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Menschen

Ex-Kommissar klagt: „Keiner hat Respekt“

Der ehemalige Regensburger Chef-Fahnder Edi Ipfelkofer über sein Leben als Polizist und die Verrohung der Gesellschaft
Von Helmut Wanner

  • „Nacht der Gewalt gegen die Polizei“: Kriminalhauptkommissar Eduard Ipfelkofer mit der Seite 1 des Lokalteils der Mittelbayerischen ZeitungFoto: Wanner
  • Kanzler Helmut Kohl beim Manöver „Flinker Igel“: Links vom Kopf des Generals geht Hans Hirschinger aus der Einheit von Edi Ipfelkofer (links neben Kohl). Er kam im Einsatz am WAA-Gelände ums Leben. Foto: Nübler
Edi Ipfelkofer im Einsatz als Personenschützer
Edi Ipfelkofer im Einsatz als Personenschützer

Regensburg.Dass er in seinem Beruf das 78. Lebensjahr erreichen würde, hätte sich Kriminalhauptkommissar a. D. Eduard Ipfelkofer nicht träumen lassen. Der Ipfelkofer Edi war einmal Regensburgs bekanntester Fahnder und Personenschützer. Der Polizeidienst war sein Leben. „Und ich“, sagt er, „war gewiss kein leinener.“

Gustl Lang, Willi Gastinger mit den Personenschützern Toni Schmalzl und Edi Ipfelkofer. Foto: Nübler
Gustl Lang, Willi Gastinger mit den Personenschützern Toni Schmalzl und Edi Ipfelkofer. Foto: Nübler

Edi Ipfelkofer sieht sich nach 41 Jahren im Polizeidienst als Ersatzteillager auf zwei Beinen. „Ich hab zwei neue Knie, zwei neue Hüften, ein neues Schultergelenk, einen Herzschrittmacher.“ Die linke Schulter machte Schwierigkeiten, seit er sich im Dienst-Pkw überschlagen hat. Drei Mal bestimmt habe er im Beruf einen Schutzengel gehabt. Bei der Lorenz-Entführung 1973 geriet er in Berlin in einen Schusswechsel. 1986 ist sein Einsatzhubschrauber vom Schwarzen Block in Wackersdorf mit Steinen beworfen worden.

„Menschen, die ihre Arbeit tun“

Franz-Josef Strauß bei der Grundsteinlegung fürs Uniklinikum. Ipfelkofer schützte ihn. Foto: Nübler
Franz-Josef Strauß bei der Grundsteinlegung fürs Uniklinikum. Ipfelkofer schützte ihn. Foto: Nübler

Lange nichts mehr gehört von Edi Ipfelkofer, dem Ganovenschreck. Der BMW, den er bei seiner Pensionierung kaufte, hat jetzt 435 000 Kilometer auf dem Tacho und läuft runder als sein Fahrer. Der kommt mit Nusshörndl und holt die Mittelbayerische Zeitung aus dem Briefkasten: „Nacht der Gewalt gegen die Polizei.“ Er kann nur den Kopf schütteln: „Einen Respekt hat keiner mehr vor der Polizei, das ist ein Wahnsinn!“ Es tut ihn für die Kollegen leid, die ihr Leben eingesetzt haben und an der Gesundheit beschädigt wurden. „Das sind doch auch nur Menschen, die ihre Arbeit tun.“

Das Dorf Teuerting bei Abensberg, in dem er geboren ist, nennen die Einheimischen „Tating“. Ipfelkofer stammt aus dem Anwesen direkt am Friedhof. Am Kriegerdenkmal kann er den Namen seines Vaters und seines Großvaters lesen. Edi ist Kriegswaise. Er braut einen starken Kaffee, überfliegt die Geschichte über seine Kollegen und sagt: „Für mich hat das alles schon damals angefangen. Anfang der 80er-Jahre in Wackersdorf.“

Edi Ipfelkofer arbeitete als Chef der Aufklärung. Er war mit am längsten dort, kommt auf sechs Einsatzjahre im Taxöldener Forst. „1983 haben sie mich erstmals hingeschickt. Wir haben Transformatorenhäuschen observiert. Ich sagte zu meinem damaligen Chef: Außer Hasen und Füchsen siehst nix dahinten. Da ist er mit der Wahrheit rausgerückt.“

Ipfelkofer war jeden Tag draußen. „Was da Geld versenkt wurde. Unvorstellbar.“ 30 Jahre nach dem „WAAhnsinn“ wolle auch bei der Polizei keiner mehr etwas hören von der WAA, wo Tausende seiner Kollegen ihr Leben riskiert haben.

