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Eine Knochentour nach oben

Pioniere des Abendgymnasiums: Dr. Peter Radtke und Rainer Pawelke, zwei berühmte Regensburger, begannen ihre Karriere 1964.
Von Helmut Wanner

Peter Radtke (rechts) und Rainer Pawelke waren 1968 die ersten Absolventen des Regensburger Abendgymnasiums, das Bürgermeister Dr. Elmar Schieder gegründet hatte. Foto: Ingo Pawelke

Regensburg.Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will. Die beiden Freigeister Rainer Pawelke und Dr. Peter Radtke würden es wohl anders ausdrücken als Albert Schweitzer. Peter Radtke meint aber dasselbe, wenn er sagt: „Ich bin schon ein bisschen stolz, wenn ich denke, ohne mich hätte Rainer Pawelke kein Abi und dann wäre auch die Traumfabrik nicht entstanden, weil man ja zum Studium der Sportpädagogik ein Abitur braucht.“ Aber dazu später.

Radtke (geboren 1943) und Pawelke (geboren 1947) haben überraschend viel gemeinsam. Erstens: Sie sind Flüchtlingskinder. Radtkes Vater, ein Theaterschauspieler, stammte aus Königsberg. Er sprach zu Horst Eberls aktiven Zeiten beim Jahn die Stadionwerbung zum Pausentee. Manchen Lesern ist die markante Stimme des Stadionsprechers noch in den Ohren: „Dann stoppe bei Schoppe.“ Pawelkes Eltern kamen aus Breslau. Nach dem Krieg schlugen sie sich mit einem Lesezirkel und einer Wäscherei durch, die „Repa“, in der Isarstraße. Die Wäscherei gibt’s noch.

Karriere und Krankheit verbinden

Rainer Pawelke, Gründer der Traumfabrik Foto: Nübler

Punkt 2: Peter Radtke und Rainer Pawelke erhielten zweimal den Kulturpreis der Stadt Regensburg. „Wir sind Karrierebrüder“, formuliert es Pawelke. Ihre absoluten „Peaks“: Radtke spielte im Burgtheater in Wien Kafkas „Ein Bericht über eine Akademie“; „Traumfabrik“-Erfinder Pawelke produzierte und führte Regie beim „Deutschen Tag“ mit der Traumfabrik auf der Expo in Sevilla, im Auftrag der Bundesrepublik und im Beisein des Bundespräsident Weizsäcker.

Punkt drei verbindet sie besonders jetzt im Alter. Beide sind schwer krank. Pawelke hat seit 18 Jahren, wie er es nennt „einen unangenehmen Begleiter an meiner Seite, Herr Parkinson, der ungefragt auftaucht“. Radtke lebte eine „Karriere mit 99 Brüchen“. Die Glasknochenkrankheit fesselt ihn sein Leben lang an den Rollstuhl.

Gegen Ende ihres Lebens, da Karrieregedanken nur noch in der Rückschau eine Rolle spielen, treffen sich die beiden im abgedunkelten Bungalow Radtkes zum Kaffee. Gertraud Lodermeier trägt ihn auf. Die Krankenschwester aus Oberndorf versorgt den berühmtesten Glasknochen-Kranken Deutschlands immer, wenn er sich vom umtriebigen München in die Natur zurückzieht. 6880 Quadratmeter groß ist das Grundstück am Mühlberg, Bad Abbach. Das meiste davon ist Mischwald, der Richtung Kelheim, Richtung B 16 zu, steil abfällt. Der Verkehrslärm umspült die Felsen. Nur ein kleines Magnolienbäumchen blüht hier. Es herrscht Abschiedsstimmung. Radtke verkauft. Zum 1. Januar 2019 wird er sein Abbacher Domizil aufgeben, nach mehr als 40 Jahren.

