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Menschen

Er kennt alle Sünden der Stadt

Pfarrer Georg Zinnbauer sitzt seit 2002 täglich im Beichtstuhl der Karmelitenkirche. Was hat das aus dem Menschen gemacht?
Von Helmut Wanner

Kanonikus Georg Zinnbauer sperrt seinen Beichtstuhl in der Beichtkapelle der Karmelitenkirche St. Josef auf. Foto: Wanner
Kanonikus Georg Zinnbauer sperrt seinen Beichtstuhl in der Beichtkapelle der Karmelitenkirche St. Josef auf. Foto: Wanner

Regensburg. Im stillen, eingekehrten Leben des Georg Zinnbauer ist vor den Kartagen etwas Außergewöhnliches geschehen. Der Papst hat dem Regensburger Ruhestandsgeistlichen den seltenen Titel „Monsignore“ verliehen.

Georg Zinnbauer am Beichtstuhl  Foto: Wanner
Georg Zinnbauer am Beichtstuhl Foto: Wanner

Offiziell bekam der Kanoniker der Alten Kapelle die Auszeichnung wegen seiner eifrigen Seelsorgearbeit. Intern wurde ihm bedeutet, dass sein Einsatz im Beichtstuhl ausschlaggebend war. Der gilt als phänomenal. „Ich habe sie nicht gezählt. Es sind viele, viele, viele, viele Stunden.“ Die Worte tropfen zäh aus dem Mund des Sündenkelterers. Worte wiegt er ab wie Trüffel. Es scheint, sein Mund sei durch die Verpflichtung aufs Beichtgeheimnis wie versiegelt. Die Sünden bleiben bei ihm.

500 Osterbeichtzettel

St. Josef am Alten Kornmarkt gilt als die Beichtkirche der Diözese. In der renovierten Beichtkapelle stehen fünf Beichtstühle in Reihe. Nur einer ist immer besetzt. Der in der Mitte. In der Osterzeit suchen alleine bei Georg Zinnbauer 500 Menschen die Lossprechung, darunter viele Pfarrer der Diözese.

Beichtvater Zinnbauer sperrt sein mit dunklem Holz verkleidetes Gnadeninstrument auf. Übers Oberlicht fällt fahles, durch Glasbausteine gefiltertes Tageslicht in die kleine Beichtkammer. Der Stuhl des Beichtvaters steht direkt an der Heizung, aber über der Lehne liegt noch zusätzlich eine warme Decke. Unterm Trenngitter, neben der Durchreiche zum Beichtenden, liegt sein Rosenkranz mit großen bernsteinfarbigen Perlen und ein schrumpfender Stapel Osterbeichtzettel. „Die Frequenz ist ungebrochen“, sagt Zinnbauer. „Ich sitze hier keine fünf Minuten ohne Pönitenten.“

Menschen muss man mögen. Die darf man nicht einfach nur absolvieren. Es ist eine Sache des Herzens.“

Georg Zinnbauer, Beichtvater

Pönitent ist ein anderes Wort für Beichtender. Wer das Wort Beichtstuhl googelt, stößt prominent auf eine Facebook-Seite mit obszönen Geständnissen in Serie. Die Seite wurde von über einer Million Personen abonniert. In pervertierter Form interessiert das Thema immer noch brennend.

„Ich weiß“, sagt Georg Zinnbauer und sein Gesicht nimmt sorgenvolle Züge an. „Ich sehe ein zunehmendes Abgleiten von Menschen, die nicht mehr kirchlich gebunden sind. Man kann da nur tiefes Bedauern und echtes Mitleid haben und still beten.“ Urteilen, verurteilen hat im Leben des Beichtvaters keinen Platz. „Beten, segnen und lieben: Nur so kann die Kirche dem begegnen.“ Diese Worte scheinen aus seinem Seelengrund zu quellen.

Der Aushang wechselt täglich.  Foto: Wanner
Der Aushang wechselt täglich. Foto: Wanner

Wie findet ein Beichtvater die richtigen Worte? „Es bedarf einer Vorbereitung und einer gewissen Innerlichkeit.“ 55 Jahre ist Zinnbauer in dieser inneren Art Priester. Sein Leitstern ist Jean-Marie Vianney, der Pfarrer von Ars. Jean Vianney bekam im Februar 1818 eine desinteressierte 240-Seelen-Gemeinde bei Lyon und reformierte sie mit seiner intuitiven Art aus dem Beichtstuhl heraus. „14 bis 18 Stunden hörte er Beichte. Er hat halb Frankreich bekehrt“, flüstert Zinnbauer.

Die Beichtkammer. Foto: Wanner
Die Beichtkammer. Foto: Wanner

Bei Zinnbauer begann es als Kooperator in Kirchenthumbach. „Es war 1963, Bergfest. Mein Pfarrer hat mich am Samstagnachmittag in die Bergkirche zum Beichthören geschickt. Um 13.30 Uhr war ich im Beichtstuhl. Durchgegangen ist es bis 21.30 Uhr, bis die Haushälterin an den Beichtstuhl klopfte und sagte: Essen S‘ was. Das war mein Einstieg in die Seelsorge und es ist nicht mehr abgerissen.“ In seinen Pfarrstellen St. Josef und den 30 Jahren in St. Konrad in Weiden kamen die Leute „en masse zum Beichten“. Bis zu 40 Stunden sei er mit zwei Kaplänen in der Karwoche im Beichtstuhl gesessen.

Die vielen Stunden hinterm trennenden Gitter haben den Menschen Zinnbauer verändert. „Man wird gütiger, nachsichtiger, barmherziger. Man kann als Beichtvater den Menschen mehr verstehen.“ Zinnbauer lächelt fast mütterlich. Er ist kein frommer Tropf, er kennt die Realität: „Die allgemeinen Beichtzahlen sind sehr zurückgegangen, aber die Qualität der Beichten steigt. Die, die kommen, haben etwas Besonderes auf dem Herzen.“

Zinnbauer sagt, er sei durch die Erfahrung darauf gekommen, den Schwerpunkt seiner Seelsorgearbeit auf den Beichtstuhl zu setzen. Dies bezeichnet er als die intensivste Form der Kommunikation zwischen Pfarrer und Gemeinde. „Menschen muss man mögen. Die darf man nicht einfach nur absolvieren. Es ist eine Sache des Herzens.“

Die wenigsten wollten eine kirchliche Pflicht erfüllen. „Die Zahl der Menschen mit seelischen Nöten wächst ständig. Sie kommen mit Sorgen aus allen Bereichen des Lebens.“ Dass er nicht selten hört, „meine letzte Beichte war bei meiner Erstkommunion“, bejaht er mit seinem Minenspiel. Manche sind mit ihrem Latein am Ende. „Sie suchen Rat, sie wollen Trost.“

Das große Durchatmen

Blick in die Beichtkapelle Foto: Wanner
Blick in die Beichtkapelle Foto: Wanner

„Die meisten orientieren sich an den Zehn Geboten, sprechen aber darüber in einer ganz persönlichen Freiheit. Dann kommt mein Zuspruch, mit Rat und Hilfe, vielleicht gibt es auch eine Zwischenfrage. Ganz wichtig ist den Menschen am Ende, dass sie wirklich losgesprochen sind.“ Die Erleichterung auf der anderen Seite sei jedes Mal deutlich hörbar. Er spricht vom „großen Durchatmen.“

Was bekommt er zu hören? „Alles, was auch Thema in der Gesellschaft ist.“ Ehebruch, Abtreibung? Dazu kann er nichts sagen, aber er lässt seine Augen sprechen. In der Beichte komme Gottvater jedesmal mit offenen Armen auf den verlorenen Sohn, die verlorene Tochter zu. Man müsse das Angebot nur annehmen.

Ein Bauernsohn wird Priester

  • Geburt:

    Am 20. Januar 1938 wurde Georg Zinnbauer am elterlichen Hof in Trossau geboren. 1948 kam er in das Studienseminar Obermünster nach Regensburg. 1955 wechselte er ans Knabenseminar nach Weiden. 1957 folgte das Studium an der philosophisch-theologischen Hochschule Regensburg.

  • Weihe:

    Am 29. Juni 1963 wurde Georg Zinnbauer mit insgesamt 32 Kurskollegen von Bischof Dr. Rudolf Graber zum Priester geweiht. Primiz war tags darauf.

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