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Sonntag, 19. August 2018 31° 3

Menschen

Die Mainz war ihr Schicksal

Die Story eines Schleppers, der gegen Kriegsende die Steinerne Brücke passierte. Einzige Fracht: Die Schifferfamilie Dries
Von Helmut Wanner

Bis in die Farben mit dem Schiff identisch: Der hessische Handwerksmeister Hansjörg Dries (68) an der Ankerwinde der Ruthof Fotos: Wanner
Bis in die Farben mit dem Schiff identisch: Der hessische Handwerksmeister Hansjörg Dries (68) an der Ankerwinde der Ruthof Fotos: Wanner

Regensburg.Eines schönen Tages … – so beginnen Donaugeschichten. Eines schönen Tages stand der selbstständige Installateurmeister Hansjörg Dries aus Wiesbaden-Schierstein im Büro des Museumsschiffs Ruthof und packte Rainer Ehm alte Schwarzweiß-Fotos auf den Tresen, die er in der Zigarrenkiste seines Vaters gefunden hatte. Es war, wie wenn man eine Flaschenpost öffnet, die Jahrzehnte auf See war. An diesem Tag fanden Kindheitserinnerungen eine Heimat. Und die Seele eines hessisch babbelnden Handwerkers ging gegenüber der Gareisinsel vor Anker.

Schiffsverkehr in Regensburg im Zeitraffer

Seitdem vergeht kein Jahr, in dem der geschichtsinteressierte Rentner nicht zwei oder drei Mal in Mainz in den ICE nach Regensburg steigt und über Wochen Arbeitseinsätze in Regensburg macht. Dieser Besuch ist sein 18. in Reihe. Er bleibt dieses Mal zweieinhalb Wochen. Rainer Ehm bezeichnet Hansjörg Dries als eines der aktivsten Vereinsmitglieder des Arbeitskreises Donau-Schifffahrts-Museum Regensburg und das mit der weitesten Anreise. Am Montag spritzte er den Blütenstaub von der Ruthof – fürs Maifest.

Auf der Ruthof-Werft umgebaut

Die Donau ist ein Fluss, der Menschen verbindet und Schicksale verknüpft. Die alten Schwarzweiß-Fotos, die Hansjörg Dries vor dem Historiker Rainer Ehm ausbreitete, zeigten den Dampfschlepper Mainz, er war im Besitz seines Vaters Hans Dries.

„Sie wollte noch einmal gucken, wo sie als Kind die erste Kreuzfahrt ihres Lebens gemacht hatte.“

Hansjörg Dries

Die Mainz hatte eine unglaubliche Geschichte. Sie war 1942 in der Stammwerft Christoph Ruthof in Mainz Kastel bis auf das Kasko (den Schiffsrumpf) demontiert und auf dem alten König- Ludwig-Kanal von Bamberg bis Kelheim verstellt worden. In der Ruthof-Werft Regensburg wurde sie wieder aufgebaut und fuhr dann bis nach Niederösterreich. Sie war bestimmt für den Bau des Kraftwerks Ypps-Persenburg. Die Bauarbeiten im Fluss wurden Ende 1943 eingestellt.

Das Kelheimer SchleusentorFoto: Wanner
Das Kelheimer SchleusentorFoto: Wanner

Nach einem Jahr ging die Reise wieder zurück. Auf der Regensburger Ruthof-Werft wurde die Mainz wieder bis aufs Kasko demontiert. Der Dampfschlepper wurde mit dem historischen Schiffsdurchzug durch das erste Joch der Steinernen Brücke gezogen. Von Kelheim ging es dann über den bis 1950 bestehenden König-Ludwig-Kanal nach Bamberg und von dort wieder zurück an den Rhein. In der Ruthof-Werft in Mainz-Kastel wurde sie wieder fahrtüchtig gemacht. Sie versah ihren Dienst bis 1956.

Hier kommt Rosemarie Dries ins Spiel: An diese abenteuerliche Kreuzfahrt auf Donau, Main und Rhein mitten im Zweiten Weltkrieg hatte die um zehn Jahre ältere, inzwischen verstorbene Schwester bleibende Erinnerungen. Sie war knapp vier Jahre alt, als sie auf der Mainz Richtung Heimat fuhr. Weiter an Bord waren ihre Eltern Hans und Else und der Maschinist Adam Schneider.

