bedingungen und unglaubliche körperliche Strapazen forderten der 48-Jährigen einiges ab. Manchmal flossen sogar Tränen. Doch letzten Endes hat sich das Abenteuer für sie gelohnt. Foto: Zimmermann
Der Marathon am Mount Everest bescherte Holly Zimmermann ein Wechselbad der Gefühle. Spektakuläre Ausblicke, extreme klimatische Bedingungen und unglaubliche körperliche Strapazen forderten der 48-Jährigen einiges ab. Manchmal flossen sogar Tränen. Doch letzten Endes hat sich das Abenteuer für sie gelohnt. Foto: Zimmermann

Alteglofsheim.Ultraläuferin Holly Zimmermann (48) aus Alteglofsheim braucht die Herausforderung. Zwei ganz ungewöhnliche Laufevents hat die gebürtige US-Amerikanerin in den letzten Jahren bereits bewältigt. Den „kältesten“ Marathon in Grönland, bei 20 Grad minus, und den heißen Wüstenlauf über 257 Kilometer an sieben Tagen durch die marokkanische Wüste, den „Marathon des Sables“.

Hartes Trainingsprogramm vor
dem großen Abenteuer

Für 2018 hatte sie sich den höchsten Marathon der Welt vorgenommen, den Marathon am Mount Everest. Einen Startplatz zu bekommen, war nicht so schwer, die Veranstaltung war nicht ausgebucht, denn: Selbst für Extremsportler ist dieses Event äußerst ungewöhnlich. 200 Sportler, darunter Ultramarathon-Läufer (60 Kilometer) und Halbmarathon-Läufer sollten es dann letztendlich sein, die an den Start gingen. Monate vor dem Event begann für Holly Zimmermann das Training. Lauftraining, viel Krafttraining, Radfahren und Yoga standen auf dem Programm. Pro Tag drei Stunden. Woche für Woche floss der Schweiß. Am 14. Mai dann endlich begann das große Abenteuer. Nach der Verabschiedung von der Familie, Ehemann Frank und den Kindern Amelia, Juliana, Sophie und Robert stieg die Extremsportlerin in München ins Flugzeug nach Abu Dhabi. Hier stieß ihre Freundin Beatrice, eine Italienerin, dazu. Die beiden hatten sich beim Wüstenlauf in Marokko kennen- und schätzen gelernt. Am Abend des nächsten Tages kam das Duo in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu an. Die Stadt liegt auf 1400 Metern Höhe und weist immer noch Spuren des großen Erdbebens auf.

Dort gab es die ersten Infos. 25 Sportler plus Sherpas, die einen Teil des Gepäcks trugen, samt Guides bildeten eine Gruppe. Dazu kam ein Arzt, der die Sportler ständig betreute. Der folgende Tag war zur freien Verfügung eingeplant. „Wir waren in der Nähe eines Tempels und konnten die Beerdigungszeremonie für gestorbene Nepalesen beobachten. Die Toten waren mit Blumenkränzen geschmückt und nach ihrer Verbrennung wurde die Asche in den Fluss Bagmati gebracht. Die Zeremonie war sehr beeindruckend für uns, es war unser erstes großes Erlebnis in Nepal“, sagt Holly Zimmermann, die mit besonderen Gefühlen an diese Minuten zurückdenkt.

Halsbrecherische Flüge und schlechtes
Wetter lassen den Puls nach oben schnellen

Am nächsten Tag hieß es früh aufstehen. Der Flug von Kathmandu nach Lukla (auf 2860 Metern) war geplant. Es sollte eine spannende Angelegenheit werden. Aufgrund der kurzen Landebahn gilt Lukla als einer der gefährlichsten Flughäfen der Welt. Holly Zimmermann erinnert sich: „Ich war aufgeregt und um 3 Uhr wach, erst um 6.15 Uhr wollten wir fliegen. Doch das Wetter war zu schlecht, wir konnten nicht starten. Wir mussten sechs Stunden warten, dann hoben wir ab und kehrten nach 15 Minuten wieder um, der Landeflughafen war erneut geschlossen worden. Erst nach insgesamt weiteren acht Stunden hat es endlich geklappt und Lukla war erreicht.“ Alle waren froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Nach drei Stunden Trecking an vielen kleinen Dörfern vorbei, wo die Kinder in Schuluniformen gerade nach Hause kamen, war das Übernachtungsziel erreicht. „Es gibt keine Straßen, alles, was man braucht, muss getragen werden, von Menschen und von Tieren, aber keiner beschwert sich, es wird viel gelacht“, ist Holly Zimmermann immer noch von der Lebensfreude der Nepalesen begeistert.