Einer von seinen Leuten, Johann Hirschinger, hat es am 23. September 1986 verloren. Dieses Datum ist in seine Erinnerung eingebrannt, weil er sich „indirekt schuldig“ fühlt. „Ich habe den Befehl gegeben.“ Drei Mitglieder des Schwarzen Blocks aus Coburg hatten am 7. September gegen 17 Uhr den tieffliegenden Aufklärungshubschrauber mit Steinen beworfen. Ipfelkofer hatte sie identifiziert und gab den Befehl: „Hans, die holst du dir.“ Doch „die Störer“ hatten sich im Unterholz verkrochen. Die Lage war gespannt, die Beamten befanden sich mitten im Geschehen und zogen sich zurück. Beim Steigflug passierte das Unglück. Der Hubschrauber wurde am Bahndamm von einem Triebwagen erfasst. 10 Zentimeter an Höhe hatten gefehlt. Der Hubschrauber stürzte ab und verbrannte. „Das werde ich nie vergessen. Der Landrat und 150 Demonstranten standen am Bahndamm und schauten zu, wie wir die Opfer bargen.“ Fünf waren im Hubschrauber. Dem Pilot und dem Co-Pilot passierte nichts. Heinrich Urlinger war schwer verletzt. Ein Kollege stand unter Schock. Hans Hirschinger wurde nach Murnau geflogen. Er starb Tage später. Ipfelkofer: „Zehn Minuten vorher war Hirschinger zugestiegen und ich war ausgestiegen.“ Der Kollege hatte Ipfelkofers Platz eingenommen.

Dieses tödliche Szenario hatte Ipfelkofers Mutter im Kopf, als sie ihrem Buben verbot, zur Polizei zu gehen. Mit Uniformen war die Kriegerwitwe durch. Doch Edi Ipfelkofer wollte unbedingt zur Polizei. Schon in der Schule hatte er den Wunsch. Nach der Schule hat er seine Stelle bei der BayWa gekündigt und sich am 4. März 1959 heimlich in den Zug gesetzt. Er war der 13. von 25 Bewerbern, die bei der zweitägigen Einstellungsprüfung in der RT-Halle genommen wurden. 250 waren angetreten. Als Edi Ipfelkofer nach Hause kam, stand seine Mutter schon in der Tür des Bauernhauses: „Wo kommst‘ n du jetzt her…?“ Eine Woche war Stummfilm.

Einmal Polizist, immer Polizist. Edi Ipfelkofer sagt: „Ich würde wieder zur Polizei und wieder Fahnder. Die Fahndung ist ein Knochenjob. Du bist Tag und Nacht unterwegs. Du hast zwar neue Autos, kannst Prominente schützen, aber du weißt nie, wann du ausrückst, wann du heimkommst und ob du überhaupt wieder heimkommst.“

„Wo das hinführt, weiß Gott“

Die Jahre haben in Deutschland viel verändert. „Damals bist du als Polizist anders angeschaut worden“, sinniert Ipfelkofer. „Mit Wehmut denkt er an die frühen Jahre, als alles war wie bei der Vorabendserie „Funkstreife Isar 12“. Dort zeigten ja selbst die Verbrecher Herz und Reue. Kürzlich hat Ipfelkofer einen alten Kunden im Bus getroffen. Die Kundschaft hat ihn freundschaftlich begrüßt: „Ja, Edi, was machst denn du im Bus?“

Von diesem gegenseitigen Respekt sei man nun gänzlich abgekommen. Ipfelkofer macht die Verrohung der Gesellschaft fassungslos. „Wo das hinführt, weiß der liebe Gott.“

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Der Fahnder

  • „Edi, wen

    hostn heit?“, tönte es aus dem Goldenen Kreuz, wenn er in seinem karierten Sakko aus dem Dienst-BMW ausstieg. Die Uniform hatte er 1973 beim Übergang zur Fahndung abgelegt.

  • Wer ihn

    kannte, wusste schon, dass wieder was im Busch ist, wenn Eduard Ipfelkofer mit seinem bedeutungsschwangeren Überwacherblick über den Haidplatz schritt. Wenn Kohl, Genscher oder Strauß in Regensburg waren, war Eduard Ipfelkofer immer dabei. „PS“ (Personenschutz) gehörte zu den Aufgaben des Leiters der Fahndungsabteilung der Regensburger Polizeidirektion. 26 Mal hat er allein Franz-Josef Strauß beschützt. Im November 2000 ging der Niederbayer in Rente.

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