MyMz
Anzeige

Menschen

Dieser Mann hat 60 000 Bücher im Kreuz

Arnulf Meifert baut in der ehemaligen Hohengebrachinger Sommerfrische der Benediktinermönche eine gewaltige Bibliothek auf.
Von Helmut Wanner

  • Arnulf Meifert am roten Gartentor: Der Universalgelehrte lebt seit 1987 in Hohengebraching. Foto: Wanner
  • Meifert liebt Brus, Cioran, Herzmanovsky-Orlando, Jean Paul und Robert Walser.

Regensburg.Arnulf Meifert lebt eine Krypto-Existenz. „Mich gibt’s nicht“, sagt er. „In Pentling, wo ich wohne, schon gar nicht.“ In New York, Istanbul, Prag, Paris, Wien, Rom, London und Amsterdam kennt man Meifert wohl – als Schauspieler, Verleger, Essayist, Autor, Musiker und wissenschaftlichen Bibliothekar.

Ab und zu fallen die Sterne dieser Metropolen bei ihm wieder in den Garten. Nach Tagen in seinem „Trivialeum“, seiner Welt-Bibliothek, schreiben sie Briefe der Bewunderung. Diesen hob er sich auf. Der Frankfurter Soziologe und Pädagoge Hans-Jürgen Döpp schreibt: „Herr Meifert, Sie sind ein bibliomaner Enzyklopädist, ein Sammler in dritter Potenz, ein Bewahrer des Weltwissens, der sich dem drohenden Untergang der Kultur entgegenstemmt. Herkulisch!“ Damit ist über Arnulf Meifert schon alles gesagt.

Arnulf Meifert posiert vor einer Steinskulptur. Foto: Wanner
Arnulf Meifert posiert vor einer Steinskulptur. Foto: Wanner

Meifert lebt sein verborgenes Leben hinter hohen alten Mauern in der ehemaligen Sommerresidenz der Emmeramer Mönche. Die schätzten die bewaldete Anhöhe von Hohengebraching wegen der guten Sicht und der guten Luft. Pater Anselmus hat über der roten Gartentüre sein Wappen hinterlassen. Dort, meint er, sei ein guter Platz zum Fotografieren. Unterm Nussbaum haben sich im Gras die sieben Todsünden eingegraben – die Steinskulpturen eines Künstlerfreundes zeigen die dunkle Seite des Menschen. Auf einer der gepflasterten Terrassen residiert der heitere Gartengott. Am Kompost spricht der Pferdekopf einen wie Hamlet an: „Fallada, da du hangest.“ Und Paris steht bei den drei nackten Nymphen und kann sich nicht entscheiden – er schaut weg.

„Dem Freund der Elfen“

Meifert sieht sich als weltlicher Nachfahr des Cölestin Steiglehner, der nächstes Jahr seinen 200. Todestag feiert. Zum Geburtstag schenkt ihm seine Frau eine Cölestin-Gedenkmedaille. Der Emmeramer Mönch war ein Sammler und Forscher wie er. Meifert arbeitete nie zielgerichtet an einer Karriere, er arbeitet an seinem inneren Menschen. Er fährt kein Auto, aber er jagt die Bücher. Über 60 000 Bände hat er gesammelt – von Kindesbeinen an. Darunter ein von Sophie, Prinzessin von Sachsen-Weimar-Eisenach persönlich gebundenes und gewidmetes Buch. „Dem Freund der Elfen“, schrieb sie aufs Vorsatzblatt. „Sie hat mich in der Bibliothek des Altonaer Museums symbolisch zum Herzog geschlagen“.

Arnulf Meifert zeigt auf seine beiden Bände über Robert Kraft (1869 bis 1916) Foto: Wanner
Arnulf Meifert zeigt auf seine beiden Bände über Robert Kraft (1869 bis 1916) Foto: Wanner

Sein Vorbild ist Egon Friedell (1878 bis 1938). Jeder dachte, der sei ein fauler Hund. Der machte mal dies, mal das – mal schrieb er, mal spielte er Theater. Der Wiener Universalgelehrte arbeitete vom Kanapee aus, mit einer gewaltigen Bibliothek im Kreuz. Er las unentwegt, destillierte sein Wissen und schrieb hochprozentige Bücher wie „Die Kulturgeschichte der Neuzeit“. Von dem Erlös konnte er sich in Kufstein eine Villa bauen.