Vielen Sportlern macht die Höhenluft zu
schaffen, in der Nacht ist es bitterkalt

Ungewohnt war für alle in der Gruppe das Überqueren von Hängebrücken. Die Sherpas marschieren schnell darüber, denn wenn die Brücke ins Schaukeln kommt, braucht man gute Nerven. „Ich hatte totale Panik“, erinnert sich die Extremsportlerin ungern an diese Situation. Das Quartier war einfacher als einfach. Zwei Betten im kleinen Zimmer, zu wenig Decken, es gab keine Heizung. Die Sportler froren vor sich hin. Nur beim Abendessen wurde der Speiseraum geheizt. Die hygienischen Verhältnisse stellten eine Herausforderung dar.

Trotzdem: Der Aufstieg ging weiter. Am fünften Tag wird Namche Bazaar auf 3540 Metern erreicht. Es gibt viele Läden und jede Menge Bergsteiger. Die ersten Sportler haben gesundheitliche Probleme, die Höhenluft macht ihnen zu schaffen. Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen. Holly Zimmermann bleibt verschont. Ein erster Testlauf über fünf Kilometer wird absolviert, die Beine sollen gelockert werden. Gegen die Kälte in der Nacht gibt es ein ungewöhnliches Mittel. Wasser wird heißgemacht, in die Wasserflaschen gefüllt und die werden in den Schlafsack gesteckt, um den Körper zu wärmen. Am siebten Tag besucht die Gruppe in Khumjung (3780 Meter) eine Schule. Holly Zimmermann bringt Geschenke für die Kinder mit. „Ich hatte Haarspangen und viele Kleinigkeiten von meinen Töchtern dabei, die kleinen Kinder freuten sich riesig“.

In Deoboche (3870 Meter) startet das Team um 8 Uhr früh, urplötzlich sind Wolken und Nebel weg. Die Berge tauchen auf, zum ersten Mal sieht Holly Zimmermann den Mount Everest richtig. „Unglaublich, kein Fernsehbild kann diesen Eindruck richtig vermitteln.“ Jetzt wird teilweise auf der Strecke marschiert, die man später beim Marathon ablaufen muss. Ein deprimierender erster Eindruck: nur Geröll, Steine und in Stein gehauene Stufen wechseln sich ab. Das würde ein schwerer Teilabschnitt des Marathons werden, so viel war allen klar.

Der höchste Marathon der Welt

  • Erinnerung an die Erstbesteigung:

    Der Tenzing Hillary Everest Marathon findet jährlich am 29. Mai statt, um dem Jahrestag der Erstbesteigung des Mount Everest durch Late Tenzing Norgay Sherpa und Sir Edmund Hillary zu gedenken.

  • Die Strecke:

    Der Startschuss fällt im Everest Basecamp (5356 Meter). Danach geht es nach Namche Bazaar (3440 Meter). Um die notwendige Höhenanpassung sicherzustellen, werden die Sportler innerhalb von 14 Tagen nach oben geführt. Die Teilnahme ist nur äußerst trainierten und erfahrenen Läufern möglich.

Von Deoboche geht es nach Dingboche. Die 4000-Meter-Grenze wird dabei überschritten. Es soll für Holly und ihre Freundin Beatrice ein wundervoller Tag werden. Ihr Zimmer hat ein eigenes Bad! Die beiden Frauen können sich auch noch einen weiteren Schlafsack ausleihen, um besser gegen die Kälte geschützt zu sein. Zwei Tage dauert der Aufenthalt, die Stimmung wird besser, das eigene Bad hat neue Kräfte geweckt. Es gibt einen zweiten Trainingslauf.

Der Marsch nach oben geht weiter. Ständig kreisen Hubschrauber am Himmel. Immer wieder müssen Bergsteiger oder auch Sportler mit gesundheitlichen Problemen ausgeflogen werden. Schlimme Nachrichten machen die Runde, einige Bergsteiger seien abgestürzt und gestorben, hieß es. Ärztliche Untersuchungen zeigen: Holly Zimmermann ist topfit, die Blutwerte sind in Ordnung. Trotzdem kippt die Stimmung ein bisschen. In Lobuche (4900 Meter) sind die Zimmer deprimierend, das Wetter ist schlecht, die hygienischen Verhältnisse eine Katastrophe, nur eine dünne Holzwand trennt die Zimmer. Jedes Geräusch ist deutlich zu hören. Es wird eine schlimme Nacht für die Teilnehmer. Alle sind froh, diesen Ort bald wieder verlassen zu können.