Die ganze Familiengeschichte fuhr mitten im Krieg wohlbehalten die Donau hinunter und auch wieder hinauf. Rosemarie Dries hatte den Faden der Erinnerung als erste aufgenommen. Sie reiste entlang der Donau und war vor ihrem Bruder auf dem Museumsschiff Ruthof. „Sie wollte noch einmal gucken, wo sie als Kind die erste Kreuzfahrt ihres Lebens gemacht hatte.“ Als es ihr gesundheitlich nicht mehr so gut ging, übergab sie den Schriftverkehr mit dem Arbeitskreis ihrem Bruder.

Die Ruthof/Ersekcsanad wurde fürs Maifest fein gemacht. Foto: Wanner
Die Ruthof/Ersekcsanad wurde fürs Maifest fein gemacht. Foto: Wanner

Dessen Leben hatte sich bis dahin, wie bei den meisten Menschen, aus Zufällen entwickelt. Als sein Vater, der Partikulier Hans Dries, 1965 starb, war Hansjörg fast 16 und gerade mit der Schule fertig. „Mein Schwager war selbstständiger Installateurmeister. Der sagte: Kommst zu mir.“ Die Arbeit eines selbstständigen Handwerksmeisters, der täglich auf den Baustellen war, gibt wenig Gelegenheit, eigene Hobbys zu entwickeln. Glücklicherweise fiel Hansjörg Dries in der Rente das „Erbe“ seiner Schwester Rosemarie vor die Füße. „Ich wusste, da müssen noch irgendwo Fotos sein von dieser Überführung der Mainz. Es war dann klassisch: Ich fand sie in einer Zigarrenschachtel meines Vaters, 80 Stück.“

Mit diesen Fotos im Gepäck schneite dann Hansjörg Dries bei Rainer Ehm auf dem Museumsschiff Ruthof vorbei. Ehm erinnert sich an das Material: „Es waren Szenen aus dem alten Ludwigskanal. Man sieht, das Schiff hat gerade so durchgepasst.“ Für den Regensburger Historiker stellt die Geschichte der Mainz eine kleine Sensation dar. „Es wurden zwar einige Schiffe im Krieg über den alten Kanal in die Donau überführt, aber , dass eines zurückkam, das ist wirklich ungewöhnlich. Ich wüsste kein zweites.“ Die Mainz fuhr in Kriegszeiten über Regensburg, Kelheim und Bamberg zurück an den Rhein und passierte dabei das erste Joch der Steinernen Brücke.

An die Tradition angeknüpft

Die Freudenau wird gerade im Westhafen generalüberholt. Als Arbeiter mit dabei: Hansjörg Dries. Foto: Wanner
Die Freudenau wird gerade im Westhafen generalüberholt. Als Arbeiter mit dabei: Hansjörg Dries. Foto: Wanner

In Regensburg konnte so der Handwerker Dries wieder an seine Familiengeschichte anknüpfen. Ur-Großvater, Großvater und Vater waren Schiffer. Die letzten beiden waren sogar Schiffseigener. Als Partikuliere befuhren sie die Main-Strecke. Das Schiff seines Vaters, das 1955/1956 in der Ruthof-Werft in Mainz-Kastel gebaut wurde, ließ sein Vater auf den Namen seines Stammhalters taufen. So leistete die Hansjörg als Bugsierschlepper mit einem 225 PS starken Mercedes-Schiffsdiesel mit 1500 Umdrehungen, einem sogenannten Schnellläufer, Hafendienst in Wiesbaden. Mit dem Vater starb 1965 auch diese Familientradition.

Heute genießt Hansjörg Dries seine regelmäßigen Fluchten nach Regensburg. Dort kann man jede Hand gebrauchen. Denn die Freudenau wird im Westhafen saniert. Dries schläft die nächsten Tage in der Kabine des ehemaligen Maschinenwärters. Er versorgt sich selbst. Nachts liegt er direkt über dem rechten Schaufelrad der Ruthof und hört die Donau rauschen.

Der alte Kanal

  • Wasserstraße:

    Der Ludwig-Donau-Main-Kanal war im 19. und 20. Jahrhundert eine 172,4 km lange Wasserstraße zwischen der Donau bei Kelheim und dem Main bei Bamberg.

  • Ende:

    100 Schleusen, teilweise in den Flüssen Altmühl und Regnitz, bewältigten insgesamt einen Höhenunterschied von 264 Metern (80 m Aufstieg von der Donau und 184 m Abstieg zum Main). Der Kanal wurde 1950 aufgelassen.

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