Eine Bibliothek ist ein Gebäude, im Internet findest du nur Zement, Nägel, Bausteine und Balken wirr durcheinander.“

Arnulf Meifert

Vom Denken kann in Zeiten des Internets keiner mehr reich werden. Meifert verabscheut das Weltweite Netz. „Eine Bibliothek ist ein Gebäude, im Internet findest du nur Zement, Nägel, Bausteine und Balken wirr durcheinander.“

Das einstige Sommerschloss der Emmeramer liegt am Kirchplatz von Hohengebraching hinter hohen Mauern. Foto: Wanner
Das einstige Sommerschloss der Emmeramer liegt am Kirchplatz von Hohengebraching hinter hohen Mauern. Foto: Wanner

Versuche von Journalisten, in sein Leben einzudringen, hat Meifert bis dato erfolgreich abgewehrt. Der Autor dieser Zeilen musste insgesamt 15 Jahre auf der Linie 16 Richtung Regensburg fahren, die seine Mutter Anna Meifert (1907 bis 2002) und ihr Sohn benutzten, bis er sich bekannt machen konnte und weitere 15 Jahre, bis er schließlich Entree erhielt. Und dann kam der besondere Tag. Arnulf Meifert wird 75. Am Dienstag feiert er Geburtstag, Und er nutzt die Gelegenheit, in seinem Leben aufzuräumen.

Er liest, bis ihm die Augen zufallen

Im Treppenaufgang des Emmeramer Sommerschlosses stapelt sich die Literatur. Foto: Wanner
Im Treppenaufgang des Emmeramer Sommerschlosses stapelt sich die Literatur. Foto: Wanner

Montag, 9.20 Uhr, Kirchplatz 6, Hohengebraching, ein Termin der Kategorie „einzigartig“. Ein Hörnchen erscheint in der Oberlichte und fragt mit hoher Stimme: „Hast du Nüsschen mitgebracht?“ Bevor sich der Mensch zeigt, zeigt sich der Schauspieler mit der Handpuppe. 30 Jahre wohnt das Hörnchen nun wieder nahe an seinen Wurzeln. Arnulf Meiferts Onkel war der ADAC-Präsident Franz Stadler (1903 bis 2000) aus Untermassing, Weillohe. Er selbst ist als Sohn Dr. Walther Meiferts, Obersyndikus der Ruhrkohle, am 26. Juni 1943 in Berlin geboren, aber bereits nach vier Wochen vor den Bomben nach Untermassing aufs Gut der Großeltern geflohen. Der Vater verstarb an den Folgen des Krieges, was die Mutter mit drei Kindern in große Bedürftigkeit fallen ließ. Die Anna Meifert überlebte ihren Mann um 50 Jahre. Wenn sie ausging, trug sie ellbogenlange weiße Handschuhe. So bestieg sie den vordersten Sitz des Busses nach Regensburg. Taxifahrer nannten sie „die Gräfin“. Seit 16 Jahren steht ihr schlanker Grabstein unter dem Nussbaum im Garten. Arnulf Meifert hat das Grab am Hohengebrachinger Friedhof aufgelöst. Hier passe sie auch viel besser her, meint Meifert. „Liebe ist stärker als der Tod,“ steht auf dem Stein.

Um die Mutter nicht alleine zu lassen im letzten Lebensabschnitt, zog Arnulf Meifert im Herbst 1987 nach Hohengebraching. In Hamburg hatte er sich unter gehörig plattdeutschem Angebot die ideale Bayerin herausgefischt, Franziska – ein Münchner Kindl mit Tiroler Wurzeln, sechsfache Urenkelin des Wiguläus von Kreittmayr, Staatskanzler und Gestalter des Bayerischen Rechts im 18. Jahrhundert. Die studierte Pädagogin und Soziologin zog mit. Sie ist seine Lektorin und Korrektorin, hat 1000 Seiten Aufsätze und Bücherrezensionen verfasst und kann auch backen: Käsekuchen mit Aprikose steht bereit.

