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Glaube

Dieser Mann ist Vater und Priester

Aus Sehnsucht zur katholischen Kirche ist Hartmut Constien konvertiert: Nun wird er in Regensburg zum Priester geweiht.
Von Helmut Wanner

Hartmut Constien Foto: Bistum
Hartmut Constien Foto: Bistum

Regensburg.Am 30. Juni werden im Dom sieben Diakone zum Priester geweiht. Einer ist nicht dabei: Hartmut Constien. Ihn weiht der Bischof exklusiv in St. Jakob. MZ-Autor Helmut Wanner hat den Diakon im Vorfeld interviewt.

Stellen Sie sich bitte kurz vor: Wo kommen Sie her, in welchem Umfeld sind Sie aufgewachsen, wo waren Sie Pfarrer?


Ich wurde in Bremen geboren, wuchs dort auf und habe mein Abitur gemacht. Ich war Glied der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, wurde dort als Kind getauft und später konfirmiert. Nach der Schulzeit habe ich evangelische Theologie studiert und wurde Pfarrer einer lutherischen Gemeinde in der Nähe von Gießen. Neben der Pfarrei war ich nebenamtlich Jugendpfarrer.

Schildern Sie sich bitte als Mensch.


Ich versuche mal so zu antworten: Ja, ich bin ein kommunikativer Mensch. Ich mag Menschen, interessiere mich für ihre Anliegen und ihr Ergehen, ohne dabei aufdringlich zu sein. In meiner Freizeit fahre ich im Winter Ski – als junger Mann war ich mal Vereins-Skilehrer –, im Sommer wandere ich gerne. Ich höre klassische Musik und habe früher, wie sich das für einen Lutheraner gehört, in einem Posaunenchor Trompete gespielt. Ansonsten lese ich gerne.

Was ist da 2014 passiert, dass es ihr Leben so verändert hat – oder war das ein langsamer Übergang? Schildern Sie bitte diesen Prozess.


Zu dem Entschluss, dass ich in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen werden möchte, führte mich ein recht langer Weg des Nachdenkens und Studiums der Theologie. Als ich evangelischer Pfarrer wurde, stellte sich mir immer mehr die Frage nach meinem eigenen kirchlichen Standort. Das führte letztlich dazu, dass mir immer mehr klar wurde, dass mein persönlicher Glaube und meine Art, den Glauben zu leben, katholisch ist. Da war es dann eine Gewissensentscheidung, zu sagen: So kann ich nicht länger evangelischer Pastor sein.

„Wenn die Leute weniger an ihren Vorurteilen hängen würden, dann würden sie entdecken, dass es in der Kirche ums pralle Leben geht.“

Hartmut Constien, Diakon

Wie sind Frau und Kinder da mitgegangen?


Es war, Gott sei Dank, keine einsame Entscheidung von mir. Vielmehr war es ein gemeinsamer Weg, den meine Frau, die ebenfalls Theologin ist, und ich gegangen sind und den wir weiterhin gemeinsam gehen. Wir haben viel miteinander gesprochen, haben uns mit der katholischen Lehre auseinandergesetzt, um den Glauben der Kirche besser zu verstehen, haben uns Hilfe gesucht bei Freunden und Seelsorgern und nicht zuletzt auch Klarheit im Gebet gefunden, sodass wir 2014 in Regensburg gemeinsam konvertiert sind. Was meine Kinder betrifft: Mein ältester Sohn war damals 6 Jahre alt. Wir hatten die Kinder ohnehin schon vor der Konversion in einem Geist erzogen, der in der katholischen Tradition wurzelte. Wir haben mit ihnen abends etwa das „Gegrüßet seist du Maria“ gebetet und sind im Urlaub nur in eine katholische Messe gegangen. Ich glaube, für sie war das – abgesehen vom Umzug von Hessen nach Bayern – gar kein so harter Bruch.

Zur Person

  • Konversion:

    Hartmut Constien konvertierte 2014 mit seiner Frau und seinen Kindern. Der 43-Jährige studierte zunächst evangelische Theologie, wurde 2006 in den Dienst der evangelischen Kirche aufgenommen und war als Pfarrer tätig. Irgendwann fiel die gemeinsame Entscheidung Constiens und seiner Ehefrau, katholisch zu werden.

  • Priester:

    Bischof Rudolf war bereit, den Weg zum Priestertum gemeinsam mit Hartmut Constien und seiner Familie zu gehen. Seit 2014 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Papst Benedikt XVI. in Regensburg. Zugleich studierte er katholische Theologie im österreichischen Heiligenkreuz. Das Praktikum absolvierte er in Reinhausen und Sallern. Die Priesterweihe findet am 6. Juli in der Schottenkirche statt. Seine Primiz feiert Hartmut Constien am 8. Juli um 10.30 Uhr in St. Josef Reinhausen.

Das Herz spricht zum Herzen: Hat ihr Primizspruch etwas mit diesem inneren Weg zu tun? Inwiefern sind Henry Newman und Franz von Sales Vorbilder?


