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Eine Superalge lässt Kenianer hoffen

Das Regensburger Projekt „Thriving green“ kann ein Meilenstein im Kampf gegen den Hunger sein. Die erste Zuchtanlage läuft.
Von Angelika Lukesch, MZ

  • Alexander Zacharuk erklärt am Rande des Zuchtbeckens die Vorgänge. Foto Thriving Green
  • Alexander Zacharuk erklärt am Rande des Zuchtbeckens die Vorgänge. Foto: Thriving Green

Regensburg.Der Biologiestudent Alexander Zacharuk und der Betriebswirtschaftsstudent Daniel Kotter entwickelten gemeinsam die Idee, mithilfe der Mikroalge Spirulina den Hunger und die Mangelernährung in der Region Turkana zu bekämpfen. Diese Region im Norden Kenias gehört mit einem Durchschnitts-Tageseinkommen von 1,66 Dollar und Temperaturen über 45 Grad im Schatten zu den ärmsten und heißesten Gebieten der Welt.

Gemeinsam schafften sie Hoffnung für Turkana: (von links) Larissa Florysiak, Alexander Zacharuk, Jens Eckberg, Alfred Seyee (kenianischer Spirulinaforscher), Joseph Ekoyan, Pater Avelino, Valimei Franco
Gemeinsam schafften sie Hoffnung für Turkana: (von links) Larissa Florysiak, Alexander Zacharuk, Jens Eckberg, Alfred Seyee (kenianischer Spirulinaforscher), Joseph Ekoyan, Pater Avelino, Valimei Franco

Die konstante Hitze und lang anhaltende Dürren machen konventionelle Landwirtschaft unmöglich. Das Wasser des Turkana-Sees ist wegen seines hohen Salzgehalts und des extremen pH-Wertes für Pflanzen und Nutztiere giftig. Klimawandel, Überfischung, Umweltverschmutzung und Sterben des Weideviehs verschärfen die Situation drastisch. Hunger und Unterernährung sind für hunderttausende von Menschen in Turkana beständige Begleiter. Besonders für die Kinder sind die Folgen dramatisch: eins von vier Kindern erreicht das fünfte Lebensjahr nicht.

Die Mikroalge schmeckt und sättigt

So sieht ein Spirulina-Zuchtbecken in Turkana/Kenia aus. Die Mikroalge wächst vorzüglich. Foto Thriving Green
So sieht ein Spirulina-Zuchtbecken in Turkana/Kenia aus. Die Mikroalge wächst vorzüglich. Foto Thriving Green

Die zwei Regensburger Studenten, die die Projektgruppe „Thriving green“ (unter dem Dach der studentischen Hilfsvereinigung Enactus) gegründet hatten, sahen in der Mikroalge Spirulina, einem „Superfood“, die Lösung für diese existenziellen Probleme. Die Mikroalge gehört zu den wenigen Lebensmitteln, die unter diesen extremen klimatischen Bedingungen angebaut werden können. „Spirulina ist eine Grünblau-Alge und stellt ein sehr sättigendes Lebensmittel dar mit einem beeindruckenden Nährstoffprofil: 65 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm und zahlreiche lebensnotwendige Vitamine und Spurenelemente.

Man kann die Alge leicht in Wasserbecken anbauen, nach zehn Tagen bereits ernten und dann zu Pulver oder einem Fladenbrot verarbeiten“, erklären Kotter und Zacharuk. Spirulina kann von den Einheimischen selbst angebaut und mit den traditionellen Speisen der Turkana gegessen werden. Die Stadt Regensburg stellte den Studenten im Vorfeld für die praktische Testphase ein Grundstück auf dem TechCampus zur Verfügung. Die Universität Regensburg steuerte Organisation und Labormöglichkeiten bei.