Der versüßt den Gang durchs Trivialeum. „Das kommt nicht von trivial, sondern von drei Wegen. Die Welt ist bekanntlich nicht schwarz und weiß. Es gibt Zwischentöne.“ Die Welt, wie sie in Wahrheit ist, will Arnulf Meifert in seiner Bibliothek abbilden. Die Bücher stapeln sich am Rand der Eichentreppen bis in den zweiten Stock, stehen in Sechserreihen in den deckenhohen Regalen und müssen trotzdem auf den Schiffsplanken Inseln bilden. Bücher strömen nach Hohengebraching. Arnulf Meifert schläft mit ihnen – in einer Nische seines Trivialeums steht ein Doppelbett. Die linke Hälfte des Bettes ist gemacht. Auf der rechten Seite türmen sich die Bücher in mehreren Stapeln. Er liest, bis ihm die Augen zufallen.

Arnulf Meifert war Gründungsmitglied der Krautrockband Faust. Foto: Meifert
Arnulf Meifert war Gründungsmitglied der Krautrockband Faust. Foto: Meifert

Das ist Arbeit. Aus dem Erlesenen baut er sich sein didaktisches humoristisches Programm. Stundenlang hat er im Heuhaufen der Mikrogramme von Robert Walser gesucht bis er die Kostbarkeiten „über die Lärche“ oder „über den Kuckuck“ entdeckte, in denen Walser sein Bekenntnis zu den Frauen und zum Schreiben formuliert. Da finden sich herrliche Anfänge wie: „In meinem Herzen in ein noch von keinem Kolumbus entdecktes Amerika schauend…“

Kreuz und quer verlaufende Lebenslinien

Meifert ging nicht auf ausgetretenen Pfaden ins Leben. Seine Lebenslinien verliefen kreuz und quer. „Wessen man bedarf, entfaltet sich von selbst“: Er studierte Literaturwissenschaft, Volkskunde und Theaterwissenschaft an der LMU München. Ab 1967 nahm er Schauspielunterricht bei Hanna Burgwitz. 11 Jahre lang war er in allen Jazzstilen unterwegs, ebenso mit Pop und Soul. In den späten 50er Jahren hatte er sich selbst das Schlagzeugspielen beigebracht. Am Residenztheater München begleitete er mehrfach die Bühnenhandlung, u. a. bei „Die Wände“ von Jean Genet.

Die Welt, die Muse und der Dichter: Arnulf Meifert bei einer seiner Lesungen
Die Welt, die Muse und der Dichter: Arnulf Meifert bei einer seiner Lesungen

„Der Regisseur ließ mich auf leere Ölfässer einschlagen.“ Bei seiner Schauspielprüfung erkannte ihn die Jurorin Gabi Dohm („Schwarzwaldklinik“) wieder. „Ach, der Schlagzeuger wird jetzt Schauspieler?!“ Ja: Hans Lietzau nahm ihn gleich mit ans Schauspielhaus Hamburg als Regieassistent und Schauspieler. Nach der baldigen Auflösung des Schauspielhauses gehörte Meifert zu den Gründungsmitgliedern der Krautrockband Faust. „Ich musste die Band allerdings 1970 schon wieder verlassen.“ Darauf folgte ein weiteres Studium an der FH für Bibliothekswesen. Meifert leitete bis 1987 die Bibliothek des Altonaer Museums.

Seitenkapelle in der Kathedrale des Geistes

Arnulf Meifert hatte versucht, die Kultur in Hohengebraching zu etablieren. Jetzt hat er seine Aktivitäten wieder mehr nach außerhalb verlagert, nach Regensburg und in die neuen Bundesländer. Etwa nach Leipzig zu den Symposien über Robert Kraft. Über den Schriftsteller hat Meifert gerade ein Buch herausgebracht: „Robert Kraft – Avanturier und Selbstsucher. Eine Annäherung.“ Der Vertreter des Kolportageromans war ein Mann nach dem Herzen Meiferts. „Mit 10 Jahren Suizidversuch, mit 13 schiffbrüchig. Vom Schreiben und von der Recherche her besser als Karl May, aber vergessen. Ein Phantast am Fließband.“ Diesem literarischen Straßenköter Robert Kraft wollte der Mann aus der Emmeramer Sommerfrische in der Kathedrale des Geistes eine Seitenkapelle errichtet. „Aus einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden heraus. Am 5. Juli, 20 Uhr, liest Arnulf Meifert im Literatur-Café, Spiegelgasse 8, aus den Werken Krafts. Titel: „Die Augen der Sphinx.“

Entdeckt: die Kraftbücher

Weitere Nachrichten und Berichte aus Regensburg lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht