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Regensburg
Mittwoch, 18. Juli 2018 29° 6

Porträt

Die Marathon-Frau des Kabaretts

Inge Faes-Wagner ist Gesicht und Seele des Regensburger Statt-Theaters und läuft mit Leidenschaft extrem lange Strecken.
Von Helmut Hein

  • Inge Faes im Statt-Theater in der Winklergasse in Regensburg Foto: altrofoto.de
  • Einfach mal abtauchen: Ein Kinderfoto aus der glücklichen 50er-Jahre-Kindheit von Inge Faes-Wagner (rechts) in der Münchner Vorstadt. Fotos: Julia Ostermeier/Klaus Kurz/privat/altrofoto.de

Regensburg.Eines kann man Inge Faes-Wagner sicher nicht absprechen: Vielseitigkeit. Bevor ihr „richtiges“ Leben überhaupt begann, hatte sie sich schon, wie man heute sagt, breit aufgestellt: mit einem abgeschlossenen Diplomsozialpädagogik-Studium, als Bürokauffrau mit IHK-Abschluss und, weil sie schließlich ein sozialwissenschaftliches Gymnasium besuchte, als Schwesternhelferin. Seit vierzig Jahren lebt und arbeitet Inge Faes-Wagner mittlerweile in Regensburg. Sie ist gewissermaßen Urgestein, gehört zu den gar nicht so vielen Leuten, die dem kulturellen Leben in der Stadt ein festes, dauerhaftes Fundament geben.

Dabei war das mit Inge Faes-Wagner und Regensburg alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Geboren wurde sie 1956 in München. Sie ist also Großstädterin. Regensburg hielt sie damals für Provinz – mit einem gewissen Recht. Denn das neue, urbane und sehr junge Regensburg ist erst ein Produkt der letzten Jahrzehnte. Inge Faes-Wagner: „Die Studienplatzvergabe verschlug mich nach Regensburg – zu meinem großen Entsetzen. Ich kannte diese Stadt nicht und war auch nicht weiter neugierig auf sie.“ Diese Stadt: Das klingt nach solider Verachtung. So, wie man sagt: dieser Herr, wenn man jemanden überhaupt nicht ausstehen kann.

Wenn man nah an der Verzweiflung ist, redet man sich die Situation schön. Inge Faes: „Einen Wechsel des Wohnorts hielt ich für durchaus spannend.“ Fügt aber gleich hinzu: „Ich wollte aber nicht lange bleiben.“ Das war 1978. Seither lebt sie in Regensburg. Sehr gern, wie man annehmen muss. Und sie arbeitete – auch das ist typisch für sie – Stück für Stück an ihrer Karriere, zunächst, wie das oft so ist, noch unbewusst: „An der Uni suchte und fand ich rasch den Kontakt zum offenen Theater.“ Das ist eine erste Adresse, wie der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Inge Faes-Wagner, Jahrgang 1956, glänzt durch Wortwitz, Bühnenpräsenz und Kreativität. Seit einigen Jahren schreibt sie viele ihrer Texte auch selbst.
Inge Faes-Wagner, Jahrgang 1956, glänzt durch Wortwitz, Bühnenpräsenz und Kreativität. Seit einigen Jahren schreibt sie viele ihrer Texte auch selbst.

Wie muss man sich das vorstellen, die Regensburger Off-Szene Ende der 1970er Jahre? „Zuerst war ich Kassenfräulein.“ Bald aber kamen, wie sie das nennt, „sprechende Rollen“ hinzu, unter anderem in „Kinder, Küche, Kirche“. Dario Fo – das ist ja fast schon Kabarett. Sie muss in ihren Rollen sehr überzeugend gewesen sein, denn in rascher Folge passierten zwei Dinge, die für sie sehr wichtig werden sollten. Zunächst engagierte sie Wolfgang Sowa, damals unbestritten ein Szene-Schwergewicht, für seine Theater Compagnie. „Dort“, sagt sie, „lernte ich Eberhard Geyer kennen.“ Dazu muss man wissen, dass dieser Eberhard Geyer auch und vor allem der Pianist des Kabaretts Statt-Theater war. Inge Faes knochentrocken: „Diese Gruppe hatte sich zu dem Zeitpunkt fast aufgelöst und suchte noch eine Frau, die gerne mal singen würde. Voilà, da war ich.“ Mit der Kleinkunst ging es ihr wie zuvor mit Regensburg: „Auch ihr wollte ich nicht lange treu bleiben.“ Schließlich wollte sie ans große, „richtige“ Theater. Wie es weiterging, ist bekannt: „Ich blieb – bis heute.“

Langjähriges Ensemblemitglied und Mädchen für alles

Seit 1983, seit dem fünften Programm, ist Inge Faes Ensemblemitglied des Kabaretts Statt-Theater. Und ein Jahr darauf, im Dezember, gründete sie zusammen mit Hanne Asch und Wolfgang Maier die Kleinkunstbühne in einem verwunschenen Keller, altstadtnah. Wer heute dort zur Mittagszeit anruft, hat gute Chancen, dass Inge Faes selbst am Apparat ist. Sie ist dort stellvertretende Geschäftsführerin. Was aber auch heißt: Mädchen für alles. Anders ginge es gar nicht. Das Kabarett hatte vor der Jahrtausendwende seine große Zeit. Seitdem ist viel passiert. Das Publikum ist, kohortenmäßig, mitgealtert und naturgemäß ein wenig abgebröckelt, die Heroen der großen Hildebrandt-Ära sind tot oder a. D., selbst Peter Nikisch, der unermüdliche Textlieferant des Statt-Theaters, hat sich von der Bühne zurückgezogen und schreibt nur noch. Zahlreiche andere Medien, auch das scheinbar benachbarte Medium „Comedy“, machen einem Konkurrenz. Nur eine, so scheint es, ist unermüdlich: Inge Faes-Wagner.