Wie ich schon gesagt habe, waren es die Gespräche mit meiner Frau, mit Freunden und vor allem das Gespräch mit Gott, die schließlich zu der Sehnsucht nach der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche geführt haben. Das hat viel mit dem Herzen zu tun. Vor allem aber ist es das Herz Gottes, das sich uns im Glauben öffnet und unser Leben prägt. Das hat der Sel. John Henry Newman ganz ähnlich erlebt, als er 1845 seine Professur als anglikanischer Theologe aufgab und katholisch wurde. Und da ich an einem Herz-Jesu-Freitag zum Priester geweiht werde, habe ich mir auch den Wappenspruch des Sel. John Henry Newman als Primizspruch ausgewählt.

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Was ist Wahrheit?


Die Frage nach der Wahrheit ist ja zutiefst philosophisch. Wahrheit ist nicht irgendein abstraktes Konstrukt, eine Theorie, die wir uns drehen und wenden können, wie wir es gerade brauchen. Sondern wir begegnen der Wahrheit als glaubende Menschen in Jesus Christus, der von sich sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). So wird auch verständlich, warum Joseph Ratzinger den Wappenspruch „cooperatores veritatis“ – Mitarbeiter der Wahrheit, gewählt hat. Die Wahrheit ist nämlich keine Sache, sondern ein „Du“, sagt Ratzinger einmal. Die Wahrheit ist Gott. Darum soll auch niemand von sich behaupten: Ich besitze die Wahrheit, denn Gott besitzen wir nicht. Sondern wir sollen ihn als Menschen erkennen und lieben. Vor diese Aufgabe sind wir als Christen immer gestellt, so werden wir Mitarbeiter Gottes. Gott wirkt allerdings in der Kirche. Sie ist der Ort, wo wir ihn finden können.

Wenn ein säkularer Mensch Sie fragt, wie kann ein Mann aus einer liberalen Kirche in eine Konfession wechseln, die von einem derart düsteren Dogmatismus geprägt ist und von Missbrauchsfällen erschüttert wird, was sagen Sie dem?


Ich erlebe Kirche jeden Tag, evangelische und katholische. Aber ich erlebe sie völlig anders. Kategorien wie liberal und konservativ stammen aus der Politik; sie haben in der Kirche nichts zu suchen. Ich erlebe gerade die katholische Kirche in ihrer Fülle als sinnlich, vielfältig und fröhlich. Wenn die Leute weniger an ihren Vorurteilen hängen würden, sondern den Glauben in ihr Leben hineinließen, dann würden sie entdecken, dass es in der Kirche ums pralle Leben geht. Die Regeln und die Lehre der Kirche sollen die Menschen ja nicht gängeln; sondern es sind Hilfsangebote zu einem gelingenden Leben aus dem Glauben. Um hier ein Beispiel zu nennen: Jeder Katholik soll eigentlich am Sonntag eine Messe besuchen, das nennt man Sonntagspflicht. Das Wort, finde ich, ist nicht gut. Pflicht erinnert an etwas Lästiges, was wir irgendwie hinter uns bringen müssen. Aber worum es eigentlich geht, das finde ich gut. Die Kirche fordert den Katholiken auf, dass er am Tag des Herrn in die Messe geht, um sich in seinem Glauben stärken zu lassen. Hier finden wir, ich sagte es bereits, Gott. Darum lädt die Kirche uns ein, den Sonntag zu einem Festtag zu machen, indem wir Gott begegnen und uns für Familie und Freunde Zeit nehmen.

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Sie wollen den Glauben in der Gemeinde lebendig werden lassen und die Kirche sichtbar und erlebbar: Nennen Sie nur eine Tür, durch die Sie auf diesem Weg gehen wollen?


Da passt folgender Spruch ganz gut: „Wer nur alte Geschichten erzählt, darf sich nicht wundern, wenn ihn die Leute für einen Märchenonkel halten.“ In der Kirche werden sehr viele Geschichten erzählt, biblische und aus der Geschichte der Kirche. Das ist gut so. Ich möchte aber die Aussagen dieser Geschichten, nämlich das, was uns diese Geschichten über den Glauben und über Gott erzählen, in das Leben der Menschen hinein übersetzen. Denn der Glaube gehört mitten in unseren Alltag hinein. Wie bekommt der normale Mensch es hin, dass er jeden Tag einen Augenblick für Gott hat. Und zwar nicht nur als eine Lebenshilfe, sondern als eine Lebenshaltung, die über diese Welt hinausweist. Genau das meint Papst Franziskus mit seinem „an die Ränder gehen“.

Sie waren schon in St. Josef Reinhausen eingesetzt, wie kamen Sie dort an als „der Pfarrer, der Familie hat“?


Nach meiner Wahrnehmung war das nur ganz selten wirklich ein Thema. Im Bistum Regensburg gibt es ja nun schon seit den 1960er Jahren eine gewisse Tradition, dass verheiratete ehemalige evangelische Geistliche zu Priestern geweiht werden. Auch wenn die meisten Gläubigen einem verheirateten Priester nicht jeden Tag begegnen, so geht es doch hoffentlich weniger darum, ob ich verheiratet bin, sondern eher darum, ob ich den Menschen etwas zu sagen habe.

Wo wird ihr erster Einsatz als Pfarrer sein?


Es ist die Aufgabe des Bischofs, darüber zu entscheiden.

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