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Menschen

Der Urlaub der anderen ist sein Job

Wolfgang Plank war lange Musikredakteur im Regensburger Funkhaus. Mit 55 Jahren hat er sich neu erfunden – als Reiseleiter.
Von Helmut Wanner

Und jetzt alle umdrehen: Wolfgang Plank mit einer Reisegruppe an einem Grab auf der Kanalinsel Jersey. Foto: Plank

Regensburg. Der Kuschelmonat Dezember ist nur scheinbar tot für die Reise-Branche. Denn jetzt werden Urlaube eingereicht und vor dem Kamin die Reisekataloge geblättert.

„An Weihnachten müssen die Kataloge draußen sein“, weiß Wolfgang Plank. Der Regensburger sitzt auf der anderen Seite der Theke: Er selbst weiß bereits, wann er wo im nächsten Jahr sein wird: Im März in Florenz und Indien, im April in Holland/Belgien, im Mai auf der Rhone, im Juni Hansastädte der Ostsee, im Juli Seine-Kreuzfahrt … Der Urlaub der anderen ist sein Beruf. Er ist Reiseleiter. Bis 2013 war er Musikredakteur im Funkhaus Regensburg. Mit 55 Jahren erfand er sich neu.

„I am from Austria“

In diesem Job musst du mit Neid leben. „Toll“, sagen die Leute, „du machst das ganze Jahr Urlaub“. Und so sieht er es trotz allem Organisationsstress und allen Unwägbarkeiten seines Berufs im Grunde auch selbst. Reiseleiter zu sein, ist keine Angestellten-Existenz und kein Beamtenjob. „Ich pfeife auf Geld, ich pfeife auf Karriere. Ich hab ja das, was ich zum Leben brauche.“ An seiner Arbeit gefällt dem Junggesellen das Reisen und der Umgang mit Menschen. Zu seinen ersten Aufgaben gehört es, mit einer Flasche Sekt in der Hand durch den Mittelgang eines Reisebusses zu gehen und den Begrüßungstrunk auszuschenken, ohne zu tröpfeln.

Wenn er den Fendrich-Song „I am from Austria“ hört, bekommt er wohl einen leichten Schimmer in die Augen. Plank ist ein Mensch mit österreichischem Migrationshintergrund. Der in Pinkafeld, Burgenland, Geborene kam als Zehnjähriger nach Regensburg.

„Wir fahren so viel in der Welt herum. Warum zeigt man den Leuten nicht auch mal unsere schöne Stadt?“

Wolfgang Plank

Er hat Hummeln im Hintern. Sein rechter Fuß wippt auf dem Stuhl im Kaffeehaus. Denn er ist auf dem Sprung. Als Reiseleiter hat er auch im Dezember Arbeit. „Wir fahren so viel in der Welt herum. Warum zeigt man den Leuten nicht auch mal unsere schöne Stadt?“ Das war seine Idee.

Auf Teneriffa. Foto: Plank

Dieter Baumgartner von M-Tours sprang an. Es sind Leser der Hildesheimer Allgemeinen, der Neuen Osnabrücker Zeitung und anderer lokaler deutscher Blätter, die sich nun mit wachsender Begeisterung im Advent unsere romantischen Weihnachtsmärkte anschauen. Das schöne Welterbe-Wochenende der anderen ist nun sein Job. Gruppen kommen und Paare. Am Freitag um 13.15 Uhr holte er zum Beispiel die Gewinner einer Leserreise ab, ein Ehepaar. Er fuhr sie im eigenen Taxi zum Haidplatz und zeigt ihnen an diesem Wochenende die schönen Ecken der mittelalterlichen Stadt.

Taxischein, Sprachen-Diplom, alles, was er in seinem Leben macht und gemacht hat, bringt der 59-Jährige ein. Und in der Hauptsaison lässt sich der erprobte Musikredakteur im Funkhaus Regensburg beim Crew-Abend der Flusskreuzfahrt nicht lange bitten und singt auf der Tanzfläche mit Crooner-Stimme Lieder wie den Roy Orbison-Song „California Blue“.