Eine Gedenkstätte für verunglückte Sherpas und Bergsteiger macht viele nachdenklich. Die Namen sind in Gedenktafeln eingeritzt. Überall wehen Gebetsfahnen im Wind. Nebel hängt über dem Gebiet. Es wird nicht viel gesprochen. Tränen fließen. Am 13. Tag wird bei einem Tagesausflug der höchste Punkt der Reise erreicht. Kala Patthar ist ein kleiner Berg auf 5545 Metern. Nach ihrer Rückkehr in die Unterkunft trifft Holly Zimmermann zufällig einen Bekannten. Der Nepalese Kyaron war ihr Führer bei einem früheren Aufenthalt. Die Freude ist gigantisch. Am nächsten Tag steigt die Gruppe ein wenig nach unten, zum legendären Basislager Mount Everest. Das ist eine große Zeltstadt auf Steinen, keine Erde weit und breit. Es gibt zwei Toiletten für einhundert Menschen. „Viele waren krank, hatten Durchfall, ich konnte das fast nicht mehr ertragen und habe so geweint“, gibt Holly Zimmermann nach ihrer Rückkehr im Gespräch mit der Sonntagszeitung ganz offen zu. Ein Tag wird Pause gemacht, die Wettkampfvorbereitungen beginnen, die Temperaturen in der Nacht liegen bei minus 15 Grad. Man fühlt unter sich die Gletscher, spürt ihre Bewegungen. Gespenstisch. Endlich steht dann der große Tag bevor. Der Lauf beginnt. Es ist der 29. Mai, 7 Uhr früh. Ein Weg ist nicht erkennbar, kleine Fahnen dienen zur Markierung. Man läuft an Bergsteigern vorbei, die jeden Sportler anfeuern. Bei Kilometer neun deutet ein entgegenkommender Sherpa an, Holly Zimmermann sei die erste ausländische Frau hinter drei Starterinnen aus Nepal. Bei Kilometer 21 hat die Extremsportlerin einen Kilometer Vorsprung vor der nächsten Läuferin.

Am Wettkampftag stellen Yaks für so
manchen Läufer ein Hindernis dar

Immer wieder halten Karawanen mit Yaks die Läufer auf. Der Grund: Wenn man die Tiere überholt, kann es gefährlich werden. Sie sind sehr schreckhaft. Ein Yak erwischt einen Sportler mit seinem Horn an der Hand und verursacht eine blutende Wunde. Holly Zimmermann erlebt den Unfall live mit und agiert beim Überholen der Tiere ganz vorsichtig – und sie wird langsamer. „Bei Kilometer 35 hat mich eine Österreicherin eingeholt, aber ich wollte unbedingt beste ausländische Frau werden, ich habe Vollgas gegeben. Mit der Höhenluft hatte ich keine Probleme“, erzählt sie.

Holly Zimmermann kämpft und kämpft. Die vierfache Mutter schafft es schließlich und wird mit sechs Minuten Vorsprung beste ausländische Frau beim Tenzing Hillary Everest Marathon 2018! Drei Nepalesinnen sind vor ihr. Zimmermanns Gesamtzeit: 7 Stunden und 39 Minuten. Dann ist das Ziel in Namche Bazaar erreicht, der Marathon Mount Everest geschafft.

Aber noch ist das Abenteuer nicht zu Ende. Eigentlich sollten die Teilnehmer zwei Tage zum Flughafen nach Lukla trekken. Doch da warten bereits 700 Passagiere. Das Wetter ist total schlecht. Nichts geht mehr. Fast die ganze Gruppe entscheidet: „Wir lassen uns mit Hubschraubern nach Kathmandu fliegen, um die Rückflüge in die Heimat nicht zu gefährden.“ 550 Euro pro Person müssen bezahlt werden. Holly Zimmermann ist das egal. „Ich wollte nur zurück nach Kathmandu.“ Am Tag 21 gibt es mit den Läufern noch ein Abschlussfest. Als Holly Zimmermann später am Flughafen in München steht, weiß sie: Wieder ist ein großes Abenteuer überstanden.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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