Man muss noch weiter als 40 Jahre zurückgehen, um diese Männerfreundschaft zu verstehen. Rainer Pawelke war 1964 mit der Olympiajugend nach Tokyo geflogen. Das Ticket bekam er, weil er damals schon der Jury vorzaubern konnte und Nietzsches „Unter Feinden“ vortrug. Das bringt er noch heute mit Emphase hin, trotz Krankheit: „Kenne dies aus hundert Gängen, schrei’s euch lachend ins Gesicht: Unnütz, unnütz, mich zu hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht!“

Dr. Peter Radtke 1991. Er war in verschiedenen Rollen auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen. Foto: dpa

Aus Tokyo brachte er zwar ein prallvolles Album mit, unter anderem mit einem Autogramm von Jesse Owens, vierfacher Goldmedaillengewinner von Berlin 1936. Aber das Englische, das er in der Realschule versäumt hatte, holte er nicht mehr nach. Er nahm Nachhilfestunden bei einem gewissen Peter Radtke. Der war nicht nur um vier Jahre älter, sondern auch an Weisheit und Wissen weit fortgeschritten. Er hatte eine Ausbildung als Dolmetscher, Übersetzer und Handelskorrespondent in Englisch, Französisch, Spanisch an der Privaten Fremdsprachenschule Pindl in der Tasche. Doch um Literaturwissenschaften studieren zu können, brauchte er das Abitur. Seine Nachhilfe fruchtete nicht: Pawelke fiel durch. Peter Radtke animierte seinen Schüler, doch mit ihm in das Abendgymnasium einzusteigen. Das hatte schon gestartet.

Die Zwei von der ersten Bank

Dr. Elmar Schieder gründete das Abendgymnasium Regensburg. Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation

Peter Radtke und Rainer Pawelke wurden Banknachbarn. Der Schulrebell kannte den Unterricht bislang nur aus der letzten Reihe. „Nun aber komme ich zur Türe rein. Kein Platz ist mehr frei außer in der ersten Reihe. Und dort sitzt Peter Radtke.“ Rainer Pawelke behauptet, vier Jahre illegal das Abendgymnasium besucht zu haben, ohne die Gewissheit zu haben, am Ende doch zum Abi zugelassen zu werden. Mit 17 Jahren war Pawelke der Jüngste, die Ältesten in der Klasse waren über 30, alle hatten sie einen Beruf. Rainer Pawelke hatte nichts abgeschlossen, wenn man davon absieht, dass er sein Geld als Reinigungsfachkraft im Geschäft seiner Eltern verdiente.

Sie saßen nicht nur in einer Bank, sie waren Gefährten, auch nach der Schule. Gemeinsam spielten sie Blitzschach. „Wer verlor, musste 5 Pfennig zahlen. Vom Ergebnis wollten wir uns eine neue Schachuhr für 38 Mark kaufen.“ Pawelke bezeichnet die vier Jahre an der Seite Radtkes als „der Hammer“. Die beiden Freunde erinnern sich an Schulfasching 1965. „Peter kam als Zwergerl mit roter Zipfelmütze und weißem Rauschebart. Damals hab ich mitbekommen, dass die Größe eines Menschen nicht von seinen Körpermaßen anhängt.“ 1968 haben die beiden Freunde extern das Abi gemacht. Sie waren Pioniere, sie waren Riesen: „Der erste Abitur-Jahrgang des Abendgymnasiums.“

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Das Abendgymnasium

  • Pionier:

    Bürgermeister Dr. Elmar Schieder war es, der im Jahr 1962 zusammen mit Professor Weigel und Professor Engert die Gesellschaft für Erwachsenenbildung ins Leben rief.

  • Dach:

    Die Gesellschaft für Erwachsenenbildung ist das Dach für die Akademie, das Abendgymnasium und die Abendrealschule. 1964 startete die erste Klasse des Abendgymnasiums beim Hallenbad an der Landshuterstraße. 1968 wurde das erste Abi geschrieben.

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