Spirulina eröffnet neue Zukunft

Mitte April reisten vier Projektmitglieder von Thriving Green nach Turkana in Kenia, in das Fischerdorf Nariokotome am Turkana-See. Pater Avelino, der Leiter der dortigen Mission und tatkräftiger Unterstützer des Thriving-Green-Projektes, empfing die Regensburger Studenten und brachte sie unter. Im Laufe der nächsten Wochen arbeiteten die Regensburger Studenten bis zur Erschöpfung. Vor Ort wurden drei Algen-Zuchtbecken aus Beton mit insgesamt 150 Quadratmetern Zuchtfläche errichtet. „Damit können jetzt 360 Menschen täglich mit frischem Spirulina versorgt werden“, sagt Kotter. Auch wurde ein einheimischer Spirulinabauer, Joseph Ekoyan, angelernt, der sich um die Zucht kümmert. Weitere Einheimische wollen ebenfalls Spirulinabauern werden. Ziel des Regensburger Projekts ist es, großflächig Spirulina zu züchten und Spirulinabauern in Arbeit zu setzen, um die Ernährungs- und Einkommenssituation in der Turkanaregion nachhaltig und drastisch zu verbessern.

Sehen Sie hier ein Video von der Einweihnung des Beckens:

Für die Regensburger Studenten war der Aufenthalt in Kenia sehr emotionsgeladen: „Die Reaktionen der Einheimischen waren überwältigend. Sie waren schier begeistert, als sie realisierten, dass hier in der Wüste tatsächlich etwas wächst. Und dann schmeckte es ihnen auch noch gut und die Kinder mögen es. Es hat mir wahrlich das Herz erwärmt zu sehen, wie viel Hoffnung es den Menschen schenkt“, sagt Alexander Zacharuk.

Für Larissa Florysiak war es schwer, die Not der Menschen zu sehen: „Es hat mir so leid getan, zu sehen, wie schlecht es den Menschen hier geht. Die Wüste ist voller Tierkadaver, die Fischer gehen mit leeren Netzen nach Hause und auf staatliche Hilfe ist kein Verlass. Wir werden jetzt alles daran setzen, das Projekt zu vergrößern, um möglichst vielen Menschen Zugang zu diesem Superfood zu gewähren.“

Hier sehen Sie, was Farm Manager Joseph über das Projekt sagt:

Auch Jens Eckberg war beim Einsatz in Kenia dabei. Für ihn ist die Hilfe zur Selbsthilfe das Wichtigste: „Qualitative Ernährung ist die Grundlage für die Entwicklung jeder Gesellschaft. Durch die grausamen Entwicklungsdefizite, die wir bei den Menschen vor Ort beobachten mussten, wird ihnen die Möglichkeit genommen, sich selbst eine bessere Welt zu schaffen. Mit Spirulina können wir ihnen eine neue Perspektive bieten. Dies ist die beste Art, nachhaltig zu helfen.“

Daniel Kotter zeigte sich vom Elend in Ostafrika sehr betroffen: „Die Armut der Menschen lässt sich zwar anhand des Tageseinkommens von 1,66 Dollar beschreiben, sie jedoch unmittelbar zu erfahren und zu sehen, was das für die Lebensumstände konkret bedeutet, war ein Schock. Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Einheimischen selbst Lebensmittel produzieren können, um sich unabhängiger von Entwicklungshilfe zu machen und zu lernen, sich als Gesellschaft selbst zu versorgen. Ohne das Vertrauen unserer Spender hätten wir diesen Einsatz nicht ermöglichen können. Wir danken allen Unterstützern recht herzlich und finden das Engagement der Regensburger für Kenia großartig!“

Über das Projekt

  • Die Alge:

    Mit dem Projekt „Thriving Green“ (unter dem Dach der studentischen Vereinigung Enactus) bekämpfen Regensburger Studenten den Hunger in Ostafrika. Sie errichteten dort Zuchtbecken für die Mikroalge Spirulina, einem nährstoffreichen Superfood, das die Einheimischen auch selbst anbauen. Spirulina hat einen sehr hohen Nährwert. Der Proteingehalt liegt bei 60 Prozent und umfasst alle essenziellen Aminosäuren. Der Energiegehalt beträgt etwa 290 kcal/100 g. Außerdem enthält die Mikroalge einen hohen Anteil an Vitaminen, insbesondere Vitamin B und E, die für die Funktion des Stoffwechsels unabdingbar sind.

  • Preis gewonnen:

    Das Projekt „Thriving Green“ erhielt den ersten Platz in der Kategorie Lifestyle bei den Green Tec Awards 2017. Es ist ein weltweit beachteter Preis für Nachhaltigkeit.

  • Spenden: Enactus Regensburg e.V., IBAN: DE72 7505 0000 0026 7328 75, BIC: BYLADEM1RGB, Verwendungszweck: Thriving Green

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