Auf Sylt traf er drei Generationen der Schäffer-Mädels. Foto: Plank

„Ich singe nur, was ich auswendig kenne.“ Das Sprechen vor vielen Leuten, mit Mikrofon, macht ihm nichts aus. Schon Kleist hat erkannt: Wie der Appetit beim Essen, so kommt der Gedanke beim Sprechen. Und wenn ihm gerade nichts einfällt, dann sagt er das auch und bekommt einen Lacher dafür.

Das Reiseleiter-Gen hat er von seiner Mutter. Sie war als Schneidermeisterin auf der ganzen Welt unterwegs. Unter anderem war sie sieben Jahre in Südafrika. Sie hat für die Autoindustrie gearbeitet und war für das Qualitäts-Controlling bei Autositzen zuständig. „Da musst du mit Menschen umgehen können.“ Im Goethe-Gymnasium traf er auf andere umtriebige Gesellen. „Ich drückte mit Alois Weger die Schulbank.“ Der Weger Alois ist ja erst von seiner halbjährigen Radfahrt zum Nordkap zurückgekommen.

Ein Auto besitzt er nicht. „Ich hab es verkauft, nachdem es einmal vier Wochen unbewegt in der Garage gestanden ist.“ Wolfgang Plank wohnt an der Clermont-Ferrand-Allee. Zwei Zimmer mit Balkon im vierten Stock genügen ihm. Wenn er morgens die Augen aufschlägt, hat er den Blick auf eine griechische Insel. Beim Frühstück springt ihm der Gischt des Atlantiks entgegen, der den Leuchtturm von Ouessant umspült. Es duften Croissants in einem Pariser Café, die Schlösser der Loire erheben sein Gemüt. Das alles sind Gemälde von Ferienlandschaften.

Ein ruhiger Platz auf Sylt

Auf dem Weihnachtsmarkt. Foto: Plank

Dass er in der Clermont-Ferrand-Allee wohnt, findet er stimmig. Die französische Partnerstadt Regensburgs hat was mit seinem Beruf zu tun. Hier verbrachte er vier Wochen im Schulaustausch. Für den Stadtjugendring organisierte Plank Fahrten in die Hauptstadt des französischen Départements Puy-de-Dôme. Sein Leben drehte sich wie die Platten. Nebenbei legte er in der Tanzschule Neubert fünf Jahre lang auf. Nach dem Abi ging er ein Jahr lang für eine DJ-Agentur auf Tournee durch die Metropolen Skandinaviens, ehe er 1985 in Regensburg das Lokalradio aufbaute.

Wolfgang Plank scheint ruhelos zu sein. Insgeheim träumt er von einem ruhigen Platz, am liebsten auf Sylt. Sein Vater, den er kaum kennenlernte, weil sich seine Eltern bald trennten, kam aus dem Norden. Und da zieht es ihn magisch hin. Wenn er dann zur Ruhe gekommen ist, will er ein Buch schreiben über sein Leben - auch als Reiseleiter. Was steht drin? Geschichten, die das Leben eines Reiseleiters schreibt. Und noch etwas mehr: Gefühl pur. Denn am Heiligen Abend stoppt der Dienstleister aus Leidenschaft auch nicht seinen Tatendrang. „Ich fahre traditionell die ganze Nacht Taxi.“ Das allein wäre schon ein Roman.

Überall Freunde

  • Zeitungsleser zu Besuch

    In der Weihnachtszeit holt M-Tours Zeitungsleser aus ganz Deutschland nach Regensburg. Nachdem er Gäste der Fuldaer Zeitung und des Mindener Tageblatts versorgt hat, genehmigt sich Plank ein Feierabendschlückchen im Schloss.

  • Spontane Begegnungen dank Facebook

    Über Facebook ist Wolfgang Plank erreichbar. Als er auf Sylt war, schrieben ihm die Schäffer-Mädels Valerie und Veronika aus Regensburg: „Wir sind auch da.“

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