Inge Faes-Wagner: die Frau für alle Fälle im Regensburger Statt-Theater. Auf dem Bild ist sie mit Peter Nikisch (links), Rainer Hasinger (oben) und Eberhard Geyer auf der Bühne in Aktion zu sehen.
Inge Faes-Wagner: die Frau für alle Fälle im Regensburger Statt-Theater. Auf dem Bild ist sie mit Peter Nikisch (links), Rainer Hasinger (oben) und Eberhard Geyer auf der Bühne in Aktion zu sehen.

Dabei hatte auch sie es in den letzten Jahren nicht immer leicht. Im Frühjahr 2012 starb Jürgen Wagner, keine Teenager-Liebe, aber ihr Traummann, den sie mit Ende 30 kennengelernt und mit Anfang 40 geheiratet hatte, urplötzlich, wie aus heiterem Himmel, an einem Herzinfarkt. Das war wie ein Schock. Und noch jetzt, mehr als sechs Jahre später, muss sie weinen, wenn sie von Jürgen Wagner, ihrer Liebe und seinem Tod spricht. Was ihr peinlich ist. Obwohl es doch alles andere als peinlich ist. Jeder Mann würde sich vermutlich wünschen, dass seine Frau so sehr, über den Tod hinaus, an ihm festhält. Vor allem, weil ihre Trauer ja nicht zu Resignation führte. „Ich lebe trotzdem sehr gerne“, sagt sie, „und ich habe mich in meinem jetzigen Leben gut eingerichtet.“ Und dann führt sie das noch näher aus: „Es haben sich neue Situationen ergeben, die ich sehr genießen und wertschätzen kann. Türen haben sich für mich geöffnet, durch die ich vorher nicht gegangen wäre. Ich habe vieles entdeckt, was mir neue Perspektiven eröffnet.“ Davon später noch mehr.

„Für mich haben sich immer Türen geöffnet, durch die ich vorher nicht gegangen wäre.“

Inge Faes-Wagner

„Nicht zuletzt bin ich mir meiner eigenen Stärke bewusst geworden.“ Sie hat zum Beispiel, nachdem sie so viele Jahre lang die Texte anderer verkörpert hatte, damit angefangen, eigene Texte zu schreiben. Auch daran war ein wenig Jürgen Wagner schuld, mit dem zusammen sie in seinen letzten Jahren abseits des „großen“ Ensembles Duo-Programme erarbeitete: „Paarlauf“ oder „Zwischen Stützstrumpf und Stiletto“. Jürgen Wagner war, wie sie, eine vielseitige Szene-Größe, sein Antiquariat so etwas wie ein alternatives Kulturzentrum. Seine Leidenschaft gehörte, neben seiner Frau natürlich, schönen alten Büchern – und der Rockmusik.

Die Marathonläuferin gibt ihr Wissen gerne an andere weiter

Wie sieht sie heute, nach mehr als drei Jahrzehnten, das Kabarett? „Wir wollen intelligente Unterhaltung bieten.“ Postpubertärer Übermut ist ihr fremd: „Wir werden die Welt nicht aus den Angeln heben und das Rad nicht neu erfinden.“ Aber, meint sie auch, ein wenig Aufklärung könne nicht schaden. An die große Bühne, in diesem Fall des Turmtheaters, ist sie nach so vielen Jahrzehnten auch zurückgekehrt. Das kam so: Der junge – 22 Jahre jünger als sie – Tobias Ostermeier ist eines der neuen Gesichter des runderneuerten Statt-Theater-Kabaretts. Und er ist Regisseur. Beim Brainstorming kamen sie auf die Idee, einen der Kultfilme der 70er Jahre, „Harold und Maude“, auf die Bühne zu bringen. Mit Tobi Ostermeier als Regisseur und ihr als Maude. Ist sie dafür nicht noch ein bisschen zu jung? „Schminke hilft“, sagt sie und dass es ein großer Erfolg und außerdem ein großer Spaß für sie war. Die rebellische Maude, die unwürdige Greisin, wie Brecht das genannt hätte. Ist sie eigentlich Feministin? Sie antwortet so, wie auch Maud hätte antworten können: „Frauenrechte – na klar. Aber ich werde keine Sternchen malen.“ Also die Sprache verhunzen, nur damit sie gendergerecht wird. Wer von der vielseitigen Inge Faes-Wagner spricht, darf eines nicht verschweigen: Sie ist eine Marathon-Frau. Sie läuft gern und weit und lang. Und durchaus auch schnell: Ihre Bestzeit liegt bei 4:22 Stunden. Das ist mehr als nur beachtlich. Sieben Marathons hat sie schon auf dem Buckel – oder vielleicht besser: in den Beinen. Und sie hat sich außerdem zur Marathon-Lehrerin ausbilden lassen. Hilft anderen auf die Sprünge. Was sie ohnehin gut kann. Das Schlusswort, das Resümee ihres Lebens, bekomme ich ein paar Tage nach unserem Gespräch per Post: „Ich bin ein glücklicher Mensch.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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